Zugunglück in Spanien

Dramatische Suche nach Opfern und Streik der Lokführer

Spanien steht nach einem neuen schweren Bahnunglück unter Schock. Die Suche nach Opfern läuft weiter – hat Premier Sánchez abgewirtschaftet?

Dramatische Suche nach Opfern und Streik der Lokführer

Auch in der Nacht gingen die Rettungsarbeiten weiter.

Von Michael Maier

Nach der zweiten schweren Bahnkatastrophe in Spanien mit Dutzenden Toten innerhalb von nur neun Monaten ist die Suche nach möglichen weiteren Opfern in der Nacht weitergegangen. „Hier wird mithilfe von Flutlicht auf Hochtouren gearbeitet“, sagte ein Reporter des staatlichen TV-Senders RTVE am Unglücksort in der Provinz Toledo, rund 130 Kilometer südlich von Madrid. Mit drei Kränen wollten die Einsatzkräfte zwei besonders schwer beschädigte Waggons anheben. Die Einsatzkräfte schlossen laut RTVE nicht aus, dass sich in den Wracks weitere Opfer befinden.

Mindestens 68 Menschen starben, zahlreiche weitere wurden verletzt, nachdem am Mittwochmorgen zwei Hochgeschwindigkeitszüge nahe der Gemeinde Urda kollidiert waren. Viele Menschen suchten in der Nacht noch nach vermissten Familienangehörigen, wie Mercedes Martín, die Sprecherin der Polizeibehörde Guardia Civil in der spanischen Hauptstadt, dem Sender sagte. DNA-Proben würden in Madrid sowie in Toledo, Córdoba und Sevilla entnommen. „Wir werden hier die ganze Nacht lang bleiben“, sagte die Sprecherin.

Es war kurz vor neun Uhr morgens, als ein Zug der staatlichen Gesellschaft Renfe auf einen stehenden Zug des privaten Bahnunternehmens Iryo von hinten auffuhr. Mehrere Waggons stürzten einen Bahndamm hinunter. In beiden Zügen waren insgesamt mehr als 540 Passagiere von Madrid nach Andalusien unterwegs.

Nach den jüngsten Angaben der Regierung der Region Kastilien-La Mancha wurden mehr als 100 Menschen verletzt. 53 wurden noch in Krankenhäusern behandelt, mehrere davon in kritischem Zustand, hieß es.

Sánchez verspricht umfassende Aufklärung

Ministerpräsident Pedro Sánchez rief eine dreitägige Staatstrauer bis Samstag aus – und versprach eine umfassende Aufklärung. „Wir werden der Sache bis zum Ende nachgehen. Sollte es Fahrlässigkeit gegeben haben, wird das ans Licht kommen“, versicherte er vor Journalisten an der Unglücksstelle.

„Für ein Land wie Spanien ist es nicht hinnehmbar, innerhalb eines Jahres zwei schwere Unglücke mit Hochgeschwindigkeitszügen zu erleben“, sagte Sánchez mit Blick auf das Zugunglück von Adamuz in Andalusien, bei dem im Januar 46 Menschen ums Leben gekommen waren. Sollten sich Fehler im Sicherheitssystem herausstellen, werde man mit aller Konsequenz reagieren. Vorrang hätten zunächst die Betreuung der Opfer und ihrer Angehörigen.

Sánchez steht auch deshalb unter Druck, weil er einen Monat vor der vorgezogenen Parlamentswahl von der konservativen und rechtspopulistischen Opposition für das Unglück verantwortlich gemacht wird. „Korruption tötet“, die linke Regierung sei kriminell, sagte etwa der Chef der aufstrebenden rechtspopulistischen Partei Vox, Santiago Abascal. In der Nacht gab es Ausschreitungen bei einer rechten Demo vor dem Verkehrsministerium.

Menschliches Versagen oder marode Infrastruktur?

Verkehrsminister Óscar Puente deutete auf mögliches menschliches Versagen hin, während die konservative Opposition nach der zweiten Bahnkatastrophe innerhalb von neun Monaten von Missmanagement und grundsätzlichen Mängeln an der Infrastruktur spricht.

