Tech-Konzerne investieren unfassbare Summen in KI. Trotz des Booms fehlen belastbare Geschäftsmodelle. Die Risiken sind so atemberaubend wie die Chancen, meint Rainer Pörtner.
Mark Zuckerberg, Chef des Meta-Konzerns, will im Wettlauf um Künstliche Intelligenz ganz vorne landen.
Von Rainer Pörtner
Wir sind Zuschauer, Profiteure, aber möglicherweise auch bald Opfer eines beispiellosen Wettrennens. Es ist vergleichbar mit dem Bau der Eisenbahn und dem Flug zum Mond, es könnte technologisch ein weiterer „Game Changer“ für die Menschheit werden. Es verschlingt unfassbar viel Geld – mit riesigen Chancen und ebenso großen Risiken.
Allein die fünf größten Tech-Firmen der USA werden in diesem Jahr 700 Milliarden Dollar in den Ausbau der Künstlichen Intelligenz stecken. Microsoft, Meta, Amazon, Alphabet und Oracle sind in einem Dilemma gefangen: Sie müssen viel, viel Geld investieren, weil sie sonst zwangsläufig den Anschluss verlieren. Gleichzeitig gibt es bisher keinen belastbaren Geschäftsplan, der aufzeigen kann, dass sich diese gigantischen Investitionen sicher rentieren.
OpenAI plant mit Verlusten von 100 Milliarden Dollar
Die Firma, die mit ChatGPT vor nicht einmal vier Jahren den KI-Boom ausgelöst hat und ihr Produkt schneller unter den Menschen verbreitet hat als der Personal Computer, das Internet und jedes Soziale Netzwerk, macht bis heute nicht einen Dollar Gewinn. Im Gegenteil wird erwartet, dass OpenAI bis zum Jahr 2030 Verluste von insgesamt 100 Milliarden Euro ansammelt. Es ist eine gigantische Wette auf die Zukunft.
Die 700 Milliarden Dollar der „Big Five“ machen in diesem Jahr rund 2,2 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung aus. Das ist noch deutlich unter den Ausgaben für den Eisenbahnbau, der im 19. Jahrhundert in der Spitze rund sechs Prozent des damaligen Bruttoinlandsprodukts ausmachte, liegt aber schon jetzt über dem Apollo-Mondprogramm und dem Bau der US-Autobahnen im vorigen Jahrhundert. Und wir stehen erst am Anfang.
Wer denkt, das Geld fließe vor allem in superschlaue Computerexperten und leistungsfähige Chips, täuscht sich. Investitionen in Künstliche Intelligenz bedeuten insbesondere den Bau von Rechenzentren, Kraftwerken und Stromnetzen, weil die Hochleistungsrechner Unmengen von Energie verzehren. Dort, wo in KI investiert wird, boomt die Wirtschaft.
Mangel an Elektrikern und Mechanikern
Aber die wirtschaftlichen Risiken und Nebenwirkungen werden immer deutlicher. Wie ein Magnet zieht der KI-Bau-Boom in den USA auch klassische Arbeitskräfte an, insbesondere gut ausgebildete Elektriker und Mechaniker, die nun bei anderen Bauvorhaben fehlen. OpenAI berichtete der US-Regierung, dass für die Errichtung seiner geplanten Daten-Zentren rund zwanzig Prozent aller Handwerker-Fachkräfte der USA gebraucht würden und mahnte dringend eine Ausbildungsoffensive an.
Die Sogwirkung von KI zeigt sich auch auf anderem Feld: klassische Firmen und Start-Ups, die jenseits der Künstlichen Intelligenz innovativ sind, berichten über wachsende Schwierigkeiten, Investoren für sich zu gewinnen.
Ein „Methusalem-Bond“ mit einer Laufzeit von 100 Jahren
Die Tech-Konzerne konnten ihren Kapitalhunger bisher zu großen Teilen durch die Gewinne stillen, die sie auf ihren bisherigen Geschäftsfeldern gemacht haben, sowie durch Finanzspritzen großer Investoren. Diese Phase geht zu Ende. Die KI-Unternehmen beginnen sich zu verschulden. Oracle ist inzwischen unter den US-Tech-Konzernen, die als besonders kreditwürdig gelten, derjenige mit dem höchsten Schuldenberg. Um noch mehr Geld zu mobilisieren, fangen die Firmen an, Anleihen aufzulegen – teilweise mit extrem langen Laufzeiten.
Alphabet (Google) gab im November eine 50-Jahres-Anleihe im Wert von knapp 18 Milliarden Dollar heraus. Jetzt plant sie einen Bond mit einer Laufzeit von 100 Jahren. Solche „Methusalem Bonds“, die vor allem Versicherer und Fonds ansprechen sollen, sind äußerst selten. Das Geld für den KI-Wettlauf kommt damit immer stärker von Privatanlegern – die damit gehörige Risiken auf sich nehmen. Und wer kann heute sagen, ob es das Unternehmen Alphabet in hundert Jahren überhaupt noch gibt?
Zuckerberg hält Börsen-Crash für „definitiv möglich“
In den letzten Tagen hat es an den Börsen bereits kräftig gerumpelt. Die Aktie von Alphabet gab nach Verkündung der neuen KI-Pläne zweistellig nach. Der Börsenwert von Oracle hat sich seit einem Rekordhoch im September vorigen Jahres halbiert. Die Zweifel, wie tragfähig die KI-Investitionen sind, scheinen nicht nur bei den Anlegern zu wachsen, sondern auch bei den Tech-Bossen. Meta-Chef Mark Zuckerberg hält einen Crash wie bei der Dotcom-Blase im Jahr 2000 für „definitiv möglich“.
Experten schätzen, dass in einem solchen Crash bis zu 35 Billionen Dollar Aktienvermögen vernichtet werden könnten. Das jedoch hält Zuckerberg und Co. nicht ab, voll ins Risiko zu gehen.