Lionel Jospin

Der Versöhner der französischen Linken ist tot

Er war Parteichef der Sozialisten, Premierminister und gescheiterter Präsidentschaftskandidat. Jetzt ist Lionel Jospin gestorben.

Der Versöhner der französischen Linken ist tot

Lionel Jospin war von 1997 bis 2002 französischer Premierminister.

Von Rainer Pörtner

Viele Jahre nach seinem eigenen Ausscheiden aus der Politik hat Lionel Jospin ein Buch über Napoleon Bonaparte geschrieben, den so viele Franzosen verehren. „Le mal napoléonien“, das napoleonische Übel, nannte Jospin sein Werk.

Darin zerlegt er die „goldenen Legenden“ um den französischen Kaiser. Er beschreibt Napoleon weniger als Modernisierer, als der er bis heute gefeiert wird, denn als Diktator, dessen imperiale Ambitionen in Katastrophen endeten.

„Das napoleonische Übel“ war auch ein kritisches Buch über die Sehnsucht der Franzosen nach einer charismatischen Führer- und Rettergestalt. Eine Sehnsucht, die bis heute viele seiner Landsleute umtreibt.

Marine Le Pen: „Eine integre Persönlichkeit der Linken“

Der ruhige, solide, nüchterne Lionel Jospin wollte selbst zweimal oberster Repräsentant der Franzosen werden – und scheiterte in beiden Anläufen auf die Präsidentschaft. Am Sonntag ist der frühere Premierminister und Chef der französischen Sozialisten im Alter von 88 Jahren gestorben.

Obwohl Jospin nie an die Spitze des Staates gelangte, würdigte ihn der aktuelle Präsident Emmanuel Macron am Montag als eine der „bedeutendsten Persönlichkeiten“ Frankreichs. „Durch seine Prinzipientreue, seinen Mut und sein Streben nach Fortschritt stand er für eine hohe Idee der Republik.“ Olivier Faure, heute Sozialisten-Chef wie einst Jospin, nannte ihn „eine Quelle der Inspiration, ein Vorbild der Aufrichtigkeit“. Die rechtspopulistische RN-Fraktionschefin Marine Le Pen schilderte Jospin als einen „politischen Gegner, den wir bekämpft haben“, der aber zugleich „eine integre Persönlichkeit der Linken“ gewesen sei.

Ausbildung auf der Kaderschmiede Frankreichs

Jospin wurde am 12. Juli 1937 im Pariser Umland in eine protestantische Lehrerfamilie geboren. Schon in jungen Jahren engagierte er sich in linken Organisationen, später auch einige Zeit bei den Trotzkisten. Das hielt ihn aber nicht ab, an der Verwaltungshochschule ENA zu studieren, der Kaderschmiede der französischen Politik. Der damalige sozialistische Parteichef François Mitterrand wurde sein Mentor, der ihm den Aufstieg in der Partei ermöglichte.

Als Mitterrand Präsident wurde, folgte Jospin ihm nach als Parteichef und übernahm zudem vier Jahre lang das Amt des Bildungsministers. 1997 rief der konservative Präsident Jacques Chirac Neuwahlen aus. Die Linke gewann überraschend und Jospin wurde zum Premierminister ernannt. Damit war er Teil einer sogenannten Kohabitation, in der Präsident und Regierungschef unterschiedlichen Lagern angehören.

Einführung der 35-Stunden-Woche

In seiner Zeit als Premier setzte Jospin insbesondere die 35-Stunden-Woche durch. Zu seinen Errungenschaften zählen zudem die allgemeine Krankenversicherung und die eingetragene Lebenspartnerschaft (Pacs), die ein erster Schritt in Richtung Ehe für gleichgeschlechtliche Paare war. Jungen Menschen erleichterte er den Weg in den Arbeitsmarkt mit subventionierten Verträgen.

Jospin blieb fast fünf Jahre im Amt, für französische Verhältnisse eine ungewöhnlich lange Zeit. Aber auch sie war, und darin wieder gewöhnlich, am Ende von Massenprotesten und Streiks überschattet.

1995 hatte Jospin zum ersten Mal für das Präsidentenamt kandidiert und gegen Jacques Chirac in der Stichwahl ein respektables, aber nicht ausreichendes Ergebnis geholt. 2002 trat er ein zweites Mal an und galt zeitweise als Favorit.

Eine „vielfältige“ Linke

Überraschend kam der Sozialist dann aber nur auf den dritten Platz und musste zusehen, wie der rechtsextreme Parteichef des Front National, Jean-Marie Le Pen, in die Stichwahl einzog. „Ich übernehme die volle Verantwortung für dieses Scheitern und ziehe mich aus dem politischen Leben zurück“, sagte Jospin nach der ersten Wahlrunde – und rief dazu auf, für seinen Rivalen Chirac zu stimmen, um einen Wahlsieg Le Pens zu verhindern. Tatsächlich siegte Jacques Chirac.

Voll Nostalgie blicken viele Linke in Frankreich jetzt auf Lionel Jospin zurück. Denn ihm gelang es zur Parlamentswahl im Jahr 1997, ein starkes, übergreifendes Bündnis linker Parteien zu bilden. Mit der „gauche plurielle“, einer „vielfältigen Linken“, machte er damals die französische Linke mehrheitsfähig. Davon kann sie heute nur träumen.