Nukleare Abschreckung

Der US-Atomschutzschirm bekommt Löcher

Europa zweifelt an der Verlässlichkeit Washingtons in Sachen nuklearer Abschreckung. Doch die Alternativen sind teuer und voller Risiken.

Der US-Atomschutzschirm bekommt Löcher

Russland präsentiert gerne seine mit Nuklearsprengköpfen bestückbaren Interkontinentalraketen. Für den Schutz vor Angriffen mit solchen Waffen auf Europa sorgt auch der Schutzschirm der USA.

Von Knut Krohn

Europa blickt einer bitteren Wahrheit direkt ins Auge. Über Jahrzehnte konnte sich der Kontinent auf den atomaren Schutzschirm der USA verlassen. Doch das geopolitische Irrlichtern des Präsidenten Donald Trump hat diese Gewissheit zunichte gemacht und stellt die EU vor eine fundamentale Frage: Soll Europa eigene atomare Abschreckungskapazitäten aufbauen? „Wir müssen diese Diskussion führen“, fordert die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas zuletzt immer wieder, denn das transatlantische Bündnis sei „nicht mehr das ist, was es einmal war“.

Doch das Thema ist heikel, was allein der offen ausgetragen Disput in der CDU zeigt. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte auf der soeben zu Ende gegangenen Münchner Sicherheitskonferenz, dass er mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron erste Gespräche über eine europäische nukleare Abschreckung aufgenommen habe. Dem hält Außenminister Johann Wadephul entgegen. „Es gibt, ehrlich gesagt, genug Atomwaffen auf der Welt, und wir müssen sehr darüber nachdenken, ob wir immer nur noch neue zusätzlich brauchen“, sagte der CDU-Politiker in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“.

Allerdings geht Wadephul von der inzwischen eher fraglichen Auffassung aus, dass niemand in Washington den amerikanischen Schutzschild infrage stelle. Zudem verfügten bereits Frankreich und Großbritannien als europäische Nato-Partner über eine nukleare Bewaffnung, betont der Außenminister. Auch das ist eine Aussage von eher zweifelhaftem Wert. Denn weder Paris noch London können die erweiterte atomare Abschreckung der USA im Moment ersetzen, da ihre Waffen dafür nicht entwickelt wurden. Nach Angaben des schwedischen Friedensforschungsinstituts Sipri zum Jahr 2025 verfügt Frankreich über 290 atomare Sprengköpfe und somit deutlich weniger als die USA (5177) oder Russland (5459), aber mehr als Großbritannien (225). Eine zentrale Schwäche ist auch, dass es sich beim französischen und britischen Atomwaffenarsenal um sogenannte strategische Waffen mit hoher Reichweite und Sprengkraft handelt. Beide verfügen aber nicht über die wichtigen taktischen Nuklearwaffen.

Die ungeklärte Rolle Frankreichs

Fraglich ist auch der Wille Frankreichs, im Falle eines Angriffes ganz Europa mit seinen Atomwaffen zu verteidigen. Ein Grund ist, dass eine solche Aussage das Risiko der eigenen Vernichtung drastisch erhöhen würde. Im Gegensatz dazu könnte Washington seine Verbündeten in einem Atomkrieg verteidigen, ohne das eigene Staatsgebiet gänzlich zu opfern. Präsident Emmanuel Macron hat deshalb bereits klar die Grenzen seines Angebots eines europäischen Schutzschirmes formuliert: Paris würde nicht für die Sicherheit anderer Länder bezahlen, ein Engagement dürfte Frankreichs Verteidigung nicht schwächen, und die Entscheidung zum Einsatz von Nuklearwaffen bliebe ausschließlich beim französischen Präsidenten. Zweifel an der französischen Verlässlichkeit sind zudem angebracht, da nicht klar ist, ob auch in Zukunft in Paris pro-europäische Kräfte regieren werden.

Aber auch der Griff einzelner EU-Staaten nach Atomwaffen wären nicht die Lösung – ganz abgesehen von den unermesslichen Kosten. So betont die Sicherheitsexpertin Claudia Major, dass der völlige Neuaufbau eines europäischen Schutzschirmes die bestehende globale nukleare Ordnung mit einem Schlag beenden würden. Denn voraussichtlich würden Staaten weltweit diesem Beispiel folgen, mit dem Ergebnis einer steigenden Zahl von Atomwaffenbesitzern.

Europa droht eineatomare Abschreckungslücke

Als gangbaren Weg sieht die Senior Vice Präsidentin beim German Marshall Fund deshalb den konsequenten Ausbau der französischen und britischen Rollen. Vor allem müssten die Europäer aber versuchen, die USA in Sachen Schutzschirm weiter bei der Stange zu halten. Sollte sich aber abzeichnen, dass die USA ihren Beitrag maßgeblich zurückschrauben, sollten die Europäer mit Hilfe eines Übergangsplans einen geordneten Rückzug organisieren, um eine Abschreckungslücke in Europa zu vermeiden, betont Claudia Major.

Ebenso wie die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas fordert auch die Verteidigungsexpertin eine offene Diskussion über das Thema. Claudia Major wird dabei sehr konkret: die Europäer müssten ein Worst-Case-Szenarien durchspielen, nukleare Doktrinen anpassen, technologische Kompetenzen ausbauen und zusätzliche nukleare Fähigkeiten erwerben. Zur Abschreckung Russlands sei auch der gleichzeitige Ausbau der konventionellen Verteidigungsfähigkeiten unabdingbar, betont Major.

Ein schwieriger diplomatischer Akt

Dabei begeben sich die Europäer allerdings auf eine diplomatische Gratwanderung. Denn die Alternativen zum US-Schutzschirm müssten aufgebaut werden, ohne Washington den Eindruck zu vermitteln, man bräuchte deren militärische Stärke nicht mehr. Denn die USA sind noch immer die einzige Macht im Westen, die für das Gleichgewicht des Schreckens sorgt, das Europa acht Jahrzehnte ohne großen Krieg beschert hat.