Albin Braig, der Kult-Hannes, erzählt zu seinem 75. Geburtstag von seiner Karriere, dem Verlust seines Bühnenpartners, den Freuden des Ruhestands. Und er verrät, wo er sich kulturell engagiert.
Albin Braig spielte in 172 Sketchen den Amtsboten Hannes.
Von Uwe Bogen
Stuttgart - Wenn ihm jemand auf die Schulter klopft, weiß er meist schon, was kommt. „Hawa, du bisch au do?“, sagen die Leute dann – so, als träfen sie einen alten Freund. Für viele ist Albin Braig bis heute vor allem eines: der Hannes, einer von ihnen. Am 19. März wird der beliebte schwäbische Volksschauspieler 75 Jahre alt.
Besonders schwierig wird es für den langjährigen Leiter der Komede-Scheuer bei der Mäulesmühle in Musberg, wenn er das Cannstatter Volksfest besucht. Auf den Wasen gehe er inzwischen gar nicht mehr, erzählt Braig, weil er sonst „total erschlagen“ im Festzelt ankomme. „Alle sagen Du zu mir“, berichtet er. Die Menschen nehmen ihn als ihresgleichen, als Mann des Volkes.
Dr Hannes soll reikomma! Mit seiner Paraderolle als Amtsbote Hannes in der legendären Sketch-Reihe „Hannes und der Bürgermeister“ hat sich Braig in die Herzen von Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern gespielt. Insgesamt 172 Folgen der Kultserie wurden zwischen 1985 und 2023 produziert – selbst Wiederholungen sind bis heute Quotengaranten beim Südwestrundfunk.
„Der Karle hat mich plötzlich alleingelassen. Mein Freund fehlt mir, das Spielen gar nicht.“ Albin Braig über den Verlust seines langjährigen Bühnenpartners Karlheinz Hartmann
Zum 75. Geburtstag widmet der Sender dem Schauspieler nun ein sehr persönliches Fernsehporträt. In „Albin Braig – Amtsbote Hannes ganz privat“ geben private Familienaufnahmen, Archivmaterial und neue Interviews Einblicke in das Leben des schwäbischen Ausnahmekünstlers. Produzent der Dokumentation ist sein Sohn Bastian Braig. Erstmals seit dem Ende der Serie schlüpft der Vater darin noch einmal in seine Paraderolle.
Der große Erfolg im Fernsehen war für Braig über viele Jahre eher Pflicht als Vergnügen. „Früher habe ich mich im Fernsehen nie ertragen“, sagt der bald 75-Jährige. Wenn eine Sendung lief, habe er vor allem Fehler gesehen und überlegt, wie man eine Szene besser hätte spielen können. „Also blieb der Fernseher aus.“ Hinzu kam ein Arbeitsrhythmus, der kaum Pausen kannte: Auftritte, Proben, Schreiben, Dreharbeiten und Tourneen bestimmten sein Leben – oft sieben Tage die Woche. Nach einem Abend auf der Bühne saß Braig nicht selten noch bis 5 Uhr morgens am Schreibtisch, beantwortete E-Mails oder arbeitete an neuen Sketchen.
Seit seinem Rückzug hat sich vieles verändert. Heute genießt er ein Leben ohne Dauerstress. „Als Rentner hat sich mein Leben völlig gedreht“, sagt Braig. Und manchmal schaltet er inzwischen sogar seine eigene Serie ein. „Es kam sogar schon mal vor,dass ich über mich selbst lachen musste“, erzählt er schmunzelnd.
Freunde, Geschäftspartner und Weggefährten
Eine schmerzliche Zäsur kam 2023: Der Tod seines langjährigen Bühnenpartners Karlheinz Hartmann, der über Jahrzehnte hinweg den Bürgermeister spielte. „Der Karle hat mich plötzlich alleingelassen“, sagt Braig leise.
