Allwetterreifen mit Alpine-Symbol sind zwar weiterhin zulässig, bieten aber bei extremer Witterung weniger Sicherheit als echte Winterreifen – warum das vielen egal zu sein scheint.
Bei Reifen kommt es nicht allein auf das Alpine-Symbol an, sondern auch auf Fahreigenschaften und angepasste Geschwindigkeit.
Von Michael Maier
So genannte „Allwetterreifen“ sind nach wie vor erlaubt, sofern sie neben der Kennzeichnung M+S ein Alpine-Symbol tragen. Lediglich ältere Modelle sind nach dem Ende einer Übergangsfrist nun schon seit 2024 verboten. Aber wie geeignet und sicher ist so eine Ausrüstung bei extremen Wetterlagen?
„Ganzjahresreifen sind immer nur ein Kompromiss“, sagt Julian Häußler vom ADAC Württemberg, der immer wieder Anfragen zu diesem Thema erhält. Bei Extremwetter mit Glatteis würden aber auch echte Winterreifen an ihre physikalischen Grenzen kommen, weswegen es sich dann empfehle, das Auto auch einmal stehen zu lassen, so Häußler.
„Mit Winterreifen wesentlich besser dran“
Ansonsten gilt: „Ganzjahresreifen können nie so gut sein wie Spezialisten. Da gibt es Unterschiede bei Profil, Gummimischung und Grip-Übertragung, und mit einem Winterreifen ist man wesentlich besser dran.“ Technisch ist bekannt, dass das Material von Allwetterreifen bei deutlichen Minusgraden zu stark aushärtet und leichter versagen kann als echte Winterreifen mit ihren speziellen Additiven.
Ein weiterer Faktor sei zudem das Gewicht. Während ein kleiner Zweitwagen bei schwierigen Bedingungen noch eher den Allwetterreifen verzeihe, sehe das bei einem schweren SUV unter Umständen schon ganz anders aus, weiß Häußler.
Gewichtsfaktor: Lkws und SUVs bleiben schnell hängen
Man kennt das Phänomen auch von Lastwagen: Während Pkws bei Schneefall an Steigungen oft noch gut vorwärts kommen, bleiben Lkws manchmal hängen und blockieren den Verkehr auch auf Hauptverkehrsachsen. Nur Schneeketten können dann noch helfen, werden von den schwer unter Zeitdruck stehenden Brummifahrern aber leider nicht immer rechtzeitig aufgezogen.
Auch wer bei Glatteis als Privatperson unbedingt auf die Straße muss, könnte übrigens ebenfalls an Ketten denken. Selbst wenn das im Flachland eher unüblich ist, wäre es eigentlich die sicherste Variante. Für Zweiräder gibt es übrigens spezielle Reifen mit Spikes. Dennoch fahren etliche Radler ohne durch den Schnee – und landen prompt auf der Nase. Man hat ja vielleicht aus Umweltschutz- oder Spargründen das Auto ganz abgeschafft und einen Chef im Nacken sitzen. Auch ein Helm hilft dann womöglich nicht mehr viel.
Bis zu 30 Prozent längerer Bremsweg
Gute Ganzjahresreifen erreichen in Tests von Automobilclubs auf winterlicher Fahrbahn (Schnee/Eis) jedenfalls oft nur „befriedigend“, während gute Winterreifen in denselben Disziplinen „gut“ abschneiden. Michelin spricht von „bis zu 30 Prozent kürzerem Bremsweg“ mit Winterreifen gegenüber Ganzjahresreifen.
Der ADAC und der Touring Club Schweiz (TCS) finden in sicherheitsrelevanten Disziplinen teilweise auch deutlich schlechter Noten für qualitativ schlechte Ganzjahresreifen. In solchen Fällen kann der Unterschied zu guten Winterreifen auf Eis daher sogar weit über 30 Prozent liegen.
Allwetterreifen relativ gut auf Schneefahrbahn
Andererseits ergibt sich auf einer Eisfahrbahn auch mit guten Winterreifen bei 100 km/h ein Bremsweg von etwa 300 Metern. Bei unangepasster Geschwindigkeit hilft also auch die beste Ausrüstung nicht weiter.
Relativ gute Bewertungen gibt es für hochwertige Ganzjahresreifen unterdessen auf reiner Schneefahrbahn ohne Glatteis. Die Rillen im Profil sorgen dafür, dass sie schlechte Winterreifen unter Umständen sogar übertreffen können, da Schnee auf Schnee eine relativ hohe Reibung aufweist, wenn die Masse in die Oberfläche hineingepresst werden kann.
S-Bahn Stuttgart keine Alternative zu Winterreifen?
Insgesamt nehme das Interesse an Allwetterreifen spürbar zu, sagt Julian Häußler vom ADAC Württemberg. Der Marktanteil sei in den letzten Jahren von 30 auf 36 gestiegen. Wirtschaftlich sei das interessant, etwa für den Zweitwagen, da man sich damit zweimal im Jahr den Reifenwechsel sparen könne. Man müsse aber bereit sein, dass Auto dann auch einmal stehen zu lassen und vielleicht in Regionen mit gut ausgebautem ÖPNV wohnen, damit es bei Bedarf eine Alternative gibt.
Dumm nur, wenn in der Region Stuttgart trotz Glatteiswarnungen keiner im Home Office bleibt und die S-Bahn aufgrund von Missmanagement grundsätzlich nicht mehr als zuverlässiges Verkehrsmittel gelten kann.