Vier Transmenschen erzählen

Der lange Weg zum Frieden mit dem Körper

Immer mehr Betroffene in Deutschland wechseln das Geschlecht, manche per Operation. Vier Transmenschen erzählen, wie es ihnen mit ihrem alten und neuen Geschlecht ergeht.

Der lange Weg zum Frieden mit dem Körper

 

Von Joel Lev-Tov

Die Anzahl der geschlechtsangeleichenden Operationen steigt stark an, in Deutschland wie auch in anderen Ländern. Doch es ist keineswegs einfach, an eine Operation zu kommen, und manchmal braucht es sie womöglich auch nicht. Vier Betroffene erzählen ihre Geschichte damit. Wie es Dan, Rahel, Rania und Michaela erging.

Dan

Die Pubertät ist schwierig für Dan. Er wird als Mädchen geboren, fühlt sich aber unwohl im Körper. Er ignoriert das, er denkt, dass alle sich so fühlen. Er hat schonmal von Transmenschen gehört, kann aber damit wenig anfangen, bis eine Klassenkameradin zu ihm kommt. Sie frage sich, ob sie trans sei. Sie fühle sich eher männlich. Da befasst sich auch Dan mehr mit dem Thema. Mit 16 realisiert er, dass er selber trans ist.

Ein halbes Jahr später schneidet er sich die langen Haare ab und gibt sich einen neuen Namen, Dan. „Das fühlte sich mega gut an,“ erinnert er sich heute. Über Tiktok gerät er in ein Netzwerk von Beiträgen, in dem es um das männliche Geschlechtshormon Testosteron und Mastektomie (Brustentfernung) geht.

Trotzdem will er mit Hormonen und eventuellen Operationen warten, bis er volljährig ist. Als er 18 wird, sucht er nach einem Psychotherapeuten nahe seiner Heimat im Kreis Ludwigsburg. Viele nehmen keine neuen Patienten auf. Zwei wollen ihm kein Testosteron verabreichen, weil sie ihn zu instabil finden. Den dritten Therapeuten findet er über das Internetforum Reddit. Nach einer Sitzung hat er das Indikationsschreiben in der Hand – schneller als vom sogenannten Medizinischen Dienst vorgeschrieben.

Dieser sozialmedizinische Beratungs- und Begutachtungsdienst empfiehlt nach festen Richtlinien den gesetzlichen Krankenkassen eine Kostenübernahme für Behandlungen oder eben nicht. Diese Richtlinien werden als veraltet und intransparent kritisiert. Auf Anfrage betont der Medizinischer Dienst, dass seine Entscheidungen für die Kassen nicht bindend sind und dass 2024 gut die Hälfte der Anträge auf geschlechtsangleichende Maßnahmen voll genehmigt worden seien.

Dan hat nach der Diagnose des Therapeuten Angst, weil er nicht den offiziellen Weg gegangen ist. Hätten andere Therapeuten andere Fragen gestellt und er sich selbst besser kennengelernt? Im Gespräch erzählt Dan aber auch, dass er viel über sein Geschlecht reflektiert habe und dass Therapeuten nur eine Außensicht einnehmen könnten. Seine Krankenkasse übernimmt jedenfalls die Kosten für die Hormontherapie. Über Queermed, eine Seite, die Empfehlungen für queer-freundliche Ärztinnen und Ärzte ausspricht, findet er die ZEDO-Klinik in Stuttgart, wo er schnell einen Termin bekommt.

Innerhalb von ein paar Wochen bemerkt er die Wirkung des Testosterons. Er fühlt sich fitter, hat mehr Energie, weniger Stimmungsschwankungen, seine Muskeln wachsen und er schwitzt mehr. Bald wird seine Stimme tiefer und er kriegte dichtere Körperbehaarung, dazu mehr Selbstbewusstsein.

Heute ist er 21 und studiert Psychologie. Dan denkt darüber nach, seine Brüste entfernen zu lassen und gegebenenfalls die Gebärmutter, damit er keine Periode mehr kriegt. Einen künstlichen Penis will er nicht. Das alles passe zu seiner Identität, sagt Dan. Aber er hat Angst vor den Schmerzen und fürchtet, dass er die Operationen irgendwann bereut. Seine Mutter teilt diese Angst und will, dass er sich nochmal hinterfragt. Sein Vater weiß nicht Bescheid. Zudem ist noch unklar, ob seine Krankenkasse die Kosten für die Brustentfernung übernimmt.

Rahel

Rahel heißt in Wahrheit anders. Sie wird als Junge geboren, wünscht sich aber schon während der Pubertät ein Brustwachstum. Sie fühlt sich unwohl in ihrem Körper. Besonders unangenehm wurde es beim Waschen und Anziehen.

Als sie realisiert, dass sie trans und nicht-binär ist, also weder eindeutig Frau noch Mann, ändert sie zuerst ihren bürgerlichen Namen. Damals gilt noch das Transsexuellengesetz: Transmenschen wie sie müssen nachweisen, dass sie sich seit mindestens drei Jahren einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen und Gutachten von zwei unabhängigen Ärzten einholen. Rahels Krankenkasse übernimmt die Kosten in Höhe von 1200 Euro nicht. Rahel verzichtet auf die viel einfachere Änderung nach dem seit November 2024 geltenden Selbstbestimmungsgesetz. Weil im Gesetzentwurf von einem stärkeren Datenaustausch die Rede ist, hat Rahel Angst, in einem „Trans-Register“ zu landen.

