Neu im Haus der Geschichte sind elf Stationen, die sich mit dem Thema Antisemitismus beschäftigen. Sie sind Teil eines großen Projektes zur Antisemitismusbekämpfung im Land.
Erste Station der „Intervention“ zum Thema Antisemitismus im Haus der Geschichte mit Direktorin Cornelia Hecht-Zeiler (links) und Vermittlungsleiterin Caroline Grischke.
Von Jan Sellner
Stuttgart - Etwas ist anders im Haus der Geschichte an der Konrad-Adenauer-Straße. Schon im Foyer. Besucher stoßen dort neuerdings auf lange orangefarbene Bänder, die zwischen Decke und Boden gespannt sind. Daran hängen Tafeln mit Fragen wie: „Warum gibt es Antisemitismus immer noch?“ Oder: „Was hilft gegen Antisemitismus?“ Diese Bänder in Signalfarbe hängen auch an vielen anderen Stellen des Hauses. Insgesamt sind es elf Stationen, die den Besuchern im Wege stehen und den Gang durch die Dauerausstellung des historisch-politischen Landesmuseums unterbrechen.
„Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist erschreckend hoch. Wir erleben in Deutschland einen ungehemmten Judenhass, dem oft nicht widersprochen wird.“ Cornelia Hecht-Zeiler, Museumsdirektorin
„Intervention“ nennt Museumsdirektorin Cornelia Hecht-Zeiler diese Form der Ausstellung innerhalb einer Ausstellung. Es handelt sich, ganz im Wortsinne, um ein gezieltes Eingreifen in ein laufendes Geschehen. Denn dieses Geschehen bereitet Hecht-Zeiler große Sorgen: „Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist erschreckend hoch“, sagt sie bei der Vorstellung des Projekts mit dem Namen „Anti-Anti 2.0“: „Wir erleben in Deutschland einen ungehemmten Judenhass, dem oft nicht widersprochen wird.“ Dieses Phänomen schlage sich auch in den Besucherbüchern des Hauses der Geschichte und der Stauffenberg-Gedenkstätte im Alten Schloss nieder: „Wir stellen seit einiger Zeit mehr antisemitistische Bemerkungen fest“, berichtet Hecht-Zeiler und spricht von einem starken „israelbezogenen Antisemitismus“.
Das Haus der Geschichte will seinen Teil beitragen, dass diese Stimmen entschiedenen Widerspruch erfahren. „Unser Landesmuseum ist der richtige Ort, um sich damit auseinandersetzen und unsere Grundwerte hochzuhalten.“ Dem Museum, zu dessen zentraler Aufgabe Demokratiebildung gehöre, sei es wichtig dieses Thema „als Gefahr für die Demokratie zu erkennen und gemeinsam mit Betroffenen aufzugreifen“.
Das Museum versucht einen Perspektivwechsel
Für seine „Intervention“ hat das Haus der Geschichte hier lebende Jüdinnen und Juden gebeten, die Dauerausstellung „Landesgeschichte(n) aus der „Betroffenenperspektive“ zu betrachten und an Stellen zu „intervenieren“, die sie für erklärungsbedürftig halten. Das ist etwa der Fall bei einem ausgestellten Fußballtrikot von 1972 – dem Jahr der Fußball-WM in Deutschland. Der Terrorüberfall auf das israelische Olympia-Team in München war im Museum bisher ausgespart. Nun steht an dieser Stelle eine Erklärstation, in denen ein Überlebender im Gespräch mit dem jüdische Turn- und Sportverband Makkabi von den damaligen Geschehnissen berichtet.
An anderer Stelle sprechen ein in Israel geborener Tänzer der Ballettkompanie Gauthier Dance und eine in Deutschland geborene junge Jüdin im Video darüber, wie es ist, in Stuttgart und in Israel zu leben. „Die elf Stationen hinterfragen und ergänzen Objekte der Dauerausstellung mit Fakten, Einsprüchen und Wünschen“, betont Direktorin Hecht-Zeiler.
