Die Kämpfe zwischen Israel und Hisbollah im Libanon eskalieren. Eine Bodenoffensive könnte verheerende Folgen haben. Eine Million Menschen sind bereits auf der Flucht.
Flammen steigen auf nach einem israelischen Luftangriff in Dahija, einem südlichen Vorort von Beirut.
Von Rainer Pörtner
Im Schatten des Iran-Kriegs eskaliert die Situation im Libanon. Die Kämpfe zwischen der Hisbollah und Israel werden intensiver, rund eine Million Menschen sind auf der Flucht, die Sorge vor einer großen Bodenoffensive der israelischen Armee wächst.
Eine solche Offensive hätte „verheerende humanitäre Folgen und könnte zu einem langwierigen Konflikt führen“, warnen die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Kanadas und Großbritanniens in einer gemeinsamen Erklärung.
Warum sind die Kämpfe jetzt ausgebrochen?
In einem rund einjährigen Krieg bis November 2024 hatte Israel die Hisbollah im Libanon stark geschwächt, viele Anführer der Miliz wurden getötet. Nach Vereinbarung einer Waffenruhe hatten die Hisbollah-Angriffe auf Israel weitgehend aufgehört. Die israelische Armee führte weiter vereinzelte Luftschläge durch, zog sich aber bis auf kleine Restposten aus dem Südlibanon zurück.
Die Hisbollah sieht sich als Schutzmacht der Schiiten im Libanon und als einzig wahre Widerstandskraft des Landes gegen Israel. Sie ist politisch und militärisch eng mit dem Mullah-Regime in Teheran verbunden.
Kurz nach Beginn des neuen Iran-Kriegs und der Tötung des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei griff die Hisbollah erneut mit Raketen an. Dem neuen iranischen Machthaber, Chameneis Sohn Modschtaba, schworen sie die Treue. Israel reagierte sofort mit massiven Gegenangriffen – zunächst vor allem aus der Luft. Die israelischen Raketen schlagen auch in dicht besiedelten Wohnvierteln in und um Beirut ein.
Plant Israel eine großflächige Invasion?
Viele Indizien deuten darauf hin, dass Israel seine militärischen Operationen im Südlibanon ausweiten will – in einer Zone, die eigentlich unter UN-Überwachung steht. In den vergangenen Tagen waren bereits vereinzelt Bodentruppen vorgestoßen, um gegen Hisbollah-Kämpfer und die Infrastruktur der Miliz vorzugehen.
Jetzt gehe es darum, „Gebiete einzunehmen, Hisbollah-Kräfte in Richtung Norden und weg von der Grenze zu drängen und militärische Stellungen und Waffenlager in den Dörfern zu zerstören“, sagte ein hochrangiger israelischer Vertreter dem US-Nachrichtenportal Axios. Israels Armee mobilisiert weitere Reservisten, von denen bereits mehr als Hunderttausend an allen Fronten im Einsatz sind.
Wie ist die humanitäre Lage?
In Israel starben rund ein Dutzend Menschen durch Raketen des Iran und der Hisbollah. Die Opferzahlen im Libanon sind viel höher: Bisher meldeten die Behörden rund 900 Tote und 2000 Verletzte. Rund eine Million Menschen sollen innerhalb des Libanon auf der Flucht sein. Viele sind auf den Straßen der Hauptstadt Beirut gelandet.
Anders als in Israel gibt es im Libanon kein Frühwarnsystem gegen Luftangriffe, keine Bunker und Schutzräume für die Zivilbevölkerung. Die israelische Armee hat immer wieder zur Evakuierung von Dörfern südlich des Litani-Flusses aufgerufen. Diese Aufrufe haben laut Augenzeugenberichten zu teilweise chaotischen Situationen geführt.
Wie reagiert die libanesische Regierung?
Im Libanon ist nicht nur die Furcht vor einer israelischen Bodenoffensive groß, sondern auch vor einem inner-libanesischen Bürgerkrieg. Die Regierung in Beirut ist traditionell schwach, die Konflikte zwischen den religiösen, ethnischen und politischen Fraktionen lähmen den Staatsapparat. Eigentlich sollte die Regierung die Hisbollah entwaffnen, aber dazu fehlt ihr die Kraft. Inzwischen hat sie die militärischen Aktivitäten der Miliz als illegal erklärt – ein politisch wichtiger, aber noch weitgehend folgenloser Schritt. Die für Mai geplante Neuwahl des Parlaments wurde um zwei Jahre verschoben.
Entsteht wieder eine „Sicherheitszone“?
Die Regierung in Jerusalem schweigt über ihre genauen Kriegsziele. Zwischen 1982 und 2000 hielt Israel im Südlibanon eine sogenannte Sicherheitszone besetzt. Wie heute war auch damals das erklärte Ziel, die Menschen in Israel vor Angriffen der Hisbollah zu schützen.
Stattdessen wurden jedoch viele Israelis in Uniform Opfer der Milizen-Gewalt. Fast tausend israelische Soldaten ließen in diesen acht Jahren im Libanon ihr Leben.