Gemeinsame Terrorabwehr

Deutschland und Niederlande: Kampf gegen Mocro-Mafia

Deutschland und die Niederlande wollen im Kampf gegen die organisierte Kriminalität enger zusammenarbeiten. Als Hauptgegner gilt die niederländische „Mocro“-Mafia, die bereits in Nordrhein-Westfalen aktiv ist.  Die Polizei sieht eine neue Dimension der Gewalt.

Deutschland und Niederlande: Kampf gegen Mocro-Mafia

Am Morgen des 16. September 2024 kam es in der Kölner Innenstadt zu einer Explosion an einer Passage neben dem Nachtclub Vanity Club Cologne. Scheiben zerbarsten und Deckenplatten vielen herab, eine Person wurde verletzt. Die Handschrift des Vorfalls erinnert an vergangene Taten der Mocro-Mafia, die aus den Niederlanden ins Rheinland drängt.

Von Markus Brauer/AFP

Im Kampf gegen organisierte Kriminalität und Terrorismus wollen Deutschland und die Niederlande nach Informationen des Nachrichtenmagazins „Politico“ ihre Zusammenarbeit deutlich ausbauen.

Dazu solle ein neuer Staatsvertrag ausgehandelt werden, der den grenzüberschreitenden Einsatz deutscher und niederländischer Spezialeinsatzkräfte ermöglicht, berichtet das Magazin.

Gemeinsam gegen Organisiertes Verbrechen

Am Montagabend (29. Juni) solle dies bei einem Treffen von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und dem niederländischen Minister für Justiz und Sicherheit, David van Weel (VVD), vereinbart werden. Der Vertrag werde das Enschede-Abkommen von 2005 ergänzen, das bislang die Grundlage der deutsch-niederländischen Polizeizusammenarbeit bildet.

Dem Bericht zufolge sollen künftig unter anderem der Informationsaustausch verbessert sowie Regelungen zu Amtshilfe, Befugnissen und Bewaffnung angepasst werden. „Organisierte Kriminalität oder terroristische Bedrohungen machen nicht an den Landesgrenzen Halt“, zitiert das Magazin van Weel.

Durch den künftigen Einsatz von Spezialeinsatzkräften auf dem Hoheitsgebiet des jeweils anderen Landes könnten sich beide Staaten „gegenseitig unterstützen und die verfügbaren Polizeikapazitäten in der Grenzregion optimal nutzen“.

Handschrift der „Mocro-Mafia“

Die gemeinsame Zusammenarbeit richtet sich vor allem gegen die „Mocro“-Mafia. Äußerste Brutalität und gezielte Sprengungen gelten als Handschrift der niederländischen „Mocro-Mafia“. „Was man sieht, ist, dass den Agitatoren, die dieser Gruppierung angehören, Grenzen egal sind“, erklärt Oliver Huth, NRW-Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Diese Gruppierungen hätten ein „Elefantenhirn“, so dass auch in einigen Monaten noch Racheakte zu befürchten seien.

Michael Mertens, NRW-Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), bestätigt: „Die niederländische Drogenmafia ist längst hier, und NRW als Verkehrsdrehscheibe ist da ein Dreh- und Angelpunkt. Was man sich klar machen muss: Das sind wirklich Täter von äußerster Brutalität. Und deshalb muss die Polizei entsprechend stark aufgestellt sein.“

Was ist die „Mocro-Mafia“?

„Mocro“ ist in den Niederlanden ein Slangwort für Marokkaner. Der Begriff hat sich zu einem Synonym für organisierte Drogenkriminalität im großen Stil entwickelt.

Ausgehend davon, dass einige Niederländer mit marokkanischen Wurzeln ihre Verbindungen in die alte Heimat für den Import von Drogen zu nutzen wussten: In Marokko wird Hanf traditionell als Heilpflanze angebaut.

Multikulturelle kriminelle Welt

Allerdings kursieren über die „Mocro-Mafia“ viele falsche Vorstellungen, sagt der niederländische Kriminologe Cyrille Fijnaut. So sei es völlig wirklichkeitsfremd, sich darunter eine einzige, straff geführte Organisation vorzustellen.

„Es ist nicht so, dass die Drogenkriminalität in den Niederlanden in der Hand einiger großer Bosse ist. Die Polizei würde sich das wünschen, denn dann könnte man viel einfacher dagegen vorgehen, aber so ist es eben nicht. In Italien gibt es das, aber bei uns ist die Sache komplizierter.“

Der Handel sei in den Händen vieler verschiedener krimineller Gruppen, und diese seien keineswegs alle marokkanisch geprägt. „Ich spreche deshalb selbst nie von der Mocro-Mafia“, erläutert Fijnaut. „Das sagt sich so einfach, aber wenn man sich die organisierte Drogenkriminalität anschaut, dann sind da auch Ur-Holländer in der x-ten Generation dabei. Die kriminelle Welt in den Niederlanden ist genauso multikulturell wie die Oranje-Elf.“

Zahnarztstuhl als Folterinstrument

Was die Drogenkriminalität dagegen tatsächlich kennzeichne, seien zahlreiche Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppen – ähnlich wie es jetzt offenbar in NRW der Fall war. In der Unterwelt werden die Dinge anders geregelt als in der Realwirtschaft. Ein Sprengsatz unterm Auto, ein abgehacker Kopf vor einer Sisha-Bar, ein zum Folterinstrument umgebauter Zahnarztstuhl: All das ging schon durch die niederländischen Medien und schockierte die Öffentlichkeit.

„Diese Welt ist voller Konflikte. Und seit etwa zehn Jahren werden diese in zunehmendem Maße mit Waffengewalt ausgetragen“, erläutert Fijnaut. Pro Jahr würden etwa 10 bis 20 Menschen „liquidiert“. Das prominenteste Opfer war der Fernsehjournalist Peter R. de Vries.

Verschiedene Gruppen

Niederländischer Experte hat Rat für deutsche Polizei

Der emeritierte Professor für Strafrecht und Kriminologie ist um ein differenziertes Gesamtbild bemüht. So habe sich die Gesamtzahl der Morde in den Niederlanden seit den 1990er Jahren halbiert. Was allerdings enorm zugenommen habe, seien bestimmte Formen der Bedrohung innerhalb krimineller Milieus, insbesondere Explosionen von Sprengsätzen vor Wohnungen oder Geschäften.

Fijnaut hat einen Rat für die deutsche Polizei parat: Sie solle die Strafverfolgung nicht lokalen Polizeibehörden überlassen, sondern auf nationaler Ebene koordinieren, etwa über das Bundeskriminalamt (BKA). „Man braucht dafür eine Task Force, die überregional geführt wird. Und das gibt es in den Niederlanden bis heute nicht.“