Sender Mühlacker

Ein Leben für und unterm Sender

40 Jahre wohnt Jürgen Fegert unter dem Sender Mühlacker. Ihm gehört auch ein Teil des alten Rundfunksendemasten.

Ein Leben für und unterm Sender

Jürgen Fegert vor seinem Holzhäuschen und dem 273 Meter hohen Sendemasten – fast 40 Jahre lebt er hier.

Von Maren Recken

„Die Eichhörnchen aufs Küchenfensterbrett, die Hasen hoppeln am Haus vorbei und nicht nur im Sommer heizt die Sonne die Terrasse auf. Wir haben volle Südlage.“ Jürgen Fegert kommt auf die Frage, was ihm an seinem 65-Quadratmeter-Häuschen am besten gefällt, aus dem Schwärmen nicht mehr raus. Knapp 40 Jahren wohnt der pensionierte Sendetechniker direkt unter dem Mühlacker Sender. Zuerst als Mieter eines von drei als Dienstwohnungen ausgewiesenen Holzhäuser, seit sechs Jahren als Miteigentümer des rund 70 000 Quadratmeter großen Sendergeländes. Den Sendemasten – mit 273 Metern Höhe das höchste Bauwerk Baden-Württembergs – inbegriffen.

Umzug aufs Sendegelände in den 80er Jahren

Wie eng das Leben des 67-jährigen Rentners mit dem Sender Mühlacker und seinem ehemaligen Arbeitgeber und Vermieter SDR und später SWR verwoben ist, wird beim Gespräch am heimischen Esstisch schnell deutlich. „1984 habe ich beim SDR angefangen und war mit Kollegen gemeinsam für alle unbemannten Sender im nördlichen Baden-Württemberg zuständig“, erzählt er. Den Sender Mühlacker hätte er damals zwar nicht betreut: „Für den war rund um die Uhr eine eigene Stammmannschaft zuständig.“ Trotzdem zog Fegert Ende der 80er Jahre mit Frau und Tochter aufs Sendergelände. Als einziger Außendienstler. „Das war praktisch. Wir hatten unseren Stützpunkt und das Werkzeug hier“, berichtet Fegert. Die kleinen Holzhäuser seien begehrte Dienstwohnungen gewesen, Auszug bei Pensionierung. Auch er sei zu seinem Häuschen gekommen, als ein älterer Kollege in Rente ging.

„Die Holzhäuer waren nur etwas für praktisch Begabte. Wir haben hier alles selber gemacht“, zeigt er beispielhaft das ins Untergeschoss verlegte, selbst ausgebaute Badezimmer oder den zum Wintergarten umgebauten Teil der Terrasse. „Mein Ende der 1940er Jahre erbautes Häuschen ist zwar schlecht isoliert, trotzdem will ich es nie gegen ein Betonhaus tauschen“, erinnert er sich an seinen Einzug als Ende 20-Jähriger. „Damals habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, was nach meiner Rente passiert.“ Spätestens als dem Sender Mühlacker 2012 die Mittelwelle abgeschaltet wurde, sei das anders gewesen.

„Der Sender Mühlacker war seit 1930 in Betrieb, zuerst mit zwei Holzmasten, die durch eine Einmastantenne aus Holz und schließlich durch die heutige Stahlrohrnadel ersetzt wurden. Immer flankiert von Hilfsantennen. Auf Kurzwelle, Mittelwelle und Ultrakurzwelle wurden die Radioprogramme übertragen“, gibt Fegert einen Abriss der Sendergeschichte und erzählt, bereits nach der Fusion von SDR und SWF zum SWR hätte sich herauskristallisiert, dass sich was ändern würde an der Nutzung des Senders Mühlacker. Seinerzeit sei er mit dem SWR im Gespräch gewesen, das von ihm bewohnte Häuschen für einen symbolischen Euro zu übernehmen, weil es mit reduziertem Sendebetrieb kein Bedarf mehr an Dienstwohnungen für jüngere Generationen gegeben hätte. Ein jahrelanges Hin und Her sei es gewesen, in dem der SWR den Sender hätte los werden wollen, der größte Hilfsmast 2013 umgelegt worden wäre, die Stadt Mühlacker kein Kaufinteresse gehabt hätte, der 273 hohe Hauptsendemast 2016 als technisches Kulturdenkmal unter Denkmalschutz gestellt worden wäre und 2020 mit Sondererlaubnis trotzdem hätte abgerissen werden sollen. „Das konnte nicht sein. Wegen des Sendemasten und weil ich über mein halbes Leben unterm Sender gewohnt habe“, sagt Fegert, ohne weitere Details, vom Wunsch zur Rettung des Senders, der damit endete, dass der ehemalige Sendetechniker mit vier Mitstreitern dem SWR 2020 den Sender und einen Großteil des Geländes abkaufte.

Pläne mit den Mitstreitern

Seitdem fließen seine Mietzahlungen zu einem Fünftel in die eigene Firma und als Geschäftsführender Gesellschafter ist Fegert unter anderem für die Vermietung der ehemaligen Technikhalle als Kulissenlager an seinen Ex-Arbeitgeber SWR zuständig. Radio überträgt der große Hauptsendemast bereits seit Abschaltung der Mittelwelle 2012 nicht mehr. Auf UKW und DAB schickt der SWR vom kleinen Gittermasten aus weiterhin Radio in den Äther. Fegert ist seit rund vier Jahren im Ruhestand. Sein Fachwissen aus 45 Arbeitsjahren gibt er heute bei Führungen übers Sendergelände und durchs angegliederte Radiomuseum weiter.

Und neue Pläne haben er und seine Mitsenderetter auch: „Die Stadt Mühlacker, die mittlerweile den Beinamen Senderstadt offiziell im Ortsschild führt, soll das Sendergelände samt Sendemast kaufen, damit das Wahrzeichen eine sichere Zukunft hat“, so Fegert. An wen dann die Miete fürs ehemalige Diensthäuschen geht, wird sich zeigen müssen. Sicher ist: Wohnen bleiben, will Fegert dort, mit Eichhörnchen auf dem Fensterbrett, Hasen im Garten und dem Sender neben der Haustür.