4500 Jahre alter Ritualort

Der Tote aus der Ofengrube

Eine geheimnisvolle Feuerstelle, ein junger Mann mit Schädelverletzung und uralte Rinderknochen: Was Archäologen bei Gerstewitz aus rund 4500 Jahren Geschichte freilegen.

Der Tote aus der Ofengrube

Bestattung eines circa 23 bis 25 Jahren alten Mannes in einer Ofengrube der Kultur der Schnurkeramik (2900–2200 v. Chr.).

Von Markus Brauer/dpa

Archäologen haben bei Ausgrabungen entlang der Stromtrasse des SüdOstLinks bei Gerstewitz (Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt) eine etwa 4000 bis 4500 Jahre alte Bestattung der Schnurkeramischen Kultur freigelegt. Der zum Zeitpunkt des Todes rund 25 Jahre alte Mann lag in einer Ofengrube.

„Solche Feuerstellen sind für den Mitteldeutschland typisch und als zweikammerige Systeme ausgeformt“, erläutert die Projektleiterin und Archäologin Johanna Kleinecke. „In ihrer Bauweise gleichen diese Befunde den bis heute immer wieder schnell im Gelände angelegten Hitzegruben.“

Unterirdisch verbundene Gruben

Zwei unterirdisch verbundene Gruben ermöglichen eine besonders effiziente und heiße Verbrennung. „Hier bei Gerstewitz lagen die Überreste eines Mannes in der für die schnurkeramische Zeit typischen Hockerstellung auf der rechten Seite mit Blick nach Süden. Die Arme waren vor dem Kopfbereich angewinkelt. Zudem weist der Schädel eine Verletzung auf“, erklärt die Anthropologin Xandra Dalidowski.

Auch von weiteren im Zuge der Stromtrasse freigelegten Fundstellen sind vergleichbare Ofengruben belegt, doch diese sind in aller Regel leer, merkt Grabungsleiter Christan Pabst an. Selten liegen darin fast vollständige Rinder, in Ausnahmefällen teilzerstückelte Hundeskelette oder Mahlsteine. Immer wieder wurden solchen Feuerstellen im Nachgang ihrer eigentlichen Funktion also rituell genutzt.

Jahrtausendalte Bestattungsgeschichte

Der Bau der Stromtrasse SüdOstlink erfordert seit einigen Monaten immer wieder Ausgrabungen bei Gerstewitz. Die Anhöhe wurde seit 6000 Jahren, beginnend in der Baalberger Kultur, als besonderer Platz empfunden.

Zunächst entstand hier ein bis zu 15 Meter hoher Grabhügel, der eine aus Holz gefertigte Totenhütte überdeckte. Schon 500 bis 1000 Jahre später, während der Salzmünder Kultur, entstand ein von einem dreifachen Wall-Graben-System umhegter Platz.

Natur wird zur Kulturlandschaft

In der Zeit der Baalberger Kultur wurde die Landschaft erstmals bewusst gestaltet. Die Grabhügel konnten von Weitem gesehen werden und blieben sehr lange erhalten. Immer wieder zogen über Jahrtausende hinweg solche heilige Orte die Menschen an. Und oft wurden weitere Begräbnisstellen angelegt.

Kulturlandschaft prägte Region

Nach Einschätzung der Forscher entwickelte sich die Umgebung von Gerstewitz zu einer Kulturlandschaft, die über Jahrtausende hinweg immer wieder aufgesucht wurde.

„Solche Monumente waren über Jahrtausende hinweg Kristallisationspunkte“, erläutert Abteilungsleiterin Susanne Friederich vom Landesamt. Selbst 2000 Jahre nach seiner Errichtung sei der Grabhügel noch sichtbar gewesen. Sicherlich habe er die Landschaft sogar bis in die Neuzeit geprägt.

Weitere Opfergruben entdeckt

Bereits im Juli 2025 waren bei Gerstewitz Bestattungen und Opfergruben der Salzmünder Kultur (3400 bis 3050 v. Chr.) entdeckt worden.

Besonders auffallend ist der Bestattungsritus der Salzmünder Kultur. Neben Erdgräbern mit Hockerbestattungen in Seitenlage kommen Bestattungen unter dicken Scherbenlagen und Resten verbrannter Häuser vor. Besonders in diesen Gräbern finden sich oft Anzeichen von Gewalt. Häufig sind auch Umbettungen von Toten oder Skeletteilen belegt. Offenbar spielten sich an den Gräbern hochkomplexe Rituale ab.

Gruben mit Hunde- und Menschenknochen

Bei Gerstewitz konnten innerhalb eines durch Gräben geschützten Areals insgesamt zwölf Grubenbefunde freigelegt werden, die Reste abgebrannter Häuser und Opfergaben enthielten. Unter den Niederlegungen stechen Hundeknochen und menschliche Schädel besonders heraus.

Die Gruben sind bei einem Durchmesser von zwei bis drei Metern zwei bis 2,50 Meter tief. Eine der Gruben enthielt zwei komplette Keramikgefäße, bei denen es sich nach Lage und Erhaltung wohl um Opfergaben handelte. In einer weiteren Grube konnten verwitterte Hundeknochen festgestellt werden, die Spuren von Feuer aufwiesen.

Ein daneben gefundener menschlicher Schädel hingegen zeigte keine Spuren von Verwitterung. Dies deutet darauf hin, dass die Gruben während längerer Ritualhandlungen offenstanden oder die Hundeknochen zunächst anderweitig gelagert wurden.

Anschließend wurden die Gruben mit dem Schutt abgebrannter Häuser verfüllt. Zusätzlich wurde eine Bestattung in einer umfunktionierten Ofengrube entdeckt. Zwei Menschen, die man offenbar schon länger andernorts aufgebahrt hatte, wurden hier niedergelegt. Auch in diesem Fall deuten sich also komplexe, mehrstufige Rituale an.

Rituale in einer Umbruchszeit

Die Frage, warum den Ahnen und auf sie bezogenen Ritualen von den Menschen der Salzmünder Kultur so eine große Bedeutung beigemessen wurde und warum solche Rituale in hoher Zahl und Intensität durchgeführt wurden, kann nur teilweise beantwortet werden.

Im späten vierten Jahrtausend v. Chr. lässt sich an verschiedenen Indizien für Mitteleuropa eine Klimaverschlechterung ablesen. Gleichzeitig dringen die Menschen der Bernburger Kultur von Norden her in das Verbreitungsgebiet der Salzmünder Kultur ein. Im Kontext dieser Krisenphase könnten die Rituale zu verstehen sein, von denen man sich möglicherweise den Beistand der Ahnen erhoffte.