Die Vereinigten Staaten bauen ihren Einfluss in Südosteuropa mit Flüssigerdgas aus, um Russland als größten Gaslieferanten abzulösen.
Mit Tankern liefern die USA Flüssigerdgas auf den Balkan.
Von Gerd Höhler
Die USA nutzen den Umbau der Energieversorgung in Europa, um ihren geopolitischen Einfluss auf dem Balkan auszubauen. Mit Investitionen in Pipelines und LNG-Terminals sowie langfristigen Lieferverträgen wollen sie wichtigster Gaslieferant der Region werden. Doch in Brüssel wächst die Sorge, dass Europa damit eine alte Abhängigkeit durch eine neue ersetzt.
Am Rande eines Wirtschaftsforums in Dubrovnik unterzeichneten US-Unternehmen kürzlich Verträge im Wert von mehreren Milliarden Dollar. Zu den wichtigsten Projekten gehört der Bau der Erdgasleitung „Southern Interconnection“. Sie soll amerikanisches Flüssigerdgas (LNG), das am Terminal auf der kroatischen Insel Krk anlandet, nach Bosnien und Herzegowina transportieren. Die 236 Kilometer lange Pipeline mit geschätzten Kosten von 1,5 Milliarden Dollar wird vom US-Unternehmen AAFS Infrastructure and Energy LLC finanziert, gebaut und betrieben.
Bosnien erlässt Sondergesetz zugunsten der USA
Für Bosnien hat das Projekt strategische Bedeutung. Das Land bezieht sein Erdgas bislang nahezu vollständig aus Russland. Die Lieferungen erfolgen über die TurkStream-Pipeline durch Bulgarien und Serbien. Mit der Southern Interconnection, die 2028 in Betrieb gehen soll, erhielte Bosnien erstmals direkten Zugang zu nicht-russischen Gasquellen.
Die Regierung in Sarajevo erteilte dem US-Unternehmen per Sondergesetz und ohne Ausschreibung eine 30-jährige Konzession für Bau und Betrieb der Pipeline. Das stößt in Brüssel auf Kritik. Die EU warnt, dass die Umgehung von Vergabestandards die Integration des Beitrittskandidaten in den europäischen Energiemarkt gefährden und den Zugang zu Fördergeldern aus dem EU-Entwicklungsplan für den Westbalkan erschweren könnte.
Trotz solcher Vorbehalte sind amerikanische Investitionen in der Region willkommen. Viele Staaten des westlichen Balkans sind immer noch stark von russischem Gas abhängig. Ihre Energieinfrastruktur ist veraltet, und europäische Fördergelder für die Modernisierung der Netze fließen nur schleppend. Unterdessen machen die USA Geschäfte.
Im Februar verabschiedete der US-Kongress das Gesetz „Western Balkans Democracy and Prosperity Act“. Es soll die Zusammenarbeit mit den Staaten der Region vertiefen und amerikanische Investitionen fördern. Dabei spielt Flüssigerdgas eine Schlüsselrolle. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine haben sich die LNG-Importe der Europäischen Union aus den USA verdreifacht.
Im Jahr 2025 deckten die EU-Staaten 58 Prozent ihrer LNG-Einfuhren mit amerikanischem Gas. Das entsprach rund einem Viertel des gesamten europäischen Erdgasverbrauchs. Analysten des Institute for Energy Economics and Financial Analysis erwarten, dass der Anteil des US-LNG bis 2028 auf 80 Prozent der europäischen Flüssiggaseinfuhren steigen könnte. In Griechenland kamen im ersten Quartal 2026 bereits 66 Prozent der LNG-Importe aus den USA. Die USA betrachten Griechenland als wichtigsten Energiepartner im östlichen Mittelmeer. Von den griechischen LNG-Terminals in Revythousa und Alexandroupoli wird amerikanisches Erdgas über den sogenannten „vertikalen Korridor“ nach Bulgarien, Rumänien, Moldau, Ungarn und bis in die Ukraine weitergeleitet. Auch Nordmazedonien und Serbien beabsichtigen, sich dem Netz anzuschließen.
Ende April schloss die griechische Aktor Group einen 20-Jahresvertrag über die Lieferung von amerikanischem LNG nach Albanien. Das Volumen beläuft sich auf sechs Milliarden Dollar. Unterzeichnet wurde es in Tirana zwischen der US-Tochter Aktor LNG USA und dem staatlichen albanischen Gasunternehmen ALBGAZ. Aktor hat über eine Beteiligung an Atlantic-SEE LNG Trade zudem Zugriff auf langfristige Lieferverträge mit dem US-Unternehmen Venture Global LNG. Aktor-CEO Alexandros Exarchos unterhält enge Kontakte ins Weiße Haus.
US-amerikanische Energieoffensive
Für die Europäische Union ist diese Entwicklung ambivalent. Einerseits hilft amerikanisches LNG dabei, russisches Pipelinegas zu ersetzen. Andererseits wächst die Sorge, dass sich Europa in eine neue strategische Dependenz von den Vereinigten Staaten begibt – wirtschaftlich ebenso wie geopolitisch. EU-Kommissionsvizepräsidentin Teresa Ribera warnte bereits: „Wir erhöhen unsere Abhängigkeit von LNG-Importen aus den USA erheblich.“
Die US-amerikanische Energieoffensive ist Teil einer umfassenderen Strategie. US-Unternehmen investieren auch in die digitale Infrastruktur auf dem Balkan, um dort chinesische Anbieter wie Huawei und ZTE zurückzudrängen. Parallel dazu bauen die USA ihre militärische Präsenz in der Region aus.