Kommerziellen Tiefseebergbau gibt es bisher nicht. Warum das bis auf Weiteres so bleibt, erklärt der Geochemiker Matthias Haeckel.
Die meisten Tier- und Pflanzenarten der Tiefsee sind uns völlig unbekannt.
Von Rebekka Wiese
Noch weiß man viel zu wenig über mögliche Folgen des Tiefseebergbaus, warnt der Wissenschaftler Matthias Haeckel. Er arbeitet beim GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und ist Koordinator für das Europäische Forschungsprojekt Mining Impact.
Herr Haeckel, welche wertvollen Metalle verbergen sich in den Böden der Tiefsee?
Da geht es vor allem um Manganknollen, Eisen-Mangan-Krusten – also Kobalt, Nickel, Kupfer – und Massivsulfide. Man findet sie auch an Land, aber in Summe gibt es deutlich mehr in der Tiefsee. Dass das Interesse daran steigt, hängt vor allem mit der Energiewende und der Digitalisierung zusammen. Man braucht die Stoffe zum Beispiel für Batterien oder Elektronik.
Kommerziell abgebaut wird in der Tiefsee aber noch nicht. Warum nicht?
Weil wir zu wenig über die Risiken wissen. Daran forschen meine Kollegen und ich seit knapp zehn Jahren. Unsere Ergebnisse fließen in die Vorgaben ein, die den Tiefseebergbau später regeln sollen. Dafür ist die Internationale Meeresbodenbehörde zuständig. Ihre Aufgabe ist es, sich um diese Rohstoffe zu kümmern – und um den Schutz der Umwelt. Für den Abbau hat man noch keine Regeln wie Schad-Grenzwerte oder Ähnliches festgelegt. Sie hängen auch davon ab, was wir herausfinden.
Was wissen Sie bis jetzt über die Risiken?
Bislang vor allem, dass es um sehr langfristige Folgen geht; das Leben unten in der Tiefsee läuft nämlich sehr langsam. Wenn man dort eingreift, dauert es Jahrtausende, bis sich die Natur erholt. Das wissen wir, weil man vor 30 Jahren schon mal Störungsexperimente da unten durchgeführt hat. Das sieht heute noch aus, als sei es gestern gewesen. Denn es kommt sehr wenig Material von der Wasseroberfläche da unten an. Man kann grob sagen: etwa ein halber Zentimeter pro tausend Jahre, also eine Haarbreite im Jahr.
Was kann da unten zerstört werden?
Es wird vermutlich zum Verlust von Biodiversität kommen. Wir lernen noch, wie dieses Ökosystem funktioniert – oder auch, wie Tiefseebergbau sich auf die Lebensgemeinschaften auswirkt. Von den meisten Organismen, die wir aus der Tiefsee hochholen, haben wir nur ein Exemplar. 90 Prozent der Tierarten sind uns völlig unbekannt. Das macht es schwierig, die Umweltauswirkungen im Detail vorherzusagen. Wir sollten dabei nicht vergessen: Seit 1992 gilt der Tiefseeboden als „gemeinsames Erbe der Menschheit“. Das bedeutet: Wir sollten ihn bewahren.