Dialektinitiative des Landes

„Dialekt und Du“ - ein neues Portal fördert Mehrsprachigkeit

Weniger Diskriminierung, mehr Gleichberechtigung und Respekt vor sprachlicher Vielfalt – das wollen Tübinger Sprachforscher mit einem neuen Webportal erreichen. Ihre Adressaten sind die Schulen.

„Dialekt und Du“ - ein neues Portal fördert Mehrsprachigkeit

Tina Czada (links) und Julia Braun von der Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“ des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft

Von Jan Sellner

Jahrzehntelang führte der Dialekt an Schulen ein „kümmerliches Dasein“. Mit dieser Einschätzung steht Sprachforscher Hubert Klausmann nicht alleine. Leserinnen und Leser der Dialektkolumne „Auf gut Schwäbisch“ sowie andere Mundartsprecher können Lieder von der sprachlichen Benachteiligung im Unterricht singen. Traurige Lieder, die von Gefühlen von Minderwertigkeit und Missachtung handeln. Die Situation hat sich gebessert. Sie ist aus Sicht Klausmanns, der bis 2024 die Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“ des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft leitete, jedoch noch lange nicht zufriedenstellend.

Die Tübinger Arbeitsstelle unternimmt jetzt einen digitalen Anlauf, um der Diskriminierung mit wissenschaftlichen Mitteln entgegenzuwirken, und damit die sprachliche Vielfalt im Land zu stärken. „Dialekt und Du“, lautet der Titel einer mit Unterstützung der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung aufgebauten digitalen Plattform (https://dialektunddu.de). Sie wendet sich an Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten und bietet ihnen kostenfreies Material zum Thema Mundart und Sprachenvielfalt. „Einstellungen über Sprache werden vor allem durch Bildungsinstitutionen geprägt“, erklärt Julia Braun von der Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“. Deshalb sei es wichtig, bei den Schulen anzusetzen. Aus ihrer Sicht fehlt es noch immer an dem Bewusstsein, dass Menschen aufgrund ihrer Sprache oder ihres Dialekts abgewertet werden. „Das Webportal möchte das ändern“, sagt Braun, die bei dem Projekt von ihrer Kollegin Tina Czada und der Gymnasiallehrerin Julia Müller unterstützt wird.

Auf der neuen Plattform finden Lehrkräfte multimediale Unterrichtsmaterialien für die Primar- und Sekundarstufe, die mit dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung entwickelt wurden, und die an sprachlichen Klischees und Ideologien rütteln wollen. Dazu gehören Comics, Erklärvideos und Hörbeispiele. Sie „brechen mit gängigen Auffassungen, wie der Vorstellung, Dialekt sei fehlerhaft und Einsprachigkeit die Norm“, betont Braun. Damit sollen sie auch den Druck von Dialektsprechern nehmen. In einem der Hörbeispiele schildert, Noemi, eine junge Frau: „Wenn ich sprechen kann, wie ich denke, ohne bewertet zu werden, kann ich viel freier reden und fühle ich mich wohler.“

Das heißt nicht, dass in den Schulen Dialekt unterrichtet werden soll. Der Tübinger Arbeitsstelle geht es vielmehr darum, die Vorteile der Mehrsprachigkeit herauszustellen. Mehr als 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen fünf und 20 Jahren in Deutschland hätten einen Migrationshintergrund. „Dialekt und Du“, so argumentieren Braun und Czada, wolle aus dem großen sprachlichen Repertoire der Heranwachsenden schöpfen und „sprachliche Varietäten“ wertschätzen.

Doch ist dafür in den Bildungsplänen überhaupt Platz? „Die Materialien sind auf die Lehrpläne von  Baden-Württemberg und Bayern zugeschnitten und können modular im Unterricht eingesetzt werden“, erklärt Braun. „Dieses Projekt hängt nicht in der Luft“, betont auch Hubert Klausmann, der im Hintergrund mitwirkt. Das Webportal sei Teil der Dialektstrategie des Landes. Es hat die ausdrückliche Unterstützung von Kultusminister Andreas Jung (CDU): „Wenn wir mehrere sprachliche Register beherrschen, schult das die kommunikative Kompetenz“, meint der Minister.

Auch Vize-Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) zählt zu den - mehrsprachigen - Fürsprechern von „Dialekt und Du“. Sie  hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen und sieht in dem Webportal auch gesellschaftspolitisch den „richtigen Ansatz“. Es zeige, dass sprachliche Vielfalt „zum Alltag unseres Zusammenlebens gehört“. Wenn unterschiedliche Dialekte und Sprachformen sichtbar und hörbar würden, stärke das den Respekt, die Zugehörigkeit und den selbstverständlichen Umgang mit Verschiedenheit". Schülerinnen und Schülern würde damit signalisiert: „Genauso wie Du sprichst, bist Du richtig!“

Braun, Czada und Klausmann geht es ebenfalls darum, Kinder und Jugendliche in einem weiten Sinne sprachlich zu befähigen und auf diesem Wege auch ihre demokratische Urteilsfähigkeit zu fördern. Sie sehen sich damit in der Tradition des Tübinger Romanisten Mario Wandruszka, der 1979 über die „Mehrsprachigkeit des Menschen“ schrieb: „Der Lehrer muss sich als Erzieher zur Mehrsprachigkeit begreifen. Er muss die von den Kindern mitgebrachten Sprachen, Dialekte, Regiolekte und Soziolekte in ihrem Eigenwert erkennen und anerkennen. Er muss seinen Schülern das Bewusstsein ihrer wachsenden Mehrsprachigkeit geben, des ganzen Reichtums unserer sprachlichen Möglichkeiten.“ Diesem Anliegen versucht „Dialekt und Du“ Gehör zu verschaffen.