Das Unglück sei laut Behörden auf eine „unerklärliche“ und „falsche“ Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen. Obwohl das automatische LZB-Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte, habe die Leitstelle dem Renfe-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben, während der Iryo-Zug noch stand. Ob allerdings tatsächlich menschliches Fehlverhalten vorlag, müsse die Untersuchung klären, sagte Puente.

Das auf der Strecke Madrid – Sevilla eingesetzte deutsche Zugsicherungssystem LZB (linienförmige Zugbeeinflussung) überwacht kontinuierlich das Fahrverhalten der Züge und übermittelt dem Lokführer Fahranweisungen direkt ins Führerhaus. Überschreitet ein Zug die zulässige Geschwindigkeit oder missachtet er bestimmte Vorgaben, kann das System automatisch bremsen. Bei einer größeren Störung übernimmt die Bahnleitstelle weitgehend die Kontrolle.

Warum der zuständige Fahrdienstleiter die Gefahr nicht rechtzeitig erkannte, ist eine der zentralen offenen Fragen. Zwischen den beiden Zügen lagen rund 25 Kilometer, die der Renfe-Zug in etwa 17 Minuten zurücklegte. Beamte der Polizei und der unabhängigen Behörde für die Untersuchung von Unfällen (AITAT) befragten bereits den Mitarbeiter. Die AITAT hält es derweil für „viel zu früh“, Hypothesen zu den Ursachen des Zusammenstoßes aufzustellen.

Schweigeminute vor Rathäusern im ganzen Land

Die spanische Eisenbahngewerkschaft kritisiert den Zustand des Bahnnetzes. Die Lokführergewerkschaft Semaf hält an ihrem für heute angekündigten Streik fest, mit dem sie Verbesserungen bei der Sicherheit fordert. Der Ausstand war bereits am 16. Oktober und damit vor dem Unglück angekündigt worden.

Am Abend stand aber die Trauer im Mittelpunkt. Um Punkt 20.00 Uhr gedachten die Menschen in ganz Spanien der Opfer mit einer Schweigeminute vor den Rathäusern. Die landesweiten Gedenkveranstaltungen fanden unter anderem auch in Madrid, Barcelona, Valencia und Saragossa statt.

In Madrid kam es vor dem Transportministerium zu Ausschreitungen. Rechte Gruppen hatten nach dem schweren Zugunglück zu einer Protestkundgebung aufgerufen. Dabei kam es zu Spannungen zwischen Teilen der rund 1.500 Demonstranten und der Polizei, wie der Fernsehsender TVE berichtete. Beobachter gehen davon aus, dass die neuerliche Bahnkatastrophe der linken Regierung vor den vorgezogenen Neuwahlen am 29. November massiv schaden dürfte.

Korruption im Verkehrsministerium

Das neue Unglück weckt Erinnerungen an die schwere Zugkatastrophe im Januar bei Adamuz in Andalusien. Damals war ein Iryo-Zug entgleist und mit einem entgegenkommenden Renfe-Zug zusammengestoßen. 46 Menschen kamen ums Leben. Sánchez sagte den Gewerkschaften damals zusätzliche 1,8 Milliarden Euro für Maßnahmen im Bahnnetz zu, darunter für die Wartung in den Jahren 2026 bis 2030.

Gleichzeitig ist die Rede davon, dass an der Unfallstelle Beweise unterschlagen worden sein sollen. Die Untersuchungen werden teilweise verschleppt. Ein korrupter Bauunternehmer soll ungeeigneten Schotter für das Gleisbett geliefert haben, hieß es in Medienberichten. Wegen zahlreicher Korruptionsfälle gehen Beobachter davon aus, dass die Sozialdemokraten und ihre linken Partner abgewählt werden. Der frühere PSOE-Verkehrsminister José Luis Abalos wurde zu 24 Jahren Haft verurteilt und sitzt im Gefängnis – unter anderem wegen schwunghafter Geschäfte mit Corona-Masken.

Dramatische Suche nach Opfern und Streik der Lokführer

Drei Waggons stürzten einen Bahndamm hinunter.

Dramatische Suche nach Opfern und Streik der Lokführer

Faschistische Symbolik gegen Verkehrsminister Oscar Puente (PSOE).

Dramatische Suche nach Opfern und Streik der Lokführer

Spaniens König Felipe zeigte sich demonstrativ in Militäruniform vor Ort.