Ein Auszubildender im dritten Lehrjahr streicht Fasebretter in der Werkstatt.
Selten zuvor war die Frustration vieler junger Menschen über mangelnde Perspektiven so sichtbar wie derzeit. Dazu passt, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Baden-Württemberg seit mittlerweile vier Jahren ansteigt. Umgekehrt suchen viele Betriebe noch intensiv Nachwuchs: Aktuell sind knapp 8000 Ausbildungsstellen im Land unbesetzt. Da könnte das 55. Spitzengespräch des Ausbildungsbündnisses Baden-Württemberg an diesem Montag eine Chance sein, ein Zeichen zu setzen. Doch wie bei vielen Treffen zuvor ist die Frage, was außer gutem Willen und vielen Absichtserklärungen konkret dabei herauskommen wird.
DGB-Appell an die Wirtschaftsministerin
Der Gewerkschaftsbund (DGB) zeigt sich besorgt, weil er – wie der Landesvorsitzende Kai Burmeister schildert – aus zahlreichen Betrieben und Branchen Rückmeldungen erhält, dass die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze für 2027 reduziert werden soll. „Wir halten es für kurzsichtig, wenn Unternehmen jetzt bei der Ausbildung sparen“, betont er. In einem unserer Zeitung vorliegenden Brief an Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) macht er im Vorfeld des Spitzentreffens einen konkreten Vorstoß. Angesichts des „drohenden Einbruchs beim Ausbildungsplatzangebot“ brauche es jetzt einen „gemeinsamen Kraftakt für gute Ausbildung“, so Burmeister. Es sei notwendig, „über unsere Routine hinauszuwachsen“.
Gegenüber der Ministerin regt er insbesondere eine landesweite Bestandsaufnahme der Ausbildungsbetriebe und ihrer geplanten Ausbildungskapazitäten an, um frühzeitig einen Überblick über das landesweite Angebot zu erhalten. „Ziel sollte sein, ein realistisches Bild davon zu gewinnen, wie die Unternehmen ihre Ausbildungskapazitäten für 2027 planen und in welchen Branchen und Regionen Rückgänge zu erwarten sind“, meint Burmeister. Verbunden werden sollte diese Bestandsaufnahme mit einem gemeinsamen Appell der Bündnispartner, gerade jetzt in die Ausbildung junger Menschen zu investieren.
Die Ausbildungsgarantie als Evergreen
Auch die schon mehrfach abgelehnte Idee einer Ausbildungsgarantie lebt wieder auf. „Jeder junge Mensch, der eine Ausbildung aufnehmen möchte, muss eine konkrete Perspektive erhalten.“ Dafür brauche es ein „auswahlfähiges Angebot an Ausbildungsplätzen“ sowie „verlässliche Unterstützungsstrukturen beim Übergang von der Schule in den Beruf“. Die Jugendberufsagenturen sollen flächendeckend ausgebaut und besser mit den Angeboten von Arbeitsagenturen, Jobcentern, Jugendhilfe und Schulen verzahnt werden.
Priorität hat für den DGB die Gründung eines Azubiwerks Baden-Württemberg: „Jetzt gilt es, größer zu denken“, schreibt Burmeister. „Wir schlagen vor, nach dem Vorbild der Studierendenwerke eine eigenständige koordinierte Unterstützungsstruktur für Auszubildende zu schaffen – mit dezentralen Angeboten in den Regionen und einer verlässlichen Finanzierung durch das Land.“
Der Sozialminister ist nicht eingeplant
Auszubildenden fehle bislang eine Anlaufstelle ähnlich den Studierendenwerken, die ihre Lebens- und Ausbildungsbedingungen umfassend berücksichtige. Im Azubiwerk könnten mehrere zentrale Aufgaben gebündelt werden: Unterstützung bei der Suche nach bezahlbarem Wohnraum, Bereitstellung von Azubiwohnheimen und die Entwicklung regionaler Wohnangebote gerade dort, wo Ausbildungsplätze und Wohnorte weit auseinanderliegen.
Offen ist, ob der DGB damit noch die Agenda des Spitzengesprächs am Montag beeinflussen kann. Dort vertreten sind die Wirtschaftsministerin, das Kultusministerium, die Bundesagentur für Arbeit, die IHK und eben der DGB. Auffällig ist, wer nicht darunter sein wird: Sozial- und Arbeitsminister Oliver Hildenbrand (Grüne).
Zwei Ressortchefs – eine Aufgabe – keine Einigkeit
Es ist auch die Folge eines Kompetenzgerangels bei der Koalitionsbildung. Denn Hildenbrand ist als Minister unter anderem für Arbeit und Jugend zuständig, während Hoffmeister-Kraut weiterhin über die berufliche Bildung mit Aus- und Weiterbildung wacht. Dass beide Ressortschefs nebeneinander auftreten, um gemeinsam die Ausbildung zu stärken, ist offenbar nicht vorgesehen.
„Über unsere Routine hinauszuwachsen“: DGB-Landeschef Kai Burmeister hat der Wirtschaftsministerin einen mahnenden Brief geschrieben.