Was tun, wenn Strom und Mobilfunk ausfallen oder eine andere schwere Krise droht? In Stuttgart hat die Stadt jetzt ein zweistufiges Hilfesystem für die Bevölkerung entwickelt.
Unter anderem am Feuerwehrhaus in Obertürkheim hat die Stadt einen sogenannten Notfall-Leuchtturm eingerichtet.
Von Jürgen Bock
Stuttgart - Das Thema ist unbequem und lange in Vergessenheit geraten. Doch in den vergangenen Jahren gewinnt der Bevölkerungsschutz in geradezu rasender Geschwindigkeit wieder an Bedeutung. Corona-Pandemie, Flutkatastrophe im Ahrtal sowie der Krieg in der Ukraine und andere Konflikte zeigen, dass es wichtig ist, im Krisenfall gut vorbereitet zu sein. Das betrifft jeden einzelnen genauso wie die zuständigen Behörden.
Die Stadt Stuttgart hat jetzt ein Konzept entwickelt, an dem sich die Bevölkerung im Falle einer Katastrophe jedweder Art orientieren soll. Es umfasst zwei Stufen. Stuttgart bereite sich damit auf den Ernstfall vor und stärke seine Krisenfestigkeit, heißt es bei der zuständigen Branddirektion.
„Wichtig bleibt die persönliche Eigenvorsorge, da wir im Großschadensfall nicht überall gleichzeitig vor Ort sein können.“ Feuerwehrchef Georg Belge, Feuerwehrchef
Die erste Stufe zielt auf einen besonders verwundbaren Punkt ab: die Stromversorgung. Fällt sie aus, funktionieren auch das Telefon- und Mobilfunknetz nicht mehr. Wer dann Hilfe benötigt, bekommt schnell große Schwierigkeiten. Deshalb werden im Falle eines längeren Stromausfalles oder bei größeren Einsatzlagen durch Unfälle, Terrorangriffe oder Naturkatastrophen bis zu 26 sogenannte Notfall-Leuchttürme eingerichtet. Sie dienen als Anlaufstellen für Menschen, die Hilfe brauchen. Von dort aus können per Funk Notrufe an die Integrierte Leitstelle abgesetzt werden.
Die Notfall-Leuchttürme können sehr schnell aktiviert werden, nämlich innerhalb von 30 Minuten. Die Standorte werden durch Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr und der DLRG besetzt. Die Standorte sind dementsprechend auf 23 Wachen der Freiwilligen Feuerwehr quer über das Stadtgebiet verteilt. Dazu kommen drei Hallenbäder, nämlich das in Feuerbach, das in Heslach sowie das Leo-Vetter-Bad im Osten. Bei großem Bedarf können diese Standorte durch die fünf Wachen der Berufsfeuerwehr ergänzt werden.
Turnhallen als Anlaufpunkte
Dauert eine Krise länger an und betreffen ihre Auswirkungen weite Teile der Stadt, folgt die zweite Stufe des Konzepts. Dann werden bis zu 41 Notfall-Treffpunkte im gesamten Stadtgebiet eingerichtet. Sie finden sich in Turn- oder Versammlungshallen und bieten je nach Lage eine Notrufstelle, ärztliche Versorgung, Lademöglichkeiten für medizinische Geräte oder Handys, Informationen zur Situation, Lebensmittel und Trinkwasser. Ihre Einrichtung dauert naturgemäß länger.
Aktivierte Standorte beider Stufen werden über Warn-Apps wie Nina, Lautsprecherdurchsagen und über Radiomeldungen bekannt gegeben. Die Anlaufstellen sind in einer Krisenlage rund um die Uhr besetzt. Alle Standorte sind mit Schildern gekennzeichnet.
Die Helfer an den jeweiligen Standorten werden in den nächsten Monaten mit einem einheitlichen Übungskonzept geschult. Simuliert worden ist es bereits, und zwar vor einigen Wochen in Untertürkheim. Dort ist die Freiwillige Feuerwehr ohne Vorankündigung alarmiert worden, um den Ernstfall möglichst realistisch zu erproben. Angenommen wurde ein großflächiger Stromausfall, durch den der Notruf 112 nicht mehr erreichbar war. Die Einsatzkräfte besetzten den Leuchtturm und stellten über den Fahrzeugfunk den Kontakt zur Integrierten Leitstelle her. Im Verlauf der Übung verschärfte sich die Lage weiter: Die Funkverbindung zur Integrierten Leitstelle brach ab. Damit mussten die Retter selbstständig handeln. Zwei kleinere Übungseinsätze im Einsatzgebiet der Abteilung wurden angenommen und durch ein Fahrzeug der Feuerwehr abgearbeitet. So konnten die Einsatzkräfte üben, wie sie bei komplettem Kommunikationsausfall vorgehen und gleichzeitig die Rolle des Notfall-Leuchtturms aufrechterhalten.
Bei der Übung habe sich das Konzept bewährt, sagt Ordnungsbürgermeister Clemens Maier: „Die Notfall-Leuchttürme sind ein wichtiger Baustein für die Krisenvorsorge in Stuttgart. Dass dieses Konzept funktioniert, hat die erste Übung bewiesen.“ Das entbindet freilich nicht die Bevölkerung davon, auch selbst Vorkehrungen für Krisen zu treffen. „Wichtig bleibt die persönliche Eigenvorsorge, da wir im Großschadensfall nicht überall gleichzeitig vor Ort sein können. Dies betrifft insbesondere einen Vorrat an Lebensmitteln und Trinkwasser, aber auch Hygienegegenstände, Taschenlampen oder batteriebetriebene Radios“, sagt Feuerwehrchef Georg Belge.
Ganz besonders gilt das für Menschen, die chronisch krank und auf Medikamente oder Behandlung angewiesen sind. Stefan Ehehalt, Leiter des Gesundheitsamts, empfiehlt, mit dem behandelnden Arzt darüber zu sprechen. „Dazu zählt beispielsweise, dass dringend benötigte Medikamente ausreichend zu Hause vorhanden sind oder dass Dialysepatienten wissen, an wen sie sich in einem solchen Fall wenden können“, so Ehehalt.
Anlaufstellen im Krisenfall
Notfall-Leuchttürme Sie dienen als Anlaufstellen für Notrufe. Eingerichtet werden sie in bis zu 23 Häusern der Freiwilligen Feuerwehren in den einzelnen Stadtbezirken. Dazu kommen die Hallenbäder Feuerbach und Heslach sowie das Leo-Vetter-Bad im Osten. Bei Bedarf können auch die Wachen der Berufsfeuerwehr in Bad Cannstatt, Süd, West, Möhringen und Feuerbach aktiviert werden.
Notfall-Treffpunkte Dauert eine Krise länger an, richtet die Stadt sogenannte Notfall-Treffpunkte ein. Sie bieten mehr als die reine Notrufmöglichkeit, etwa ärztliche Versorgung, Lebensmittel oder Wasser. Aktiviert werden bis zu 41 Standorte in Sporthallen im gesamten Stadtgebiet.
Standorte Welche Anlaufstellen es im Krisenfall gibt, lässt sich im Detail sehen in einer Karte auf der Internetseite der Stadt unter: www.stuttgart.de/leben/sicherheit/bevoelkerungsschutz/notfall-anlaufstellen