El Khannouss und das große Chaos

Der Offensivmann des VfB Stuttgart stand im Finale des Afrika-Cups gegen den Senegal erneut in der Startelf Marokkos – und musste den Skandal am Ende von draußen mitansehen.

El Khannouss und das große Chaos

Bittere Pille: Der unterlegene VfB-Profi Bilal El Khannouss (li.) muss vor der Siegerehrung am Siegerpokal vorbei.

Von Marco Seliger

Stuttgart - Als das Chaos seinen Lauf nahm, war Bilal El Khannouss nur noch Zuschauer. Der Offensivmann des VfB Stuttgart war im großen Finale des Afrika-Cups gegen den Senegal am Sonntagabend erneut in der Startelf Marokkos gestanden (wie schon zuvor im Achtel-, Viertel- und Halbfinale). Er lieferte eine Hereingabe nach einer knappen Stunde, die fast zum 1:0 führte, doch Ayoub El Kaabi legte den Ball am Ende knapp am Tor vorbei (58.). Dann wurde der VfB-Angreifer nach 80 Minuten ausgewechselt, ehe es drunter und drüber ging – um es vornehm auszudrücken.

Am Ende mussten die Gastgeber um El Khannouss die bittere Pille beim Endspiel schlucken, 0:1 nach Verlängerung hieß es. Doch wenn der Flügelstürmer den Kollegen des VfB nach seiner Rückkehr bald von seinen Erlebnissen erzählen wird, werden andere Dinge als das nackte Ergebnis rund ums Endspiel im Vordergrund stehen. Denn klar ist: Das 33. Länderspiel des Bilal El Khannouss wird in die Geschichte eingehen, und das auf unrühmliche Art.

„Das Bild, das wir vom afrikanischen Fußball abgegeben haben, war eher beschämend“, sagte Marokkos Trainer Walid Regragui hinterher – aus guten Gründen. So wurde der Triumph des Senegal überschattet von einem Skandal. Nach einem umstrittenen Elfmeterpfiff für Marokko unmittelbar vor dem Ende der regulären Spielzeit verließ ein Großteil des Teams aus dem Senegal auf Anweisung des Trainers den Platz aus Protest. Vorher hatte der Schiedsrichter schon ein wenig zweifelhaftes Tor für den Senegal nicht gegeben. Sogar ein Abbruch des Finales schien nach dem Abgang der Senegalesen möglich, nachdem auf den Tribünen in Rabat Chaos ausgebrochen war. Senegals Fans wollten auf den Platz stürmen, Sicherheitskräfte verhinderten dies.

Nur wenige Spieler um Topstar Sadio Mané blieben auf dem Platz. Der Kapitän holte sich den Rat von Trainer-Legende Claude Le Roy, lief dann in die Kabine. „Er kam rein und schrie. Schrie uns an, auf den Platz zu gehen und das Spiel zu beenden“, sagte Mittelfeldspieler Lamine Camara. „Wenn Sadio redet, hört jeder zu.“ Mané also konnte sein Team schließlich zu einer Rückkehr auf den Platz bewegen. „Es wäre wirklich traurig und bedauerlich gewesen, ein Finale so enden zu sehen. Es ist unmöglich, der Welt ein solches Bild zu vermitteln“, sagte der frühere Angreifer des FC Liverpool. Er hätte „lieber verloren, als so ein Ende zu erleben“.

Den Strafstoß verschoss dann Marokkos Brahim Díaz. In der Verlängerung wurde Pape Gueye (94.) mit einem Traumtor zum Helden des Senegal, der den Afrika-Cup zum zweiten Mal nach 2022 gewann.

Senegals Coach Pape Thiaw bat nach dem Eklat um Entschuldigung. „Manchmal reagiert man in der Hitze des Gefechts“, sagte der 44-Jährige. „Wir akzeptieren die Fehler des Schiedsrichters, das kann passieren. Wir hätten nicht so reagieren sollen, aber das ist nun Vergangenheit. Wir entschuldigen uns.“

Fifa-Präsident Gianni Infantino indes bezeichnete die Vorfälle später als inakzeptabel. „Wir verurteilen das Verhalten einiger ‚Fans‘ sowie einiger senegalesischer Spieler und Mitglieder des Trainerstabs aufs Schärfste“, sagte der Schweizer. Die unschönen Szenen müssten verurteilt werden.

Das Final-Chaos ist auch für Marokko noch nicht abgehakt. Der marokkanische Fußball-Verband kündigte an, rechtliche Schritte beim afrikanischen Verband (Caf) und bei der Fifa einzuleiten.

Zumindest bizarr muteten im Endspiel am Sonntag auch Szenen an, als mehrere Balljungen bei strömendem Regen mehrfach versuchten, Senegals Torwart Edouard Mendy sein Handtuch zu klauen. Letztlich mussten Ersatzspieler des Senegal, die sich aufwärmten, das Stück Stoff an sich nehmen und verteidigen – auch gegen Ersatzspieler Marokkos, die Jagd auf sie machten. Und auch der Ex-Dortmunder Achraf Hakimi verdient eher keinen Fair-Play-Preis dafür, dass er irgendwann Mendys Handtuch nahm und über die Bande warf.

Und dann war da noch die Sache mit den Schiedsrichtern. Diese, so hatte es Benins Trainer Gernot Rohr im Deutschlandfunk gesagt, würden für Gastgeber Marokko manchmal „ein bisschen Sympathie zeigen“. Aber nicht nur das. Vor dem Viertelfinale zwischen Marokko und Kamerun wurden der Schiedsrichter und der Videoreferee kurzfristig ausgetauscht.

Wie Bilal El Khannouss zu all diesen Dingen steht, ist nicht überliefert – nun geht es für den Marokkaner erst einmal wieder mit zahlreichen englischen Wochen beim VfB weiter. Beim Europa-League-Spiel am Donnerstag bei der AS Rom (21 Uhr) fehlt er noch gelbgesperrt. Am Sonntag dann, im Bundesliga-Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach (15.30 Uhr), könnte er wieder eine Option sein für Trainer Sebastian Hoeneß.