Der Streit um eine Rampe für eine Rollifahrerin geht in die nächste Runde. Nun hat sich ein Behindertenverband aus Berlin zu Wort gemeldet – und Boris Palmer schießt zurück.
Beklagt die Debattenkultur in Deutschland: Boris Palmer (im Bild vor der Veranstaltung mit AfD-Landeschef Frohnmaier)
Von Michael Bosch
Der Streit um eine Rampe bei der Sportlerehrung in Tübingen geht in eine zweite Runde. In der Sache hat sich der Allgemeine Behindertenverband in Deutschland (ABiD) zu Wort gemeldet, der in Berlin sitzt. Er fordert in dem Zusammenhang unter anderem „spürbare Strafen“. Menschenwürde dürfe „kein Kostenfaktor“ sein, heißt es in einer Mitteilung. Barrierefreiheit sei „kein freiwilliges Geschenk. Sie ist ein Grundrecht für alle Menschen“, so der Verband weiter.
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer will für die Tischtennisspielerin Cary Hailfinger, die als einzige Rollstuhlfahrerin für ihre Leistungen Ende Juni geehrt wird, nicht extra eine Rampe aufbauen lassen. Er argumentiert unter anderem damit, dass diese 1200 Euro - und aus seiner Sicht deutlich zu viel - kosten würde und in der Halle zu wenig Platz sei. Das hatte sie auf Facebook öffentlich gemacht und unter anderem gefragt, ob sie die Rampe nicht wert sei. Palmers Replik auf seinem Social-Media-Kanal brachte ihm teils harsche Kritik ein.
Verband fordert Palmer auf, Entscheidung sofort zurückzunehmen
Das setzt Marcus Graubner, der Vorsitzende des ABiD, fort: Es sei „beschämend, wenn eine Sportlerin wegen ein paar Euro nicht auf die Bühne darf“, so Graubner. „Wir fordern Oberbürgermeister Palmer auf, diese Entscheidung sofort zurückzunehmen. Menschen mit Behinderung wollen nicht von unten zuschauen müssen.“
Palmer bleibt bei seiner Haltung. Eine Rampe werde für die Sportlerehrung nicht aufgebaut. Auf Facebook wiederholte er seine Argumente dagegen. Unter anderem schrieb Palmer, dass die Bühne selbst „keine Auszeichnung“ sei, sondern vor allem der besseren Sichtbarkeit im Saal diene. „Wenn notwendig, können Ehrungen selbstverständlich auch auf gleicher Ebene stattfinden.“ Ihm gehe es ausdrücklich nicht darum, Menschen im Rollstuhl schlechter zu stellen. „Im Gegenteil: Wenn zusätzliches Geld eingesetzt wird, sollte es dort ankommen, wo es dauerhaft und möglichst vielen Betroffenen hilft.“ Er hatte angeboten die Hälfte der für die Rampe eingesparten Summe an einen Verein oder ein Projekt zu spenden, das Hailfinger vorschlagen darf.
Palmer beklagt in diesem Zuge das vergiftete Klima bei Debatten dieser Art in Deutschland. Die Diskussion um die Rampe in Tübingen „zeigt leider einmal mehr, wie schwer sachliche Debatten inzwischen geworden sind.“ Wer eine pragmatische Abwägung fordert, wird sofort moralisch verurteilt. „Statt Argumente auszutauschen, werden Begriffe wie ‚behindertenfeindlich‘ oder ‚menschenunwürdig‘ in den Raum gestellt“, schreibt Palmer. Das ersetze aber keine vernünftige Diskussion. Seine Entscheidung könne man kritisieren, daraus aber Menschenfeindlichkeit zu konstruieren, führe nicht weiter. Pragmatismus und Inklusion gehörten zusammen.
Palmer spicht auch explizit den Verband in Berlin an. Offenbar ärgerte ihn insbesondere die Forderung nach Sanktionen. „Ihr Fundamentalismus und die Wunschvorstellung, mit Strafen auf andere Auffassungen zu reagieren, schaden dem Anliegen behinderter Menschen massiv und sind im Kern totalitär“, so Palmer. Cary Hailfinger, die die Debatte erst losgetreten hatte, hat sich im Übrigen versöhnlich geäußert. Sie sei zuversichtlich, dass man einen Weg finde. In dieser Woche führte sie ein Gespräch mit der Bürgermeisterin für Soziales, Ordnung und Kultur in Tübingen, Gundula Schäfer-Vogel. Verschiedene Stellen - unter anderem die Inklusionsbeauftragte und das Hochbauamt - würden daran arbeiten, „für die Ehrung von Frau Hailfinger eine gute, bestenfalls nachhaltige Lösung zu finden“, schrieb Schäfer-Vogel dazu. Die Ehrung findet am 30. Juni statt.