Ellen Kuhn und Joachim Materna auf der thailändischen Insel Koh Samui. Foto: privat
Backnang. Die Planung ihrer eigenen Weltreise hat Ellen Kuhn und Joachim Materna einst so viel Spaß gemacht, dass sie sich dachten: „Das können wir auch für andere machen.“ Aus ihrer Reise ist ein Leben an unterschiedlichen Orten geworden, aktuell weilt das Paar bis September auf den Fidschi-Inseln, zuvor waren sie in Los Angeles unterwegs. Ihre eigenen Aufenthalte organisieren die beiden etwa ein Jahr im Voraus, gelegentlich schauen sie auch in der alten Heimat in Backnang vorbei.
Sie wollten es anderen Weltenbummlern leichter machen, denn als die beiden ihre Reise organisierten, hatten sie viele Ideen und viele Informationen, doch diese mussten sie sich selbst zusammensuchen. „Etwa ein Jahr lang haben wir unsere eigene Reise geplant“, berichtet Ellen Kuhn. „Es gibt nach unseren Recherchen keine Agentur im deutschsprachigen Raum, die eine mehrmonatige Reise plant“, ergänzt Joachim Materna. „Die meisten unserer Kunden reisen etwa drei bis vier Monate lang. Einer war 14 Monate am Stück unterwegs.“
Mehrmonatige Reisen unterscheiden sich grundsätzlich von kurzen Urlauben
Von der Planung über die Betreuung während der gesamten Reisedauer bis hin zum Feedbackgespräch nach der Rückkehr ist das Duo mit einem kleinen Mitarbeiterkreis über die gesamte Reisedauer virtuell „an der Seite“ seiner Kunden. Dabei beginnt alles ganz gemächlich. Zu Beginn der Zusammenarbeit fragen die Weltreiseplaner ihre Kunden aus: nach den Wünschen und Vorstellungen und selbstverständlich nach dem Budget. Für die beiden ebenfalls entscheidend: „Wir müssen wissen, ob die Chemie zwischen uns und den Kunden stimmt“, erklärt Materna. „Wir haben so viel Kontakt miteinander. Manche haben schon zu uns gesagt: ‚Ihr kennt uns mittlerweile besser als wir uns selbst.‘“ Dafür erstellen die beiden fast schon ein psychologisches Profil ihrer Kunden. Ziel ist es, den genauen Reisetyp ihrer Klienten zu bestimmen.
Was viele Weltenbummler unterschätzen: „Mehrmonatige Reisen kann man nicht wie einen kurzen Urlaub planen. Die können körperlich sehr anstrengend sein“, sagt Ellen Kuhn. „Man muss Zeiten für Ruhe und Erholung einplanen.“ Dabei könne nicht ein Highlight das nächste jagen. Auch auf diese wichtigen Punkte weisen die beiden ihre Kunden hin. Sie nehmen zudem mit auf, wie ihre Kunden üblicherweise ihren Alltag leben, welche Phobien, Unverträglichkeiten und Allergien sie haben oder welchen Sport sie gerne treiben. All das wird die Planungen der Aufenthalte und Ausflüge mitbestimmen.
Am liebsten ist es den beiden, wenn Kunden mit ihren Wünschen, aber ohne genaue Vorstellungen zu ihnen kommen. „Schon festgelegte Ziele und Buchungen zu erledigen, das bekommen Kunden in einem Reisebüro billiger“, stellt Joachim Materna klar und meint damit: Die Kunden bezahlen für das Gesamtkonstrukt. Die individuelle Einschätzung, die Reiseerfahrung des Duos, die Kontakte rund um die Welt und die dauerhafte Betreuung sind das „Produkt“ der Agentur. Verschiedene Beispielreisen sind auf der Website von „Weltreise-Traum“ aufgeführt, Preise stehen nicht dabei.
Im besten Fall wenden sich die Kunden etwa eineinhalb Jahre vor der geplanten Reise an Kuhn und Materna. Sie können mit ihrem kleinen Mitarbeiterkreis etwa fünf bis acht Projekte im Jahr betreuen. Für mehr bliebe keine Zeit. Bei einer etwa dreimonatigen Reise bucht das Team etwa 100 unterschiedliche Positionen, von Flügen und Hotels bis hin zu Mietwagen, Ausflügen oder Restaurants. „Wir haben keine Kontingente wie Reisebüros, können dafür aber individuell alles buchen, was die Kunden sich wünschen“, sagt Ellen Kuhn. Die Betreuung ihrer Kunden dauert die gesamte Dauer der Weltreise an.
Auf spontane Änderungen wie verschobene Flüge, politische Unruhen oder Unwetter reagieren sie und ihre Mitarbeiter oft schon, bevor die schlechten Nachrichten ihre Kunden erreichen. Im April waren mehrere Kunden von heftigen Überschwemmungen im australischen Queensland betroffen. „Da haben wir gemerkt, dass wir sie in eine andere Richtung lotsen müssen, und haben spontan alles umgebucht“, sagt Ellen Kuhn. Sie präsentieren ihren Kunden nicht das Problem, sondern meistens gleich die Lösung. Dabei hilft ihnen ein breites Netzwerk an Kontakten in aller Welt, die sich die Weltreiseagentur in den fast zwölf Jahren ihres Bestehens mittlerweile aufgebaut hat.
Warum Bali nicht für alle ein Traumziel ist
Eine „Gefahr“ sehen die Reiseplaner darin, auf die Geheimtipps des persönlichen Umfelds zu hören, da diese manchmal zwar den Geschmack der Reisenden treffen, aber nicht immer. „Ich muss mir klar sein: Was ist denn mein Ziel, das ich mit der Reise erreichen möchte? Was möchte ich erleben? Und das ist bei jedem Menschen total verschieden “, weiß Ellen Kuhn.
Sie versteht ihre Aufgabe auch darin, den Menschen realistische Vorstellungen ihres Urlaubs zu vermitteln. „Reisen ist oft eine große Projektionsfläche für Vorstellungen, die sehr illusorisch sind.“ Sie nennt als Beispiel die indonesische Insel Bali: „Das ist ein Trendreiseziel mit einer Kultur, die man so fast nirgendwo anders erleben kann.“ Damit gingen aber auch Nachteile einher. „Es gibt ein großes Overtourism-Problem, also endet man vielleicht in komplett verstopften Straßen und macht sich mit so vielen anderen Touristen auf den Weg zu den Tempeln“, ergänzt Joachim Materna. Wer eine Individualreise suche, den müssen sie darauf vorbereiten, dass traumhafte Fotos oft nicht der Realität entsprächen.
Hinzu komme auf Bali ein großes Müllproblem, was bei Reisenden aber auch zu einem Aha-Effekt führen könne. „Das zu sehen kann dazu führen, dass man das eigene Reiseverhalten und das Verhalten im Alltag überdenkt“, sagt Ellen Kuhn. Denn auch das sei oft ein Ziel: „Man will neue Kulturen kennenlernen, aber auch eine Veränderung fürs eigene Leben mitnehmen.“