Von Seifenblasen bis Hollywood: Baden-Württemberg gilt als Wiege bahnbrechender Erfindungen. Welche überraschenden Innovationen aus dem Südwesten die Welt veränderten.
Baden-Württemberg – das Land der Erfinder: Von Alltagshelfern bis Kultklassikern stammt hier so manche Idee, die bis heute unseren Alltag prägt.
Von Janina Link und Felix Mahler
Viele Erfindungen, die unseren Alltag heute wie selbstverständlich begleiten, haben ihren Ursprung in Baden-Württemberg. Der Südwesten war schon früh ein Ort, an dem praktische Probleme nicht hingenommen, sondern kreativ gelöst wurden. Oft entstanden dabei Ideen, die weit über die Region hinaus Wirkung zeigten – manchmal aus gezielter Tüftelei, manchmal aus purem Zufall.
Eine Erfindung aus Versehen
Denn dass Innovation nicht immer geplant sein muss, zeigt eine Erfindung aus Tübingen. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete der Chemiker Rolf Hein eigentlich an einem neuen Waschmittel. Dabei stellte er 1948 fest, dass seine Mischung außergewöhnlich stabile Seifenblasen bildete. Aus dieser zufälligen Entdeckung entstand Pustefix – eine Seifenblasenlösung, die Generationen von Kindern begeistert hat und bis heute weltweit verkauft wird.
Die zündende Idee aus Schwaben
Ein besonders frühes Beispiel für den baden-württembergischen Erfindergeist findet sich bereits im 19. Jahrhundert beim Thema Feuer. Während man in früheren Zeiten noch mühsam Funken schlagen oder offene Flammen hüten musste, entwickelte der aus Ehningen stammende Jakob Friedrich Kammerer 1832 ein neuartiges Phosphorzündholz.
Dieses ließ sich mit einem einzigen Strich entzünden und machte das Feuermachen nicht nur einfacher, sondern auch deutlich sicherer. Kammerer erkannte das Potenzial seiner Idee früh und begann mit der industriellen Herstellung – ein entscheidender Schritt hin zum modernen Sicherheitsstreichholz, das heute in fast jedem Haushalt zu finden ist.
Ein Werkzeug schreibt Industriegeschichte
Nicht jede Innovation sollte den Alltag bunter machen – manche sollten ihn vor allem erleichtern. Besonders in der Forstwirtschaft bedeutete körperliche Arbeit lange Zeit Schwerstarbeit: Bäume mussten mit Axt und Handsäge gefällt werden, was viel Kraft, Zeit und Ausdauer erforderte. Genau hier setzte der Ingenieur Andreas Stihl an. 1926 entwickelte er die erste Motorsäge und gründete noch im selben Jahr ein Unternehmen in Waiblingen. Seine Erfindung machte die Arbeit im Wald effizienter und deutlich weniger kräftezehrend.
Hollywood? Made in Oberschwaben
Wer hätte gedacht, dass Hollywood seine Wurzeln in Oberschwaben hat? Carl Laemmle, geboren 1867 in Laupheim, wanderte mit 17 Jahren in die USA aus – und legte dort den Grundstein für die Universal Studios. So war er 1912 Mitbegründer der Filmproduktionsfirma, die schnell zu einer der wichtigsten der jungen Filmindustrie wurden.
Vier Jahre später errichtete er in einem eher unscheinbaren Gebiet nahe Los Angeles die „Universal City“ – ein gigantisches Studio, das bald zur Keimzelle des berühmtesten Filmdistrikts der Welt wurde: Hollywood. Laemmle ließ nicht nur Filme produzieren, er formte das Konzept des modernen Kinos mit: Er prägte das sogenannte Star-System, indem er Schauspieler bewusst zu Namen machte, die das Publikum in die Säle lockten.
