Ausstellung im Europaparlament

Ein Düsseldorfer Karneval-Scherzkeks provoziert in Brüssel

Im Europaparlament wird eine Auswahl der bekannten politischen Motivwagen des Karnevalswagenbauers Jacques Tilly gezeigt. Nicht alle sind damit einverstanden.

Ein Düsseldorfer Karneval-Scherzkeks provoziert in Brüssel

Jacques Tilly wird im Europaparlament in Brüssel mit einer eigenen Ausstellung seiner Karnevalswagen geehrt.

Von Knut Krohn

Die extremen Rechten möchten Jacques Tilly am liebsten aus dem Europaparlament werfen. In einem offiziellen Schreiben protestiert die rechtspopulistische ECR-Fraktion gegen die Ausstellung des Düsseldorfer Karnevalwagenbauers in den Räumen des Spinelli-Gebäudes in Brüssel. Man respektiere die deutsche Karnevalstraditionen, heißt es darin, aber diese Darstellungen seinen schlicht unanständig. Jacques Tilly nimmt es gelassen, der Mann ist Ärger gewöhnt.

Auf großformatigen Bildern sind im Europaparlament in diesen Tagen rund 50 von Tilly gestaltete Motivwagen aus den vergangenen Jahrzehnten zu sehen. Besonderes Interesse erregen einige kleine Skulpturen aus Pappmaschee. Deutlich wird: Jacques Tilly trifft einen Nerv. Es scheint unmöglich, nicht auf seine überzogenen, entlarvenden und oft auch drastischen Darstellungen zu reagieren.

Die Arbeiten von Tilly provozieren die Leute

Immer wieder bleiben Leute stehen, selbst jene, die schnellen Schrittes mit Akten unterm Arm durch das Gebäude hasten. Die meisten machen lachend Fotos mit ihren Smartphones, angesichts der bisweilen sexuell sehr expliziten Darstellungen wird getuschelt, manche schütteln ablehnend den Kopf. Zwei jungen Polen scheint die etwas ruppige Darstellung von Jaroslaw Kaczynski, der grauen Eminenz der polnischen Politik, gar nicht zu gefallen.

Die Düsseldorfer EU-Abgeordneten Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist ein erklärter Fan von Jacques Tilly. Auch die FDP-Politikerin liebt es, mit ihrer etwas kantigen Art die Mitmenschen zu provozieren. Sie hat dafür gesorgt, dass die Ausstellung in Brüssel gezeigt wird und die empörten Reaktionen sehr wohl einkalkuliert. „Wenn Putins antidemokratische rechte wie linke Jünger in Europa Mehrheiten bekommen, sind Kunst, Kultur und Satire das Erste, was stirbt“, betont Strack-Zimmermann. Sie spielt damit auf einen Strafprozess an, der Jacques Tilly in Moskau wegen Beleidigung und Verunglimpfung gemacht wird. Dem Kreml missfiel eine überaus explizite Darstellung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill und des Präsidenten Wladmir Putin beim Oralverkehr. Darunter die Botschaft: „From Russia with Love“ (Liebesgrüße aus Russland).

Tilly wird in Moskau der Prozess gemacht

„Dass ich in Moskau vor Gericht gezerrt werden, das hat schon eine ganz neue Qualität“, räumt Jacques Tilly am Rande der Ausstellungseröffnung in Brüssel ein. Allerdings weiß der 62-Jährige auch sehr genau, dass er mit seinen Darstellungen aneckt. „Die polnische Regierung hat sich zwei Mal über meine Wagen geärgert und sich bei der deutschen Bundesregierung beschwert.“ Aber es sei eben die Aufgabe von Satire, Tabus zu brechen und sich auch unbeliebt zu machen, rechtfertigt er sich.

Der Künstler sieht sich nicht als Künstler

Jacques Tilly hat offensichtlich einen Weg gefunden, mit den ständigen Anfeindungen umzugehen: er nimmt sich selbst nicht allzu ernst. So würde er nie von sich behaupten, Kunst zu machen. „Kunst muss frei sein“, sagt er. Seine Freiheit sei bei der Arbeit an den Karnevalswagen aber stark eingeschränkt, sagt Tilly, er habe eine feste Aufgabe. „Ich muss eine Bildformel finden, die einfach und klar auf den Punkt bringt, was die Menschen mehrheitlich denken“, beschreibt der Düsseldorfer sein Ziel. Das sei keine Kunst, sondern eher dreidimensionale Satire. „Manche mögen das auch Kunst nennen“, räumt Tilly ein, „aber ich sehe mich nicht als Künstler, sondern eher als Karneval-Scherzkeks.“