Iran-Krieg

Energie-Albtraum am Persischen Golf

Selbst bei einem schnellen Ende des Iran-Kriegs wären die Energieengpässe für die Weltwirtschaft längerfristig.

Energie-Albtraum am Persischen Golf

Ras Laffan, die weltgrößte Anlage für verflüssigtes Erdgas in Katar, steht seit einem iranischen Drohnenangriff still.

Von Thomas Spang

Donald Trump hat einen Superlativ erreicht, mit dem er sich nicht rühmt. Sein Angriff auf den Iran hat eine globale Energiekrise ausgelöst, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Jeden Tag gehen dem Weltmarkt nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) elf Millionen Barrel Öl verloren. Das ist so viel wie während der beiden Ölschocks in den 70er Jahren mit ihren autofreien Sonntagen zusammengenommen. Parallel dazu erlebt der globale Gasmarkt durch den Wegfall der Flüssiggaslieferungen aus Katar ähnlich massive Unterbrechungen wie nach dem russischen Überfall auf die Ukraine.

Grund dafür ist die Blockade der Straße von Hormus. Durch die Meeresenge zwischen der Arabischen Halbinsel und Iran floss vor dem Krieg ein Viertel des auf dem Seeweg verschifften Öls und ein Fünftel der Kapazität an Flüssiggas. Hinzu kommt die Zerstörung von Energieinfrastruktur. Nach Zählung der IEA sind bisher mindestens 40 Energieanlagen „schwer oder sehr schwer beschädigt“. Ali Vaez von der Denkfabrik Crisis Group sieht den Konflikt an einem gefährlichen Wendepunkt. Er habe „die nächste Eskalationsstufe“ erreicht, sagte Vaez der Financial Times. „Keine Seite hat gezeigt, dass sie bereit ist, von der Eskalationsleiter herunterzusteigen, und es könnte noch viel schlimmer werden.“

USA und Iran überbieten sich mit Drohungen

Tatsächlich überbieten sich beide Seiten mit Drohungen. Trump hatte Iran ein Ultimatum zur Öffnung der Straße von Hormus gestellt. Das Regime drohte darauf, man werde bei der Zerstörung von Kraftwerken durch die USA „lebenswichtige Infrastruktur sowie Energie- und Ölanlagen in der gesamten Region als legitime Ziele betrachten und sie unwiderruflich zerstören“.

Trump verlängerte das Ultimatum am Montag auf fünf Tage, nachdem die Märkte heftig reagiert hatten. Iran hat bewiesen, dass es trotz wochenlanger Bombardierungen immer noch gezielt zuschlagen kann. So feuerte Teheran nach dem israelischen Angriff auf den Gaskomplex South Pars Raketen auf Katars wichtigste Flüssiggasanlage Ras Laffan. Dadurch fielen 17 Prozent der katarischen LNG-Exportkapazität aus. Die Reparatur dauert drei bis fünf Jahre.

Ziele des Irans erstrecken sich über den gesamten Golf

Mögliche Ziele des Regimes für Gegenschläge erstrecken sich über den gesamten Golf. Energieanlagen in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar stehen ebenso auf der Liste wie die Wasserversorgung für Millionen Menschen. Selbst wenn beide Seiten deeskalierten, wäre nichts mehr, wie es vor Beginn des Konflikts war. Bevor Öl und Gas wieder in gewohnten Mengen durch das Nadelöhr am Persischen Golf fließen könnten, müssten die Golfstaaten ihre Förderung erst wieder auf das Vorkriegsniveau hochfahren. Dann bräuchte es ausreichend Tanker, um das Öl zu den Raffinerien in Übersee zu bringen. Jeder dieser drei Schritte ist ein gewaltiges Problem.

Zunächst die Förderung: Weil sie nicht exportieren können und die Lagerkapazitäten überlaufen, haben die Golfstaaten ihre Ölproduktion um zehn Millionen Barrel pro Tag gedrosselt. Das entspricht zehn Prozent der weltweiten Produktion und rund 40 Prozent ihrer Vorkriegsproduktion. Um die Förderung wieder hochzufahren, müssen die Betreiber sämtliche Anlagen überprüfen und reaktivieren. Fachleute rechnen mit zwei bis vier Wochen allein für diesen Schritt.

Im Persischen Golf liegen rund 480 Schiffe fest

Beim Gas gestaltet sich das noch schwieriger: Katars Ras Laffan steht seit einem iranischen Drohnenangriff still. Zwei der 14 Verflüssigungseinheiten sind zerstört. Katars Energieminister beziffert die Reparaturzeit auf bis zu fünf Jahre. Experten schätzen, allein das Wiederanfahren der intakten Teile dauere bis zu sieben Wochen.

Dann der Transport: Im Golf liegen rund 480 Schiffe fest. Weil Iran Hafenanlagen rund um den Golf beschossen hat, sind Reparaturen an Piers und Verladeeinrichtungen nötig. Auch das dauert Monate. Ob dann Risikoversicherungen in der Breite verfügbar und bezahlbar sind, lässt sich schwer abschätzen.

Schließlich die Raffinerien: In China, Indien, Malaysia und Thailand haben einige Betreiber ganze Anlagen stillgelegt, weil der Rohstoff fehlt. Das Wiederanfahren dauert Wochen. Sämtliche Leitungen müssen geprüft und gespült, Strom-, Kühlwasser- und Druckluftsysteme wiederhergestellt werden.

Engpässe würden sich noch lange bemerkbar machen

Nach einem Ende der Kämpfe würden sich die Engpässe nach Schätzung von Experten noch bis zu einem halben Jahr bemerkbar machen. Die Konsequenzen werden überall zu spüren sein: an der Tankstelle, bei Heiz- und Kühlkosten, Preisen in den Geschäften und Kosten für Produktion und Transport. Tatsächlich stehen die Zeichen eher auf Eskalation, etwa durch die mögliche US-Besetzung des iranischen Öl- und Gasknotenpunkts Kharg. Hier laufen rund 90 Prozent der iranischen Kapazitäten zusammen, die trotz Sanktionen und Blockade bisher rund drei Prozent des weltweiten Ölangebots ausmachen. Falls die USA die Insel im Norden des Persischen Golfs einnehmen, könnte Iran die Anlagen selbst sprengen.