Die beiden verband weit mehr als nur die Bühne. Sie waren Freunde, Geschäftspartner und Weggefährten über Jahrzehnte hinweg. Bereits 1970 gründeten sie gemeinsam eine Elektronikfirma – ihr Brotberuf, während sie abends auf der Bühne standen. Erst im Jahr 2000 verkauften sie das Unternehmen, um sich ganz der Schauspielerei zu widmen. Der Krebstod Hartmanns setzte einen früheren Schlusspunkt unter Braigs Bühnenkarriere als geplant. „Mein Freund fehlt mir“, sagt er heute, „das Spielen gar nicht.“
Dabei stand Albin Braig praktisch sein ganzes Leben auf der Bühne. Schon als Kind spielte er Theater – „mit fünf oder sechs Jahren“, erinnert er sich. Sein erster Auftritt fand im Stuttgarter Siegle-Haus bei einer Frauentagsveranstaltung statt. Die Idee zur späteren Kultserie kam ursprünglich von seinem Vater Otto Braig. Im ersten Stück „Der Glockenbutzer“ war Hannes noch ein Knecht im Dorf – ein Schelm mit viel Unsinn im Kopf, den der Bürgermeister schließlich zum Amtsboten macht. Als Fernsehleute daraus eine Serie machen wollten, war Braig zunächst skeptisch. „Wie soll das funktionieren, wenn nur zwei Personen in immer derselben Kulisse stehen?“ Doch SDR-Regisseur Dietger Bansberg überzeugte ihn: In England seien solche Formate ein großer Erfolg. Von ihm habe er gelernt, Pointen exakt zu setzen und einen Sketch dramaturgisch aufzubauen. „Ich hatte vielleicht Humor aus dem Bauch und Mutterwitz“, sagt Braig. „Aber dann haben wir gelernt, wie man das richtig macht.“
Raffiniertes Verspotten der Obrigkeit
Das Erfolgsrezept der Serie war einfach: Hannes steht gesellschaftlich unter dem Bürgermeister – doch mit Bauernschläue, Witz und Schlagfertigkeit hält er seinem Chef immer wieder Paroli. Genau dieses raffinierte Verspotten der Obrigkeit lieben die Zuschauer. „Auch Bertolt Brecht hat Theater für das Volk gemacht“, sagt Braig. „Das ist nichts Minderwertiges.“
In der legendären Schnapsflasche auf der Bühne war meist nur Wasser – höchstens mit ein paar Tropfen Schnaps für den Geschmack. Manche Szenen sind längst Teil schwäbischer Fernsehgeschichte geworden, etwa die berühmten „Spuren im Schnee“, als die beiden versuchten, Buchstaben in den Schnee zu pinkeln – allerdings „mangels Materials“ nur unvollständige Wörter zustande brachten. Einen Satz kann im Südwesten ohnehin fast jeder mitsprechen: „Ich höre mich nicht Nein sagen.“ Braigs Wurzeln liegen im Volkstheater. Zunächst spielte das Ensemble in einer Scheune bei der Burkardtsmühle, später entstand die legendäre Komede-Scheuer in Musberg bei der Mäulesmühle. Dort gab es nur 190 Plätze – doch wer Karten wollte, musste oft ein Jahr im Voraus reservieren. Heute genießt Albin Braig die Ruhe, ganz ohne Internet, WhatsApp und Social Media. Mit seiner Frau geht er viel wandern, eine Leidenschaft, die er schon als Jugendlicher bei den Naturfreunden entdeckte. „Da hat noch niemand von den Grünen gesprochen“, erinnert er sich schmunzelnd.
Seinen 75. Geburtstag will er mit der Familie im Schwarzwald feiern. Seine Fans werden sich darüber freuen: Für das Schloss Neuenbürg hat Braig das Hauff-Märchen „Das kalte Herz“ ins Schwäbische übersetzt und eingesprochen.
Premiere ist im Mai. Eine Gage habe er dafür nicht verlangt. „Weil ich ja durch die vielen Wiederholungen Millionen vom SWR bekomme“, sagt Braig und lacht laut.Ganz ernst ist das natürlich nicht gemeint. Aber eines stimmt: Der Hannes gehört längst zum kulturellen Gedächtnis im Südwesten. Und sein Darsteller bleibt für viele einer von ihnen. Ein Mann des Volkes.
Der Hannes soll reikomma!
Die Dokumentation läuft am 14. März um 21.45 Uhr im SWR-Fernsehen, zuvor zeigt der Sender einen Sketch-Abend mit „S’ Fernseh kommt – Hannes und der Bürgermeister“.