Geschichte neu gedacht

Die Geburtsstunde Europas: Athen und der erste Perserkrieg

Vor 2500 Jahren endeten die Perserkriege. Die vereinten Griechen hatten über einen übermächtigen Feind gesiegt. Ihre Erklärung für den unvorhersehbaren Triumph: Ihre Kultur sei allen Fremden überlegen.

Die Geburtsstunde Europas: Athen und der erste Perserkrieg

Schlacht bei Plataiai, 479 v. Chr.: Die grichische Phalanx siegt gegen die zahlreicheren, aber lecihter bewaffneten Perser.

Von Markus Brauer

Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. stand das Ende der griechischen Welt unmittelbar bevor. Die Perserkönige, die bereits dutzende Völkerschaften in Asien und Europa erobert hatten, machten sich daran, alle griechischen Stadtstaaten einzunehmen.

Bald sollten das aristokratische Sparta und das demokratische Athen, aber auch Stadtstaaten wie Syrakus auf Sizilien und Korinth auf dem Peloponnes den Großkönigen Tribut leisten. Doch es kam anders.

Sieg der Hellenen in der Endschlacht von Plataiai

Ein Bündnis, wie es die Hellenen nie zuvor geschlossen haben, behielt bei der letzten Schlacht 479 v. Chr. bei Plataiai, einer antiken Stadt im griechischen Südboiotien, nahe der Grenze zu Attika, die Oberhand. Die Perser unter König Xerxes I. (519–465 v. Chr.) unternahmen danach keinen weiteren Angriff auf Griechenland.

Und die Hellenen? Warum siegten sie über den übermächtigen Feind? Sie kamen zu dem Schluss, dass es an ihrer Kultur gelegen haben müsste. Ihre Werte und Überzeugungen seien offenbar allem Fremden überlegen.

„Geburtsstunde Europas“ neu interpretiert

Julian Degen, Althistoriker an der Universität Innsbruck, hat jetzt diese „Geburtsstunde Europas“ neu interpretiert. Seine Analyse zeigt: Der persische Angriff auf Griechenland im Ersten Perserkrieg (um 490 v. Chr.) spiegelt weniger den Expansionismus des achaimenidischen Imperiums der Perser als den aufkommenden Imperialismus Athens wider.

Die Abwehr der persischen Invasion durch die Athener im Jahr 490 v. Chr. wird häufig als Schlüsselmoment der Weltgeschichte interpretiert: Die Athener verteidigten in der Schlacht bei Marathon 490 ihre Unabhängigkeit und errangen zahlenmäßig unterlegen einen entscheidenden Sieg gegen das mächtige persische Invasionsheer unter König Dareios I., der den ersten Perserkrieg prägte.

Dieses Narrativ formte die Gegensätze zwischen „Westen“ und „Osten“ sowie „Demokratie gegen Despotismus“ und schließlich die Idee, die Griechen hätten mit ihrem Abwehrkampf Europa und seine Werte verteidigt. „Problematisch ist jedoch, dass diese Sichtweise nahezu ausschließlich auf einer einzigen Quelle beruht: den Historien Herodots“, erklärt der Althistoriker Julian Degen.

Ost gegen West: ein welthistorisches Ereignis

Herodot verfasste sein Werk am Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr., als der Peloponnesische Krieg (431–404 v. Chr.) zwischen Athen und Sparta die griechische Welt erschütterte und besonders Athens Umgang mit Verbündeten als brutale Machtpolitik wahrgenommen wurde.

In einer interdisziplinären Analyse von Herodots Darstellung und altorientalischen Inschriften zeigt Julian Degen, dass Herodot vergangene Ereignisse aus der Gegenwartsperspektive seiner Zeit darstellt: Die von ihm geschilderten Perser handeln ähnlich, wie Athen zeitgenössisch agierte.

Dadurch wird die Erzählung zur impliziten Kritik an imperialer Hybris mit der Botschaft, dass das demokratische Athen sich zu einem Imperium wandelte, das dem des persischen Großkönigs ähnelt. Die Freiheit, die Athen einst verteidigte, entzog es später anderen Griechen.

Herodots Werk verdeutlicht, wie die Gegenwart die Sicht auf die Vergangenheit prägt und wie nah uns die Antike tatsächlich ist. Diese Neuinterpretation ist in der Fachzeitschrift „The Classical Quarterly“ (Cambridge University Press) publiziert.