Warum zahlt der Nachbar weniger für sein Ticket? Immer mehr Freizeitanbieter setzen auf dynamische Preismodelle. Ein Experte erklärt, was erlaubt ist und wie Preise beeinflussbar sind.
Verschiedene Freizeitanbieter setzen dynamische Preismodelle ein.
Von Ann-Kathrin Haag
Vom Sprung ins Schwimmbecken bis zur rasanten Achterbahnfahrt im Vergnügungspark oder dem Skitag in den Bergen: Freizeitspaß hat seinen Preis – doch nicht für alle denselben. Dynamische Preise gibt es längst nicht mehr nur für Flugtickets oder Hotelzimmer, auch Freizeitanbieter setzen sie vermehrt ein. Doch wer profitiert von den beweglichen Modellen?
Eigenen Vorteil verschaffen
Heute 20 Euro, morgen 30 Euro – bei dynamischen Preismodellen können sich Preise innerhalb von Tagen oder sogar Stunden ändern. Gerade bei Freizeitaktivitäten spielt die Nachfrage eine zentrale Rolle. Das bedeutet: Wer unter der Woche ins Spaßbad geht, zahlt oft weniger als am Wochenende. Jurist und Rechtsberater Alexander Weigert von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg erklärt: „Durch den Grundsatz der Vertragsfreiheit ist es völlig in Ordnung, dass die Preise sich nach Angebot und Nachfrage richten.“ Dennoch ist er der Meinung, dass es den Anbietern in erster Linie darum gehe, sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. „Die Privatwirtschaft ist nicht von Menschenfreundlichkeit geprägt“, sagt Weigert, der in der Beratungsstelle Reutlingen sitzt.
Flexible Preise seien so lange legal, wie sie transparent kommuniziert werden, sagt der Jurist. Fehlt diese Transparenz, ist es Käufern möglich, gegen einen Vertrag vorzugehen oder den Verstoß der Verbraucherzentrale zu melden. Laut Weigert sei ein Preis erst ab einer 100-prozentigen Überteuerung ein Wucher oder eine Sittenwidrigkeit und somit ein Gesetzesverstoß.
Auch Kunden haben Chance auf Schnäppchen
Nicht nur für Anbieter bilden dynamische Preismodelle eine Chance, sondern auch Kunden können diese zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. „Wer Sommerkleider im Herbst kauft oder eine Jahreskarte für einen Freizeitpark wie den Europapark im Winter erwirbt, zahlt oft weniger, da die Nachfrage außerhalb der Hauptsaison geringer ist“, erklärt der Rechtsberater. Wer hingegen Tickets spontan an einer Tageskasse kauft, zahlt meist mehr wie es in manchen Bädern – wie dem „Badeparadies Schwarzwald“ oder „Rulantica“ – mit einem Aufpreis von sechs Euro pro Ticket der Fall ist. Weigert empfiehlt deshalb die Eintrittskarten im Voraus online zu kaufen.
Vorsicht,Datenweitergabe!
Doch die Nachfrage ist nicht der einzige Faktor, der dynamische Preise bestimmt. Auch „Cookies“ – kleine Datenpakete, die beim Surfen im Internet nach Zustimmung auf dem Gerät gespeichert werden – können dazu beitragen. Laut Weigert sammeln Anbieter damit Informationen über Kaufkraft, Wohnort und Interessen ihrer Kunden. Zusätzlich seien auch Tageszeit und Gerätenutzung entscheidende Faktoren für die Preisbildung. So könne es passieren, dass der eigene Nachbar für dasselbe Ticket weniger zahlt. Die Datenerhebung muss dabei den Datenschutzvorschriften der Europäischen Union entsprechen. Wie der Jurist mitteilt, kann jeder selbst entscheiden, wie viele Daten im Internet preisgegeben und welche „Cookies“ akzeptiert werden.
Wer nicht möchte, dass persönliche Faktoren beim Online-Kauf berücksichtigt werden, kann aktiv Schutzmaßnahmen ergreifen. Dazu gehört etwa, regelmäßig „Cookies“ zu löschen, aufmerksam zu surfen, Preise zu vergleichen und nicht sofort zu kaufen.
Ein bekanntes Phänomen, das Weigert nennt, sind „Dark Patterns“. Hierbei üben Anbieter gezielt Druck auf die Käufer aus, indem sie beispielsweise Lagerbestände künstlich knapp anzeigen. Bei großen Online-Shops wie „Shein“ oder „Temu“ ist dies nach Einschätzung des Juristen gängige Praxis. Solche Methoden verstoßen klar gegen geltendes europäisches Recht.
Weigert hält die bestehenden gesetzlichen Regelungen für dynamische Preise aktuell für ausreichend. Allerdings sollen sich die Verbraucher besser austauschen und den Online-Markt beobachten, um mögliche Verstöße zu erkennen und nicht in die Preis-Falle zu tappen.