VfB-Profi Bilal El Khannouss spielt bei der Fußball-Weltmeisterschaft mit Marokko stark auf – und sich selbst in den Fokus.
Von David Scheu
Atlanta - Es ist noch gar nicht so lange her, da durchlief Bilal El Khannouss eine schwierige Phase. Beim VfB Stuttgart fand der Offensivspieler in der Rückrunde der Saison 2025/26 nicht zu seiner Form des ersten Halbjahres und pendelte zwischen Ersatzbank und Startelf, auch sein Stammplatz in Marokkos Nationalmannschaft wackelte. Selbst bei der WM-Generalprobe gegen Norwegen (1:1) vor drei Wochen kam er erst im Verlauf der zweiten Hälfte ins Spiel.
Jetzt, zum Ende der Vorrunde, sieht das Ganze anders aus. El Khannouss passt und dribbelt sich bei der WM-Endrunde in eine absolute Hochform, steht stets in der Anfangsformation, ist ein absoluter Aktivposten. Auch beim 4:2-Sieg gegen Haiti, der für Marokko mit sieben Punkten den zweiten Gruppenplatz hinter Brasilien und den Einzug ins Sechzehntelfinale brachte.
Ein Treffer gelang dem Stuttgarter Profi im letzten Vorrundenspiel in Atlanta zwar nicht, mit seiner starken Technik auf engem Raum war El Khannouss aber im linken Mittelfeld an nahezu jeder gefährlichen Offensivaktion des amtierenden Afrika-Cup-Siegers beteiligt. Eine Folge: Der 22-Jährige spielte – zum erst dritten Mal in seinen bisherigen 40 Länderspielen – von der ersten bis zur letzten Minute durch. Und das wiederum sagt schon einiges angesichts der stark besetzten Offensive um Brahim Diaz (Real Madrid) oder Ismael Saibari (PSV Eindhoven), der auf dem Transfermarkt im Fokus des FC Bayern steht.
Alleine die Namen zeigen: Marokko hat gute Gründe, selbstbewusst an die WM heranzugehen. Der WM-Titelgewinn ist für den Halbfinalisten der Endrunde von 2022 kein Tabuthema, vielmehr das große Ziel – eines, was bislang noch keine afrikanische Mannschaft erreichte. „Marokko ist in einer ganz neuen Dimension“, sagt Nationaltrainer Mohamed Ouahbi, „wir haben alle Zutaten, um die beste Nation zu sein. Ich glaube daran, die Spieler glauben daran.“
Mit dieser Überzeugung geht auch El Khannouss durch das Turnier. „Wir haben viel Qualität im Team und viel Selbstvertrauen. Wir spielen jedes Spiel, um zu gewinnen“, sagt der 22-Jährige, den der VfB zuletzt für 18 Millionen Euro von Leicester City nach einem Jahr Leihe fest verpflichtet hatte. Das hat sich längst gerechnet: Das Portal Transfermarkt.de taxiert den Marktwert des technisch versierten Offensivspielers derzeit auf 35 Millionen Euro.
Nun liegt es auf der Hand, dass sich El Khannouss auf der großen WM-Bühne auch in die Notizblöcke internationaler Topclubs spielen dürfte – und dass Anfragen im Verlauf des Sommers zu erwarten sind. Beim VfB blickt man darauf mit großer Gelassenheit. Zum einen, weil El Khannouss über keine Ausstiegsklausel verfügt. Zum anderen, weil der Jungstar in Bad Cannstatt ein Arbeitspapier bis 2030 besitzt und mit seinen 22 Jahren noch lange nicht am Ende der Entwicklung angekommen ist.
Es besteht also kein zeitlicher Handlungsdruck – und im Übrigen auch kein Interesse vonseiten des Vereins, den Spieler abzugeben oder für viel Geld zu verkaufen: Der VfB plant fest mit El Khannouss für die kommende Saison, in der man ja durch die Mehrfach-Belastung und Spiele in der Champions League auch wieder viel Qualität im Kader benötigen wird. Und die ist von El Khannouss zu erwarten: 2025/26 steuerte der damalige Last-Minute-Neuzugang in seinem ersten Jahr in Stuttgart wettbewerbsübergreifend neun Tore und neun Vorlagen bei, obwohl er mehrere Partien aufgrund der Teilnahme am Afrika-Cup im Winter verpasste.
Welche Dynamiken am Ende eines Wechselfensters auf dem Transfermarkt entstehen können, zeigte sich nicht zuletzt im vergangenen August rund um Nationalspieler Nick Woltemade und dessen Wechsel vom VfB Stuttgart zu Newcastle United für letztlich 80 Millionen Euro. Ob sich aber Ähnliches in diesem Sommer wiederholt, ist nicht abzusehen. So gilt fürs Erste, was El Khannouss nach dem WM-Auftaktspiel Marokkos gegen Brasilien (1:1) betont hatte: „Ich bin glücklich in Stuttgart. Ich will stärker zurückkommen nächste Saison.“