Die Nasa will wieder Menschen zum Mond schicken. Das nutzt auch der europäischen Raumfahrtindustrie, kommentiert Gunter Oley.
Die Rakete steht am Cape Canaveral bereit.
Von Gunter Oley
Erstmals seit mehr als 50 Jahren sollen bei der Mission Artemis 2 wieder Menschen zum Mond fliegen. Wie auch beim legendären Apollo-Programm wird der erste bemannte Flug den Erdbegleiter nur umrunden. Für die Astronauten wird es ein aufregendes Abenteuer, für die Steuerzahler ein teurer Spaß. Ist es das wert?
Das Raketensystem SLS mit der Raumkapsel Orion ist das bislang größte, das gebaut wurde. Und es ist auch das teuerste mit geschätzt rund 24 Milliarden Dollar Kosten. Auch die Europäer zahlen mit, für rund zwei Milliarden Euro bauen sie für sechs Raumschiffe die Service-Module. Diese werden gebraucht, um die Raumfahrer mit Luft und Wasser zu versorgen, Strom bereitzustellen und mit Triebwerken die Flugroute zu ändern. Sie sind eine Weiterentwicklung der Service-Module jener Raumfrachter, mit denen die Esa fünf Versorgungsmissionen zur Internationalen Raumstation ISS erfolgreich durchführte. Vorhandenes Wissen wird also weiter genutzt.
Berechtigterweise kann man einwenden, dass angesichts der Weltlage neue bemannte Missionen zum Mond nicht das Wichtigste sind. Auch f ür Wissenschaft und Wirtschaft wären diese aktuell nicht unbedingt nötig . Es würde wohl vor allem das Ego der Amerikaner verstören, wenn der nächste Mensch auf dem Mond ein Chinese wäre. Anders sieht es mit der Raumfahrt insgesamt aus. Oft ist uns gar nicht bewusst, dass wir Dienste aus dem All verwenden. Präzise Wettervorhersagen, die etwa Landwirte nutzen, wären ohne Satelliten nicht möglich. Liveübertragungen von Konzerten oder Sportereignissen aus aller Welt sind ohne sie nicht denkbar. Der Akkuschrauber wurde einst für den Einsatz durch Astronauten entscheidend verbessert. Ein großer Teil der Forschung auf der ISS dient der Medizin. Kratzfeste Glasoberflächen, heute etwa bei Brillen, Uhren und Smartphone-Displays ganz selbstverständlich, wurden zuerst für den Einsatz im Weltraum entwickelt.
Europa hat Satelliten fürs All entwickelt
Und schließlich: Das Navigationssystem, das uns beim Autofahren ganz selbstverständlich den Weg weist, funktioniert nicht ohne Satelliten. Weltweit sind heute vier solcher Satellitenkonstellationen in Betrieb, mit Galileo betreiben die Europäer eines davon. Vor wenigen Wochen transportierte eine Ariane 6 zwei neue Satelliten für dieses System in den Erdorbit. Hier kann sich Europa freuen, von niemandem abhängig zu sein, Rakete wie Satelliten wurden hier entwickelt und gebaut. Die anderen drei Systeme werden vom Militär in den USA, Russland und China betrieben – und wenn es den dort Regierenden sinnvoll erscheint, könnten sie die Nutzung ihrer Systeme durch Dritte unterbinden.
Eine neue Branche wächst heran
Aus diesen Gründen ist es sinnvoll, wenn Europa über die Esa in die Raumfahrt und auch in die dafür nötige Raketentechnologie investiert. Für die europäische Raumfahrtagentur wurde Ende vergangenen Jahres ein Rekordbudget genehmigt, bei dem Deutschland mit fünf Milliarden Euro für drei Jahre der größte Einzahler ist. Das Geld ist gut angelegt, denn in etwa der gleichen Höhe erhalten deutsche Firmen Entwicklungs- und Produktionsaufträge. Damit wächst eine neue Branche heran, in der Innovation zum Lebenselixier gehört, und deren Produkte Anwendung auch in vielen anderen Bereichen finden. Dabei entstehen zugleich gut bezahlte Arbeitsplätze.
Der Bau der Service-Module für die Mondraumschiffe beweist die Leistungsfähigkeit der europäischen Raumfahrtindustrie. Dessen Finanzierung sichert zudem die Zusammenarbeit Europas mit den Amerikanern, die auf diese Technologie angewiesen sind. Davon profitieren am Ende beide Seiten.