Ein Elefant erobert die Kinderzimmer
Alles begann mit einem kleinen Elefanten: Eigentlich sollte er nur als Nadelkissen dienen, doch schnell stellten Kinder fest, dass sie viel lieber mit ihm spielten. Margarete Steiff aus Giengen an der Brenz erkannte das Potenzial und nähte immer mehr Tiere. Aus der einfachen Idee entstand eine Spielwarenfabrik, deren kuschelweiche Bewohner bis heute in Kinderzimmern auf der ganzen Welt leben und Herzen erobern.
Kleben neu gedacht
Auch im Bereich der Büro- und Alltagsmaterialien setzte Baden-Württemberg neue Maßstäbe. 1932 erfand August Fischer den ersten gebrauchsfertigen Kunstharzkleber, den späteren UHU Alleskleber. Im Gegensatz zu den damals üblichen Naturleimen war dieser wasserfest und industriell herstellbar. Der Kleber setzte sich schnell durch und wurde zu einem unverzichtbaren Helfer in Schule, Haushalt und Handwerk.
Wenn Vanille zur Nudel wird
Entgegen der weit verbreiteten Annahme stammt das Spaghetti‑Eis nicht aus Italien, sondern aus Deutschland – genauer gesagt aus Mannheim. Dort erfand der Eismacher Dario Fontanella im Jahr 1969 das Dessert, indem er Vanilleeis durch eine stark gekühlte Spätzlepresse drückte, um die typische „Nudel‑Optik“ zu erzeugen.
Fontanella ließ sich von einem italienischen Dessert namens Mont Blanc inspirieren, bei dem Kastanienpüree durch eine Presse geformt wird. Später experimentierte er mit dieser Technik in der Eisdiele seines Vaters in Mannheim. Mit Erdbeersoße, Sahne und Schokolade entstand schlussendlich eine täuschend echte Nachbildung eines Pasta-Gerichts – und ein Dessertklassiker, der bis heute beliebt ist.
Für die Spätzle mit Soß‘
Apropos Spätzlepresse: Die Presse, durch die man den Spätzleteig in siedendes Salzwasser drückt, wurde von Robert Kull aus Bad Cannstatt erfunden. Im Jahr 1939 meldete er eine „Teigpresse aus einem mit Teigaustrittsloechern versehenen Topf und einem Handstempel“ zum Patent an. Die Idee dazu kam ihm angeblich, als er seiner Frau beim Schaben der schwäbischen Eierteigwaren zugesehen hat – und ihr somit die Arbeit erleichtern wollte. Im Jahr 1953 zog die Produktionsstätte nach Remshalden-Geradstetten um. In den allermeisten schwäbischen Haushalten wird die Spätzlepresse zu finden sein.
Gesundheit! und weg damit
Jeder kennt das Tempo-Taschentuch. Dieses wurde im Jahr 1929 beim Reichspatentamt in Nürnberg angemeldet. Der Vorläufer der modernen Einwegtaschentücher kommt allerdings aus Göppingen. Der Papierfabrikant Gottlob Krumm ließ sich dort 1894 erstmals ein dünnes, in Glycerin getränktes Papier patentieren. Der Vorteil: Das Mittel machte die Tücher weich und im Gegensatz zu den damals üblichen Stofftaschentüchern handelte es sich um hygienische Einmalprodukte, die nach dem Schnäuzen einfach weggeworfen werden konnten.
Vier Jahre bis zur ersten Verwarnung
Jeder weiß, was die gelbe und die rote Karte bedeuten, ob Fußballfan oder nicht. Erfunden wurde das Mittel zur Verwarnung und dem Platzverweis in der Landeshauptstadt Stuttgart. Schiedsrichter Rudolf Kreitlein schaffte es 1966 während einer hitzigen Partie nur mit großer Mühe, den argentinischen Kapitän Rattin vom Platz zu stellen, weil dieser angeblich seine Anweisungen nicht verstand.
