Effizienter und produktiver

Deutschland kann mehr Wohlstand durch Arbeit schaffen. Dabei spielt auch Qualität eine Rolle.

Von Jacqueline Westermann

Seit Wochen streitet die Republik darüber, ob in Deutschland zu wenig gearbeitet wird. Das ZDF-Politbarometer zeigt eine eindeutige Richtung: Drei Viertel der Befragten sagen eindeutig „Nein“. Wer dagegen zustimmt, wählt meistens die Union. Mit Blick auf Hauptwählergruppe von CDU und CSU – Rentnerinnen und Rentner – ist das wenig überraschend. Die erwerbsfähige Bevölkerung jedoch dürfte hier größtenteils zu den Nein-Sagern gehören.

Auch das überrascht kaum, schaut man auf die 4,4 Millionen Arbeitnehmer, die 2024 mehr gearbeitet haben als vertraglich vereinbart war. 15 Prozent davon leisteten nach Angaben des Statistischen Bundesamts mindestens 15 Stunden Mehrarbeit pro Woche. Oder anders: 2024 wurden 1,2 Milliarden Überstunden erfasst – die Hälfte davon blieb unbezahlt. Und über unbezahlte Sorgearbeit wie Kinder betreuen oder Eltern pflegen ist da noch kein Wort gefallen.

Doch die ganze Debatte geht am entscheidenden Punkt vorbei. Denn letztlich ist nicht die Anzahl der Stunden entscheidend. Vielmehr muss in Deutschland effizienter, schneller und qualitativ hochwertiger – kurzum produktiver – gearbeitet werden. Laut dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle hat sich die Arbeitsproduktivität seit Mitte der 90er Jahre abgeschwächt. Dabei ist Produktivitätsfortschritt der maßgebliche Treiber für Wachstum und somit Wohlstand – und nicht zwingend eine Ausweitung der Arbeitszeit, so die Forscher.

In den USA hingegen lässt sich durchaus ein Produktivitätswachstum beobachten, weil der Anteil qualifizierter und erfahrener Arbeitskräfte am gesamten Arbeitsvolumen zugenommen hat. Zudem ist die Fluktuation der Arbeitskräfte dort höher, während in Deutschland dringend gebrauchte Arbeitskräfte zu lange bei zu wenig produktiven Betrieben verweilen.

Die abermalige Verlängerung der Kurzarbeit zementiert diese Situation leider. Und doch liegt hier ein zentraler Baustein für Deutschland: Für mehr Produktivität braucht es einen Fokus auf mehr und bessere Qualifizierung. Das heißt, dass die seit Jahren steigende Zahl von Schulabgängern ohne Abschluss und jungen Menschen ohne Qualifizierung bekämpft werden muss – und dass lebenslange Weiterbildung, gezielte Umschulungen oder Weiterqualifizierungen angesichts wirtschaftlicher Veränderungen zum Normal werden sollten.

Darüber hinaus sollten Jobs auf den Prüfstand kommen, die letztlich keinen Mehrwert bringen oder schon jetzt durch Digitalisierung, Automatisierung oder Künstliche Intelligenz ersetzt beziehungsweise effizienter gestaltet werden könnten. Erste Studien zeigen, dass eine intensive Nutzung Künstlicher Intelligenz (KI) den Umsatz pro Mitarbeiter um drei bis sieben Prozent steigern könnte.  Oder dass im Pharmasektor die Wertschöpfung bei der Entwicklung neuer Medikamente jährlich bis zu fünf Prozent zunehmen könnte.

Wichtig ist: KI muss nicht zwingend die Jobs ersetzen, sondern kann die Arbeit auch komplementieren – um schneller und effizienter zu werden. Zudem sollte die Politik neben einer verbesserten Produktivität auch die bestehenden Fehlanreize im Arbeitsmarkt im Blick behalten. Neben dem uneingeschränkten Zugang zu Minijobs und der gratis Familienmitversicherung, die viele Personen im Geringverdienst halten, fehlen seitens der Unternehmen bessere Angebote für Teilzeitbeschäftigte, die gerne mehr arbeiten möchten. Und: Laut Statistik zählen in Deutschland 4,6 Millionen Menschen zum ungenutzten Arbeitskräftepotenzial, die Mehrheit davon in der sogenannten Stillen Reserve, die gerade nicht aktiv nach Arbeit suchen, sich aber Arbeit wünschen.