Caroline Gritschke, Vermittlungsleiterin im Haus der Geschichte und am „Interventions“-Projekt maßgeblich beteiligt, betont, wie wichtig aus Sicht des Museums ein solcher Perspektivwechsel ist: „Lange wurden Jüdinnen und Juden in Museen zu Objekten der Geschichte gemacht oder auf die Opferrolle reduziert.“ Wir gehen einen anderen Weg.“
Das spiegelt sich auch in der zentralen Fragestellung des Projekts wider: „Fragt uns doch mal!“, lautet sie. Dabei geht es auch um die Frage: Sollen antisemitische Objekte überhaupt ausgestellt werden in der Absicht aufzuklären? Oder befördert das nur Vorurteile? Namentlich treten die jüdischen Co-Kuratoren übrigens nicht in Erscheinung – aus Sorge um ihre Sicherheit, wie die Museumsdirektorin sagt. Das unterstreiche die Dringlichkeit einer solchen „Intervention“.
Verschwörungsgenerator zeigt, wie Erzählungen funktionieren
Und auch eine muslimische Perspektive gibt es in dieser Ausstellung. In einem Video kommen Muslime zu Wort, die an einem Tora-Workshop teilnehmen. Ziel ist es, die Gemeinsamkeiten der Religionen hervorzukehren. Hängen bleibt der Besucher auch beim Thema Verschwörungstheorien. Ein „Verschwörungsgenerator“ zeigt, wie solche antisemitischen Erzählungen funktionieren. Nicht minder interessant: Beispiele jüdischen Widerstands in Person etwa des großen Stuttgarters Fritz Bauer. Oder eine Video-Installation, bei junge Teilnehmer des jüdischen Gesangswettbewerbs „Jewrovision“, der dieses Jahr vom 14. bis 17. Mai in Stuttgart stattfindet, von ihren Hoffnungen und Träumen erzählen.
Die elf Stationen sind bis 13. September im Museum aufgebaut. Anschließend soll daraus eine mobile Ausstellung werden, die landesweit eingesetzt werden kann. Die „Intervention“ ist dabei nur ein Teil des sehr viel größer angelegten Projekts „Anti-Anti 2.0“. Dazu gehören auch ausführliche Infos auf der Webseite des Museums, Fortbildungs- und Beratungsangebote und Veranstaltungen. Geplant ist ein Konzert mit Liedern aus dem französischen Gurs, wo in der Nazi-Zeit Jüdinnen und Juden interniert waren. Am Internationalen Museumstag am 18 Mai wird ein Tora-Workshop angeboten. Das Haus der Geschichte kooperiert auch mit dem Theodor-Heuss-Haus. Dort läuft aktuell eine Veranstaltungsreihe zum Thema Antisemitismus. Unterstützt wird das Projekt vom Kunst- und Wissenschaftsministerium. „Wir suchen gemeinsam nach neuen Wegen, uns dem Antisemitismus entgegenzustemmen. ,Anti-Anti 2.0‘ leistet hierzu einen wesentlichen Beitrag“, teilte Kunststaatssekretär Arne Braun mit.
Und was hat es mit dem Namen „Anti-Anti 2.0“ auf sich? Er ist angelehnt an eine erstmals 1924 erschienene Publikation mit dem Titel „Anti-Anti“. Es handelte sich um eine Faktensammlung gegen antisemitische Hetze. Die Idee dazu stammte von dem Metz geborenen evangelischen Pfarrer Emil Felden, einem Kommilitonen des berühmten Albert Schweitzer. Herausgeben wurde sie von E. G. Löwenthal, einem Juden. Das Beispiel zeigt: Geschichte wiederholt sich nicht. Sie liefert aber wichtiges Anschauungsmaterial für die Gegenwart. Mit diesem Eindruck und einer Schachtel für die gesammelten Infokarten, die an den Stationen bereit liegen, verlässt der Besucher das Museum. Cornelia Hecht-Zeiler spricht von „einem Werkzeugkasten gegen Antisemitismus“.