Das Römische Reich machte auch vor dem heutigen Deutschland nicht Halt. Doch wie weit sind die Römer dabei in den Osten vorgedrungen? In Sachsen-Anhalt haben Forscher nun antike Truppenlager entdeckt.
Abbildung von Legionären im Museum und Park Kalkriese (Varusschlacht) im Osnabrücker Land.
Von Markus Brauer/AFP
Die alten Römer waren auch im heutigen Sachsen-Anhalt. Erstmals gibt es Belege für römische Marschlager zwischen Nordharz und Elbe, wie das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie am Donnerstag (15. Januar) in Halle mitteilte.
Östlicher als alle bisher beknnten Römerlager
Demnach zeugen die Funde von römischen Vorstößen im dritten Jahrhundert n. Chr.. Die Lager bei Aken, Trabitz und Deersheim seien die bislang nordöstlichsten Lager im freien Germanien. „Eine archäologische Sensation, die wesentlich dem Einsatz ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger und moderner Fernerkundungstechnik zu verdanken ist“, heißt es seitens des Landesamtes.
Etwa ab dem Jahr 13 v. Chr. versuchte der römische Kaiser Augustus, germanische Gebiete rechts des Rheins dem römischen Imperium einzugliedern. Über 30 Jahre hinweg erfolgten zahlreiche, letztlich vergebliche Versuche, das Gebiet bis zur Elbe zu einer römischen Provinz zu machen.
Abwehr gemanischer Raubzüge
Ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. kam es im germanischen Raum dann zu grundlegenden Veränderungen. Neue Großstämme formierten sich, die ab dem Jahr 233 n. Chr. das Römische Reich massiv bedrohten.
Aus literarischer Überlieferung ist bekannt, dass einige der römischen Feldzüge zur Abwehr der Bedrohung tief in germanisches Gebiet hineinführten. Bislang fehlten in Sachsen-Anhalt laut Landesamt bauliche Zeugnisse für die Truppenbewegungen römischen Militärs bis zur Elbe wie insbesondere Marschlager.
Ausgrabungen bestätigen die Befunde
Zwischen den Sommern 2024 und 2025 führten die Spatenforscher des Archäologischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt gezielte Ausgrabungen durch, um die Interpretation der Befunde abzusichern.
In Aken 1 (einer Stadt im Landkreis Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt) legten sie einen bis zu 1,75 Meter breiten und 1,55 Meter tiefen Graben mit klassischer V-Form frei – ein typisches Kennzeichen römischer Spitzgräben. Ähnliche Strukturen fanden sich in Aken 2 und Trabitz (einem Ortsteil der Stadt Calbe/Saale im sachsen-anhaltischen Salzlandkreis), wo die Gräben zwischen 1,2 und 1,8 Metern tief in den Boden eingeschnitten sind. In Deersheim blieb der Graben aufgrund des Kalksteinuntergrunds flacher, doch sein Verlauf war noch klar erkennbar.
Römische Bewegung im Norden des Imperiums
Die Funde und Messdaten lassen kaum Zweifel: In Sachsen-Anhalt befanden sich römische Marschlager, vermutlich aus der Zeit um 213 n. Chr.. Münzfunde – darunter ein Denar des Kaisers Caracalla – stützen diese Datierung. Möglich ist, dass die in Aken, Trabitz und Deersheim entdeckten Lager mit Caracallas Feldzügen gegen germanische Stämme in Zusammenhang stehen.
Sechs antike Münzen mit unterschiedlichen Prägungen liegen auf schwarzem Hintergrund. Die oberen drei Münzen zeigen Porträts von Männern im Profil, umgeben von lateinischer Schrift. Die unteren drei Münzen zeigen auf der linken Münze ein rechteckiges Motiv, in der Mitte eine stehende Figur mit erhobenem Arm und auf der rechten Münze eine stehende Figur mit Umhang und Schriftzug am Rand.
Römische Münzen, die bei der systematischen Begehung der Marschlager mit Metallsonden geborgen wurden. Geprägt wurden sie unter den Kaisern Antoninus Pius (138-161 nach Christus), Marcus Aurelius (161 bis 180 nach Christus) und Caracalla (211 bis 217 nach Christus).© Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Anika Tauschensky
Die fortgesetzten Untersuchungen des LDA versprechen weitreichende Erkenntnisse für die römische Militärgeschichte im mitteldeutschen Raum. Sollten sich die Befunde als Teil der Caracalla-Kampagnen bestätigen, könnte dies ein neues Kapitel über die römische Präsenz weit nördlich der Reichsgrenzen aufschlagen und einige historische Annahmen zu den Germanenfeldzügen grundlegend infrage stellen.
Römer in Germanien
Magna GermaniaMit den sogenannten augusteischen Feldzügen ab 13/12 v. Chr. gelangten die rechtsrheinischen Gebiete unter Kontrolle der Römer. Bis zur Gründung der Provinz „Magna Germania“, die im Jahr 90 n. Chr. unter Kaiser Domitian (51-96 n. Chr.) abgeschlossen war, wurde das Gebiet militärisch verwaltet.
Germania LiberaIn der romantischen Idealisierung der Historienwissenschaft des 19. Jahrhundert wurde für „Gemania Magna“ auch der Begriff „Germania Libera“ (Freies Germanien) gebraucht. Und zwar in dem Sinne, dass der Sieg des Arminius, der bekanntlich durch eine List erfochten wurde – der Germane lockte Varus mit der Lüge, es sei im Gebiet der Cherusker ein Konflikt ausgebrochen – in die unerschlossenen Wälder des heutigen Nordrhein-Westfalens.
GermanicusIn der Fundregion Kalkriese fanden zwischen 9 bis 19. n. Chr. eine Reihe großer Schlachten statt. Das Gebiet gilt bei Wissenschaftlern als ein der wahrscheinlichste Schauplatz der Varus-Schlacht sowie der Schlacht des römischen Generals Caecina an dem von Germanen zuvor errichteten Angrivarierwall.
ArminiusSiege sind relativ, weshalb Kaiser Tiberius des Blutzolls überdrüssig seinen Feldherren Germanicus aus Germanien abrief. Die römische Armee zog sich in ihre Kastelle westlich des Rheins zurück und überließ die wilden Germanen ihrem Schicksal. Im Jahre 21 wurde der tapfere Arminius, der Vorbild für den Recken Siegfried in der Nibelungen-Saga war, von missgünstigen Verwandten aus dem eigenen Clan ermordet.
HarzhornMehr als 200 Jahre nach den Feldzügen des Varus und Germanicus nahmen die Römer in der Schlacht am Harzhorn Rache. 235 n. Chr. stießen römische Kohorten, wohl einige tausend Mann stark, mit Infanterie und Artillerie begleitet von Kavallerie und Tross, tief ins Innere des „Freien Germaniens“ vor und versetzte den Germanen am Westrand des Harzes, am Höhenzug Harzhorn, eine schwere Niederlage.