Nach dem Inflationsschock der vergangenen Jahre ist die Teuerung heute schon fast zu niedrig.
Von Eidos Import
Zwei Zahlen dominieren die Debatte in der Ernährungspolitik: Lebensmittel sind seit dem Jahr 2020 um ein Drittel teurer geworden. Wohl unter dem Eindruck, dass über die Ländergrenzen hinweg das Konzept von „Affordability“ (Erschwinglichkeit) zu einem politischen Kassenschlager wurde, überbieten sich die linken Parteien mit Vorschlägen, die den Einkauf beim Discounter oder im Supermarkt wieder günstiger machen sollen.
Die SPD fordert einen „Deutschlandkorb“ mit günstigen Grundnahrungsmitteln, die Linke will für diese gleich die Mehrwertsteuer abschaffen, die Grünen fordern eine verpflichtende Preisvergleichs-App für den Lebensmitteleinzelhandel. Alles für die armen Verbraucher, die ja, wir hatten das schon, ein Drittel mehr bezahlen müssen als vor sechs Jahren. Doch bei all dem Fokus auf diese Zahl geht eine andere, aktuellere, unter: 1,8 Prozent. Das war die Inflationsrate im Dezember. Und für Lebensmittel war sie noch einmal deutlich geringer: 0,8 Prozent.
Ja, die hohen Inflationsraten der Jahre 2022 und 2023 waren ein Schock für die Verbraucher und auch die Volkswirtschaft. Da gibt es auch nichts schönzureden. Aber die Politik wäre gut beraten, jetzt nicht aus populistischen Eigeninteressen heraus noch ewig auf dem Gaul der hohen Inflation zu reiten, der rein statistisch betrachtet eigentlich schon tot ist. Denn zur Wahrheit gehört ja auch: Seit Beginn dieses Jahrzehnts, auf den sich das ominöse Drittel bezieht, hatte Deutschland drei Bundeskanzler, in den USA wurde Donald Trump erst ab- und dann wiedergewählt – und die Welt hat eine Pandemie überstanden.
Und es ist ja nicht so, als ob die Löhne im selben Zeitraum nicht gestiegen wären. Blickt man auf die Reallöhne, also die durchschnittliche Lohnentwicklung abzüglich der Inflation (!), ergibt sich sogar im Vergleich mit 2020 ein leichtes Plus. Ja, solche Durchschnittswerte haben nur eine bedingte Aussagekraft. Natürlich kann sich längst nicht jeder Bürger heute etwas mehr leisten als vor sechs Jahren. Aber umgekehrt sollte die gefühlte Wahrnehmung der Menschen schon auch von Fakten gedeckt sein, um daraus seriöse Politik abzuleiten.
Eine Institution würde sich sicherlich freuen, wenn sich die Debatte in Deutschland von dem Inflationsschock erholen und die aktuellen Preise als das neue Normal akzeptiert werden würden: die Europäische Zentralbank. Denn streng genommen liegt das größte Mitgliedsland im Euroraum mit den 1,8 Prozent Inflation unter deren Zielwert von 2 Prozent.
Den setzen die Währungshüter nicht, damit die Bürger sich konstant über steigende Preise ärgern müssen, sondern um Preisstabilität zu gewährleisten. Beim Kauf von Butter freuen sich die Verbraucher, wenn sie weniger bezahlen müssen – aber für die Volkswirtschaft wären strukturell sinkende Preise eine größere Katastrophe als es der Inflationsschock war, weil sie eine Abwärtsspirale der Wirtschaft auslösen könnten. Bürger dürften auch weiterhin kaum jubeln, wenn Produkte teurer werden. Es wäre schon ein Vorteil, wenn sie mit den Preisvergleichen nicht zu weit zurückblicken.
Nach der Euro-Einführung und der Empörung darüber, dass sich die Preise angeblich verdoppelt hätten und eine D-Mark jetzt einem Euro entspräche, hat das auch geklappt. Irgendwann.
Diskussionen über die Marktmacht der vier Einzelhandelsriesen, wie sie die Monopolkommission mit ihrem Sondergutachten am Ende des vergangenen Jahres auslöste, sind trotzdem richtig. Mehr Wettbewerb könnte den Erzeugern höhere Preise sichern oder den Verbrauchern niedrigere – oder möglicherweise beides.