Das Verhältnis großer Teile der belgischen Gesellschaft zu Israel ist gespannt. Immer wieder stellt sich die Frage, wie antisemitisch die Menschen eingestellt sind.
In Belgien sind viele Menschen besorgt, der Antisemitismus in der Gesellschaft könnte weiter um sich greifen.
Von Knut Krohn
Aufatmen in der jüdischen Gemeinde Belgiens. Mehr als drei Monate nach einem Bombenanschlag auf eine Synagoge in Lüttich hat die Polizei sieben Verdächtige festgenommen. Zur Identität der Personen machte die Staatsanwaltschaft keine Angaben, die Tat Anfang März wird von den Behörden allerdings als Terroranschlag eingestuft. Beschädigt wurde das Haupttor der Synagoge, im Umkreis um das Gebäude gingen durch die Wucht der Detonation Fenster zu Bruch. Verletzt wurde niemand. Das Attentat reiht sich ein in eine ganze Reihe von Anschlägen auf jüdische Einrichtungen in Europa nach Beginn des Iran-Krieges.
Jüdische Gemeinde befürchtet einen Dammbruch
Die jüdische Gemeinde in Belgien befürchtete nach dem Anschlag einen Dammbruch. Vor allem in der Hauptstadt Brüssel wird immer wieder über antisemitische Vorfälle berichtet. Selbst führende Politiker äußern sich bisweilen in einer Art, die über das normale Maß an einer berechtigten Kritik am Staat Israel hinausgeht. So sorgte die einstige Umweltministerin für Furore. Im Fernsehen wurden Zakia Khattabi einst gefragt, ob die Hamas eine Terrororganisation sei, sie wich aus. „Ich verwende den Begriff nicht“, sagte die Tochter marokkanischer Einwanderer, doch für die Grünen-Politikerin war klar: „Die einzigen Opfer der Gewalt heute sind die Bewohner von Gaza.“
Die auffallende Zurückhaltung mancher Politiker in dieser Frage erklärt sich auch dadurch, dass sie es sich weder mit der großen muslimischen Gemeinde, noch mit den Gewerkschaften verscherzen wollen. Die spielt eine zentrale Rolle bei den Protesten gegen Israel. „Die Gewerkschaftsbewegung war schon immer eine wichtige treibende Kraft in der Friedensbewegung“, betont Thierry Bodson, ehemaliger Präsident der sozialistischen Gewerkschaft FGTB. „Die Palästinafrage ist in unseren Reihen sehr lebendig.“
Ein Streit auf höchster diplomatischer Ebene
Der Vorwurf, in der belgischen Gesellschaft sei der Antisemitismus besonders ausgeprägt, erreichte zuletzt sogar die allerhöchsten diplomatischen Ebenen. Auslöser für eine heftige Kontroverse war Bill White, US-Botschaft in Brüssel. Der Mann ist bekennender Trump-Fan und in der Wahl seiner Worte wenig zimperlich. In einem Social-Media-Post warf der Diplomat Ende Februar den belgischen Behörden vor, antisemitisch zu sein. Hintergrund ist ein Strafverfahren gegen drei jüdische Beschneider in Antwerpen, denen zur Last gelegt wird, illegal religiöse Beschneidungen durchgeführt zu haben. Es folgte ein öffentlicher Schlagabtausch auf der Kurznachrichtenplattform „X“, in deren Verlauf sich auch Belgiens Außenminister Maxime Prévot zu Wort meldete und sich „jedwede Unterstellung“ verbat, „Belgien sei antisemitisch«. Der US-Botschafter konterte auf „X“, es handle sich „ABSOLUT um eine Frage des Antisemitismus“.
So wird wieder einmal darüber gestritten, wie die belgische Bevölkerung zu Israel und auch zu den rund 40.000 Juden im eigenen Land steht. Dass sehr viele der über 400.000 muslimischen Einwohner ein gespanntes Verhältnis zum Judentum haben, wird immer wieder offenbar. Nach dem Terrorüberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Krieg in der Region, hat sich die Stimmung noch einmal verschärft.
Immer wieder Demos gegen Israel
Aus der sehr gut organisierten muslimischen Gemeinschaft heraus werden ständig große Demonstrationen gegen Israel auf die Beine gestellt. Im vergangenen Jahr musste sogar ein Fußballspiel der Nations League zwischen Belgien und Israel in Brüssel abgesagt werden – offiziell aus Sicherheitsgründen. Für größte Aufregung sorgte im vergangenen Herbst die Ausladung der Münchner Philharmoniker vom Flanders Festival Ghent. Der Grund: der Dirigenten Lahav Shani ist auch Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra. Das aber hat den Veranstaltern in Belgien nicht gefallen. Selbst der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer äußerte sich dazu sehr eindeutig. „Unter dem Deckmantel vermeintlicher Israel-Kritik wird hier ein Kultur-Boykott betrieben“, sagte er. „Das ist blanker Antisemitismus.“
Die Polizei hat viele Auswüchse nicht gesehen
Umfragen belegen, dass antisemitische Einstellungen in Belgien fest verankert, aber nicht weiter verbreitet sind, als in anderen Ländern Europas. Allerdings müssen sich die Sicherheitskräfte den Vorwurf gefallen lassen, einige Auswüchse schlicht übersehen zu haben. Völlig unerkannt blieb etwa der Aufstieg des Landes zu einem Zentrum des islamistischen Terrors in Europa. Vom Brüsseler Stadtteil Molenbeek aus agierte etwa die Terrorzelle, die im Namen des IS die blutigen Anschläge am 13. November 2015 in Paris und am 22. März 2016 in Brüssel verübte.