Obwohl Rahel auch nicht-binär ist, sagt sie ihrer Krankenkasse nur, dass sie eine Transfrau ist, weil nicht-binäre Menschen momentan keinen Anspruch auf geschlechtsangleichende Maßnahmen haben. Sie habe schon mit genügend Problemen zu kämpfen, wenn sie als Transfrau wahrgenommen wird. „Ich möchte nicht herausfinden, wie es ist, wenn die Ärztinnen und Ärzte wissen, dass ich nicht-binär bin“, sagt sie.

Nach einem halben Jahr Suche findet sie einen Platz in einer Gruppentherapie mit anderen Transmenschen. Während der Suche sei sie auf viel Unkenntnis und Vorurteile gestoßen, erzählt Rahel. Eine Therapeutin sagt ihr sogar, dass sie nicht trans sein könne, wenn sie nicht alle Operationen machen lasse. „Es fühlte sich schlecht an, dass jemand anderes urteilen musste, ob ich wirklich trans bin“, so die 21-jährige Studentin.

Nach der vorgeschriebenen Therapiezeit hat sie ihr Indikationsschreiben. Dann dauert es ein weiteres halbes Jahr, bis sie eine Endokrinologische Praxis findet, die sich mit Transmenschen auskennt und nicht überfüllt ist. Nun nimmt sie Hormone. Ihre Brüste fangen an zu wachsen. Nach einem Umzug in den Kreis Ludwigsburg ist der nächste Schritt für sie, eine neue Praxis zu finden, damit sie weiter an Hormone kommt.

Rania

Schon im Jugendalter fängt Rania an, sich vom eigenen männlichen Körper zu distanzieren. Rania schämt sich für die Genitalien und würde am liebsten einen Knopf drücken, um ihren Körper in einen weiblichen zu verändern. Dass das per Operation möglich ist, weiß Rania damals noch nicht.

Im Oktober 2023 erzählt Ranias Bruder von einer Hormontherapie. Rania recherchiert selbst. Als im Herbst 2024 das Selbstbestimmungsgesetz in Kraft tritt, ändert Rania sofort den Geschlechtseintrag. Rania ist nicht-binär und feminin, benutzt aber am liebsten keine Pronomen. Rania denkt erst an einen nicht-binären Eintrag im Personenstandsregister. Doch die 25-Jährige entscheidet sich dagegen, aus Angst vor Diskriminierung. Rania verreist gerne und etliche Länder akzeptieren bei Einreisenden keinen nicht-binären Geschlechtseintrag. Deswegen steht im Pass, dass Rania eine Frau ist.

Im Dezember 2023 kriegt Rania einen Psychotherapieplatz. Die Psychotherapeutin nimmt Rania ernst, will nichts unterjubeln. Ein halbes Jahr später beginnt die Hormotherapie. Rania will danach auf jeden Fall die Genitalien in weibliche umwandeln lassen. Das geht nur mit vielen Terminen und Formularen. Im August 2024 fährt Rania nach München für die Operationen, der Penis wird in eine Vagina umgewandelt. Die Operation hinterlässt eine Infektion. Trotzdem ist Rania „überglücklich.“ Bei Ranias alten Arbeitsgeber stößt die Geschlechtsumwandlung auf Unverständnis. Seit Juni arbeitet Rania in der Fraktion der Linkspartei im Bundestag und fühlt sich dort wohl.

Eine Sprachtherapie oder eine Operation wünscht sich Rania nicht. Es sei eher ein Problem der Gesellschaft, wenn Menschen von der tiefen Stimme verwirrt sind oder Rania als Mann ansprechen.

Michaela

Im Unterschied zu Dan, Rahel und Rania wünscht sich Michaela keine Operation und keine Hormone. Als Kind, mit bereits zehn Jahren, denkt sie, dass Frauen schönere Klamotten tragen. Sie fängt an, sporadisch Stücke aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter zu tragen, wenn niemand zuhause ist. Obwohl sie in einem katholischen Umfeld aufgewachsen ist, weiß sie gefühlt schon immer, dass sie nicht-binär ist.

Ein Wort für das Gefühl, beiden Geschlechtern zuzugehören, findet sie erst 2023 im Internet. Sie will sich gegenüber einer sehr guten Freundin und einem schwulen Freund outen, aber sie hat kein Wort dafür. Sie findet das Wort „bigender“ passend – sich gleichzeitig wie ein Mann und eine Frau zu fühlen, in ihrem Fall etwas mehr als Frau. Weil sie bigender ist, leidet sie nicht an Geschlechtsdysphorie. Sie empfindet also nicht dieses starke Unbehagen, weil das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht mit dem übereinstimmt, wie Transmenschen sich selbst empfinden. Deshalb hat Michaela auch keinen Bedarf für eine Operation.

Im Alltag hält sie sich bedeckt, besonders bei der Arbeit. Sie kleidet sich als Mann und lässt ihre weibliche Seite ruhen. Wenn sie sich offen als bigender präsentieren würde, hätte sie Angst vor blöden Sprüchen oder Gewalt. Die politische Stimmung im Land macht ihr Angst. Da ist der Aufstieg der AfD, die für Minderheiten wenig übrig hat. Da ist die Äußerung des Bundeskanzlers Friedrich Merz, der Donald Trumps Dekret, nur zwei Geschlechter anzuerkennen, „nachvollziehen“ kann.

Michaela ist verheiratet und steht kurz vor der Rente. Sie lebt ihre wahre Identität lieber im privaten, geschützten Raum aus, zum Beispiel in ihrer Gruppe für queere Menschen.