Offiziell wurde das von ihm und einem Betreuer erdachte Kartensystem aber erst später eingesetzt. Die erste gelbe Karte der Welt erhielt der russische Spieler Lovchev bei der Weltmeisterschaft 1970.
Der Erzfeind einer jeden Eintagsfliege
Allein der Spitzname „Muggabatscher“ lässt schon vermuten, dass es sich hier um eine schwäbische Erfindung handelt. Das Besondere waren im Jahr 1953 der weiche, biegsame Kunststoff, die netzartige Schlagfläche und das Gelenk, das die Fläche mit dem Stiel verbindet. Dieses Model ließ sich Erfinder Erich Schumm in Stuttgart patentieren. Bis heute wird die Fliegenklatsche gegen unerwünschten Besuch eingesetzt – ob beim Fernsehabend oder Picknick.
Ein Leitz-Ordner im Bürooo?! Da kann ich mir ja gleich meine Dokumente abheften
Ein Hilfsmittel trotzt immer noch so mancher Digitalisierung. 1871 wurde der Leitz-Ordner in Ludwigsburg erfunden und sollte die Büro-Kultur nachhaltig prägen wie kaum ein anderer. Ursprünglich entwickelte ihn Friedrich Soennecken, Unternehmer Louis Leitz entwickelte ihn zu dem weiter, was er heute ist. Dokumente lassen sich damit schnell, einfach und sauber ablegen und dieser Vorgang jederzeit ohne Beschädigung wieder rückgängig gemacht werden. Wenn auch Stuttgart als Vorreiter in der Digitalisierung gilt, wird hierzulande sicher noch der ein oder andere wichtige Leitz-Ordner im Regal stehen.
Bis heute bewegt sich nur das rechte Bein
Schon 33 Jahre vor dem ersten Weltmeisterschaftstitel der deutschen Nationalmannschaft und 42 Jahre vor der Gründung der Fußball-Bundesliga meldete der Möbelfabrikant Karl Mayer aus Stuttgart ein Fußballbrettspiel zum Patent an. Drei Jahre später erwarb der junge Kaufmann Edwin Mieg die Rechte und feilte noch ein Jahr vor allem am Blechmännchen. Mit einem Druck auf den Kopf einer Spielerfigur aus Blech ließ sich so deren rechtes Bein bewegen. Damit konnte man einen zweifarbigen, eckigen Ball kicken – Richtung gegnerisches Tor. Dran war der, dessen Farbe oben lag. So wird bis heute Tipp-Kick gespielt, wenn auch natürlich über die Zeit mit modernen Figuren.
Ohne diese Folie landete kein Buch im Schulranzen
Im Jahr 1887 gelang Johannes Langheck als Erstem, Folien aus Gelatine herzustellen. Die Verwendungsmöglichkeiten für die „Esslinger Einmachhaut“ ergaben sich in der Folge, Verpackungen für Tabletten zum Beispiel. Sie gilt als älteste Transparentfolienfabrik der Welt.
In den 1930er-Jahren wurde dann auf das in der Schweiz entwickelte Zellophan umgestellt. Langheck machte daraus Verpackungen für Lebensmittel, Seifen und Textilien. Heute sind Kunststoffartikel wie Schnellhefter kaum noch aus dem Büro oder der Werbung wegzudenken.
Vom „Zisch“ zum blauen Matrosen
Im Jahr 1925 experimentierte der Stuttgarter Kaufmann Theodor Beltle mit Natron und Weinsäure. Dann fügte er Wasser hinzu und schon war ein späteres, zischendes Kultgetränk geboren. Die Herstellung von Brause geschah zunächst in Tablettenform und den Geschmacksrichtungen Zitrone und Orange.
Beltle produzierte mit seinem Schwager Robert Friedel. Bekannter ist es heutzutage als Brausepulver mit weiteren Sorten wie Waldmeister und Himbeere, die das bekannte Quartett komplettierten. Ein blauer Matrose ziert das Logo der „Ahoj-Brause“, die heute in Remshalden produziert wird.