Betriebsseelsorge in Stuttgart

„Der Verlust des Arbeitsplatzes ist vergleichbar mit einem Trauerprozess“

Michael Görg war selbst Ingenieur in einem Großkonzern. Heute begleitet er als Diakon Menschen durch Jobverlust und Zukunftsängste. In letzter Zeit wenden sich deutlich mehr an ihn.

„Der Verlust des Arbeitsplatzes ist vergleichbar mit einem Trauerprozess“

Wer um seinen Arbeitsplatz bangt oder ihn unfreiwillig verliert, kann sich wie gelähmt fühlen.

Von Veronika Kanzler

Wenn Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, trifft sie das selten nur wirtschaftlich. Für viele ist es ein Einschnitt in ihr Selbstverständnis, in ihre Biografie, oft auch in ihr Vertrauen in die eigene Zukunft. Michael Görg, katholischer Betriebsseelsorger in Stuttgart, erlebt das derzeit so geballt wie selten zuvor. „Viele Beschäftigte sind gerade in einer Phase der Verzweiflung“, sagt er. „Denn der Verlust eines Arbeitsplatzes ist vergleichbar mit einem Trauerprozess.“

Die Menschen, die zu Görg kommen, stammen aus ganz unterschiedlichen Branchen: aus der Automobilindustrie, aus sozialen Einrichtungen, aus dem Handel oder aus Dienstleistungsberufen. Männer und Frauen gleichermaßen. Was sie verbindet, ist das Gefühl, dass etwas Fundamentales ins Wanken gerät. „Sicherheit, die lange selbstverständlich war, wird plötzlich fragil“, sagt Görg.

Sparprogramme bei Mercedes, Bosch und Porsche führen zu Verunsicherung

Besonders in der Region Stuttgart, wo große Unternehmen wie Mercedes-Benz, Bosch oder Porsche über Jahrzehnte das Versprechen von Stabilität und Zugehörigkeit vermittelt haben, sitzt diese Erschütterung tief. Viele hätten ihre Lebensentscheidungen auf diesem Versprechen aufgebaut, beobachtet Görg. „Menschen haben auf ihren Job vertraut, Familien gegründet, Wohneigentum gekauft.“ Wenn dann Sparprogramme angekündigt werden, Projekte auslaufen oder Abfindungsangebote im Raum stehen, wachse die Angst – und zwar nicht nur bei den unmittelbar Betroffenen. Die Unsicherheit breite sich aus: weil Kommunen sparen, weil soziale Projekte gestrichen werden, weil fast jeder jemanden kenne, der betroffen ist.

Betriebsseelsorger: „Menschen verlieren nicht nur Arbeit, sondern Zugehörigkeit“

Ein unfreiwilliger Jobverlust bedeutet dabei weit mehr als den Wegfall eines monatlichen Einkommens. Er bedeutet oft den Abschied von einem Lebensentwurf. Von Kolleginnen und Kollegen, von Routinen, von Anerkennung. „Menschen verlieren nicht nur Arbeit. Sie verlieren ein Stück ihrer Zugehörigkeit.“ Das könne Menschen lähmen. „Manchmal helfen Gespräche“, sagt Görg. „Manchmal hilft es auch einfach, gemeinsam auszuhalten, dass etwas schwierig ist.“ Klar sei aber auch: „Es wäre falsch zu erwarten, dass man so einen Einschnitt einfach wegsteckt.“

Trotz aller Schwere beobachtet Görg auch etwas anderes: dass Krisen Fenster öffnen können. Für manche beginne neben dem Schmerz die Frage nach dem, was vielleicht schon länger geschlummert habe. Ist jetzt der Moment, in die Heimat zurückzugehen, weil die Eltern älter werden? In einen sozialen Beruf zu wechseln? Den Traum zu verfolgen, den man sich bisher nicht zugetraut hat?

Der Betriebsseelsorger möchte dabei eine Stütze sein. „Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes löscht man nicht die Erinnerung an all die Jahre, die man dort verbracht hat“, sagt er. „Man kann stolz bleiben auf die Leistungen, auf das, was man beigetragen hat.“ Wenn dieses Gefühl verloren gehe, habe das Folgen, sagt Görg. „Viele spüren, dass das Miteinander, das sie getragen hat, nicht mehr so da ist.“ Der Verlustschmerz entstehe deshalb nicht nur dann, wenn jemand konkret betroffen sei, sondern auch, wenn vertraute Strukturen zerbrechen. Jobabbau macht auch etwas mit denen, die bleiben.

Zurzeit nehmen mehr Menschen das Angebot der Betriebsseelsorge wahr

Ihm ist dabei wichtig, dass zur katholischen Betriebsseelsorge alle Menschen mit Arbeitsplatzsorgen kommen dürfen: „Egal ob mit Arbeit oder ohne, mit Konfession oder ohne.“ Momentan bemerke er, dass deutlich Menschen seine Hilfe in Anspruch nehmen. Doch bewusst führe er keine Statistik darüber, wie viele Menschen er begleite. „Ich komme aus einer Welt, in der immer alles gemessen wurde“, sagt Görg, der, bevor er Diakon wurde, als Ingenieur gearbeitet hat. „Hier geht es nicht um Zahlen. Es geht darum, ob ein Gespräch einem Menschen geholfen hat.“ Manchmal reiche ein Termin, manchmal melde sich jemand Monate später noch einmal, wenn sich die Situation verändert hat.

Arbeitsplatzverlust, sagt Görg, sei eine Zäsur. „Er kann lähmen. Er kann aber auch neue Wege öffnen.“ Entscheidend sei, sich selbst in diesem Prozess nicht zu verlieren. „Es gibt Phasen der Verzweiflung“, sagt er. „Aber es gibt auch Phasen des Neuanfangs.“ Für ihn sei Seelsorge genau das, in jeglichen Phasen, positiven wie negativen, für jemanden da zu sein.

Kostenloses Angebot

BeratungDie Betriebsseelsorge ist eine Einrichtung der Diözese Rottenburg Stuttgart. Sie steht allen Menschen mit Sorgen aus der Arbeitswelt offen – unabhängig von Beschäftigungsstatus, Religion oder Herkunft. Das Angebot ist kostenlos. Weitere Infos gibt es im Internet unter: www.betriebsseelsorge.de