ARD-Talk Caren Miosga über Iran

Brutales Vorgehen gegen Proteste: „Friedlicher Abtritt der Mullahs ist möglich“

Im ARD-Talk von Caren Miosga überwiegt die Skepsis, dass ein rascher Wandel im Iran passieren wird. Gleichwohl sei Veränderung möglich – aber wohl nur ohne die Mullahs.

Brutales Vorgehen gegen Proteste: „Friedlicher Abtritt der Mullahs ist möglich“

Beim ARD-Talk von Caren Miosga ging es um das Schicksal der Iranerinnen und Iraner.

Von Christoph Link

Wie bei so vielen politischen Themen schwebte auch bei der Erörterung des Schicksal der Iraner und Iranerinnen am Sonntag bei Caren Miosga in der ARD eine Leitfrage über allen: Was plant US-Präsident Donald Trump wirklich? Einen Militärschlag gegen das Regime der Mullahs? „Er hat es vielleicht selbst noch nicht entschieden“, meinte der Politikwissenschaftler Peter Neumann. Einerseits haben die USA ihre Militärpräsenz in der Region erhöht und den Flugzeugträger Abraham Lincoln entsandt, auch habe es beispielsweise beim Zwölf-Tage-Krieg von Israel gegen den Iran im Juni 2025 „keine Vorwarnung“ gegeben, wie die deutsch-iranische Journalistin Natalie Amiri bemerkte.

Und in den USA sagen Umfragen, dass es inzwischen eine Mehrheit für gezielte Schläge gegen den Iran gebe – allerdings nicht für US-Bodentruppen. Auf der anderen Seite aber überwiegt die Skepsis, zumindest in der Studiorunde. Die USA seien beim Iran eigentlich in einem Zielkonflikt, sie wollten die militärische Kapazität des Iran schwächen, das Atomprogramm stoppen, das Regime stürzen und den Menschen helfen, fasste der Nahost-Experte Daniel Gerlach zusammen.

Talk-Runde diskutiert militärische Optionen

Zumindest bei den starken Playern“ in der Region – der Türkei, Katar und Saudi-Arabien – herrsche aber gerade eine „trügerische Ruhe“. „Da findet in Doha gerade eine große Konferenz zu Flüssiggas statt und es herrscht busines as usual“, so Gerlach. „Keiner hat jetzt ein Interesse daran, dass die Iraner in einem möglichen Krieg jetzt die Straße von Hormus zumachen und die Region jetzt in eine chaotische Situation stürzt.“ Das liegt vermutlich auch nicht im Interesse von Trump, doch der – so Peter Neumann – erkenne die Schwäche des Regimes in Teheran und versuche „das Beste“ daraus zu machen, nach dem Schlag gegen Venezuela sei der „auf den Geschmack“ gekommen.

Vor einer langfristigen Verpflichtung schrecke aber auch Trump zurück. Möglich seien aus militärischer Sicht gezielte Luftschläge, um die Luftabwehr der Iraner außer Kraft zu setzen, die im Iran noch verbliebenen 1000 Raketen zu zerstören und gewissermaßen als „Strafaktion“ systematische Angriffe auf Einrichtungen der Revolutionsgarden. Dass die jetzt von der EU als Terrororganisation eingestuft würden, sei im übrigen eine gute und richtige Entscheidung. Die Revolutionsgarden hätten seit 2018 in Europa elf Terroranschläge versucht, so Neumann.

Szenarien für Regimewechsel „sehr vage“

Aber wird man das Regime in Teheran einfach „wegbomben“ können. Sicher nicht. „So ein Angriff ist kein Kinderspiel, der muss sitzen“, meinte Natalie Amiri. Daniel Gerlach wies darauf hin, dass sich das Regime in Teheran seit 46 Jahren auf die äußere Bedrohung eingestellt habe und sich jetzt „auf den großen Existenzkampf“ vorbereite. Auch könnten die Revolutionsgarden und Irans Armee wohl „mehr einstecken“ als der Gegner USA, bei dem auch „nur“ ein paar Dutzend tote Gis in der amerikanischen Öffentlichkeit sehr kritisch gesehen würden. Gegenschläge des Iran könnten beispielsweise auf die Türkei oder andere Länder der Golfregion erfolgen, die USA haben hier in verschiedenen Basen 45.000 Soldaten stationiert.

Gerlach nannte bei den verschiedenen Möglichkeiten, wie es mit dem Iran weiter geht, auch eine wenig gehörte Option: Die Szenarien für einen Regimewechsel seien „sehr vage“, so Gerlach, „theoretisch besteht für die Mullahs aber auch die Möglichkeit, friedlich abzutreten“. Möglich sei ein Regimewandel von innen heraus, eine Sklerose des Systems, dass den Wandel zwingend mache.

Kommt der Wandel nach dem Tod des Revolutionsführers?

Ein Zeitpunkt für den Schritt weg vom Gottesstaat wäre der Tod des betagten Revolutionsführers Ali Chamenei. „Die Iraner und Iranerinnen werden keinen Mann des Regimes mehr akzeptieren“, meinte hingegen Natalie Amiri. Die Revolutionsgarden seien diesmal mit entsetzlicher Brutalität gegen die Protestierenden vorgegangen, mit Kopfschüssen habe man viele hingerichtet, Verletzte seien ins Krankenhaus verfolgt worden. Dies sei ein Bruch gewesen, das Regime habe jegliche Legitimität in den Augen der Bevölkerung verloren. „Die Menschen trauen sich nicht mehr zu weinen.“ Amiri warnte auch vor einer angeblichen Gesprächsbereitschaft des Regimes: Es habe eine Strategie zwischen „Zündeln und Dementieren und dann wieder diplomatische Verhandlungen anstreben“.Was aber eines Tages nach den Mullahs kommt, das blieb auch in der Sendung offen.

Als „Taktgeber“ der Proteste und Führungsfigur ist der in den USA lebende Sohn des iranischen Schah, Reza Pahlavi, genannt worden. Der müsse seine Bewegung aber verbreitern, meinte Peter Neumann, und auch ethnische Minderheiten oder Nicht-Monarchisten in seine Gruppe einbeziehen. Neumann hatte zumindest für Deutschland einen konkreten Vorschlag, was eine einzelne Regierung tun könne.

Auch Deutschland könne sich einbringen

Als Vermittler sei Deutschland zwar nicht gefragt, aber der in Berlin existierende Nationale Sicherheitsrat könnte sich sehr wohl um den Iran kümmern und Vertreter aus verschiedenen Ministerien anhören: Zur Frage, ob man „Hebel“ gegen einzelne Kommandeure des Regimes ansetze, ob man Vermögen einfriere oder Kommunikationsgeräte an die Bevölkerung - denen das Internet abgeschaltet wird – liefern könne. Auch eine Stärkung der Opposition könnte da erörtert werden. Peter Neumann warnte vorm Glauben an eine rasche Lösung und brachte ein Beispiel. Nach den ersten brutal niedergeschlagenen Protesten gegen das Assad-Regime habe es in Syrien 13 Jahre gedauert, bis der Diktator gestürzt worden sei.