Nach zwei schweren Erdbeben liegen im Norden Venezuelas ganze Straßenzüge in Trümmern. Im Wettlauf mit der Zeit suchen Anwohner verzweifelt nach Verschütteten. Es könnten Tausende sein.
Im Bundesstaat La Guaira an der Karibikküste sind die Folgen der Erdbeben besonders dramatisch.
Von dpa
Caracas - Unter widrigen und teils lebensgefährlichen Umständen suchen verzweifelte Menschen nach der Erdbebenkatastrophe in Venezuela verschüttete Angehörige in meterhohen Schutthaufen. Im Bundesstaat La Guaira im Norden des Landes sei die Lage besonders dramatisch, berichtete die Online-Plattform "Tal Cual".
Bilder von dort zeigen Gebäude, die komplett in Trümmern liegen. Es gebe keinen Strom, kein Wasser und es sei bereits zu Plünderungen von Geschäften gekommen, berichtete "Tal Cual". Für die Sucharbeiten werde schweres Gerät benötigt - daran fehlt es aber bislang noch. "Alles von Hand zu machen, ist ziemlich mühsam", schilderte eine Bewohnerin der Stadt Catia La Mar nordwestlich von Caracas. "Falls noch jemand am Leben ist, hat er nicht mehr die Kraft, zu antworten."
Auf einige Betonruinen hätten die Bewohner die Namen der eingestürzten Gebäude gesprüht, hieß es in dem Bericht weiter. An manchen Wänden heiße es aber auch beruhigend: "Uns allen geht es gut."
Mehr als 70.000 Familien in La Guaira betroffen
Nach Angaben von Innenminister Diosdado Cabello sind allein in dem Bundesstaat an der Karibikküste mehr als 70.000 Familien von den Folgen der Erdbebenkatastrophe betroffen. "Wir lassen euch nicht allein", versicherte Cabello am Donnerstag (Ortszeit) bei einem Besuch in La Guaira. Er kündigte umfassende Rettungs- und Bergungsarbeiten sowie Wasserlieferungen und Lebensmittelhilfen für die Bevölkerung an.
Zwei schwere Beben der Stärke 7,2 und 7,5 hatten am Mittwoch den Norden und das Zentrum Venezuelas erschüttert - im Abstand von nur 39 Sekunden. Schwere Schäden gab es besonders in La Guaira, wo auch der internationale Flughafen und der wichtigste Seehafen des Landes liegen. Dort wurden düstere Erinnerungen an eine andere Naturkatastrophe wach: Die Region hatte 1999 nach heftigen Regenfällen verheerende Überschwemmungen erlebt, die Tausende Menschen das Leben kostete.
Tausende Verschüttete befürchtet
Laut der venezolanischen Regierung wurden bislang 235 Tote gezählt. Mehr als 4.300 Verletzte seien bisher in öffentlichen Krankenhäusern behandelt worden, sagte Gesundheitsminister Carlos Alvarado im Fernsehsender VTV.
Rund 200 weitere Menschen sollen noch immer unter den Trümmern verschüttet sein, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, sagte. Dabei dürfte es aber nur um diejenigen gehen, die bereits unter den Trümmern verortet wurden. Es gibt Hinweise darauf, dass die Gesamtzahl der Verschütteten in die Tausende gehen könnte.
Christof Johnen, beim Deutschen Roten Kreuz zuständig für internationale Zusammenarbeit, betonte im ZDF-"Morgenmagazin", es gebe auch 30 Stunden nach dem schweren Beben noch immer kein klares Lagebild und aus vielen betroffenen Gegenden kaum Informationen. "Insofern ist die Annahme tatsächlich gerechtfertigt, dass die Zahl getöteter Menschen, obdachloser Menschen, verletzter Menschen noch dramatisch weiter ansteigen wird." Selbst eine fünfstellige Zahl an Todesopfern sei denkbar.
Erste internationale Hilfsteams treffen ein
Am Donnerstagabend trafen nach Regierungsangaben erste internationale Hilfsteams in Venezuela ein, darunter 188 Rettungskräfte aus El Salvador. Auch knapp 50 Einsatzkräfte aus Deutschland fliegen heute ins Katastrophengebiet: Ein Team des Technischen Hilfswerks (THW) sollte am Morgen vom Fliegerhorst Wunstorf in Niedersachsen mit einer Bundeswehr-Maschine abheben. Im Vordergrund stünden die Bergung und Rettung verschütteter Menschen, sagte THW-Präsidentin Sabine Lackner kurz vor der Abreise des Teams in Köln. Zu der schnellen Einsatztruppe gehören vier Rettungshundeführer mit jeweils einem Hund.
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: "In der Regel sagt man, 72 Stunden nach einem Erdbeben, das sind ganz entscheidende Stunden. Da können wir auch noch sehr viele Menschen lebend retten", sagte Lackner. Aber auch danach gebe es immer wieder "Wunder".
Johnen vom Deutschen Roten Kreuz sagte mit Blick auf die infolge einer jahrelangen Wirtschaftskrise ohnehin schon angeschlagenen Strukturen in Venezuela: "Das Gesundheitswesen liegt am Boden. In allen Gesundheitseinrichtungen fehlt es an Material, es fehlt an Personal, es fehlt an Medikamenten." Daher bringe das Deutsche Rotes Kreuz mit dem kolumbianischen Roten Kreuz 18 Tonnen medizinische Hilfsgüter ins Land. "Die werden heute im Laufe des Tages dort ankommen."
Katastrophe trifft ein ohnehin erschöpftes Land
Das Land an der Nordspitze Südamerikas befand sich schon vor der Erdbebenkatastrophe in einer prekären Lage. Trotz der größten bekannten Erdölreserven der Welt, deren Verwertung allerdings technisch komplex und kostspielig ist, leben viele Menschen in Armut. Krankenhäuser, Strom- und Wasserversorgung funktionieren vielerorts ohnehin nur eingeschränkt. Bereits vor den Beben seien fast acht Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen gewesen, sagte UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher.
Auch politisch erlebt Venezuela turbulente Zeiten. Im Januar hatte das US-Militär den langjährigen Machthaber Nicolás Maduro gefangengenommen und in die USA gebracht. Seine vorherige Stellvertreterin Delcy Rodríguez ist seither geschäftsführend im Amt.
Zahlreiche Gebäude liegen in Trümmern.
Menschen suchen mit bloßen Händen nach ihren Angehörigen.
Zahlreiche Menschen benötigen Hilfe.
Mindestens 250 Gebäude sind eingestürzt oder wurden beschädigt.
Mindestens 1.500 Menschen wurden verletzt.