Bei der Landtagswahl holen die Grünen in Stuttgart mancherorts die absolute Mehrheit, zum Beispiel im Stuttgarter Westen oder im Heusteigviertel. Auch einige AfD-Hotspots bleiben. Die Daten für jedes Wahllokal.
Von Jan Georg Plavec
Stuttgart - Stuttgart hat bei der Landtagswahl am Sonntag überwiegend Grün gewählt. 40,9 Prozent erhielt die Partei von Spitzenkandidat Cem Özdemir. Spannender sind die Details – etwa dass zwei Viertel ihren Ruf als AfD-Hochburgen „verteidigt“ haben.
Giebel und Freiberg waren bei der Landtagswahl 1992 schon Hochburgen der „Republikaner“. Mehr als eine Generation später punktet hier erneut eine extrem rechte Partei, bei der Bundestagswahl vergangenen Februar und nun eben bei der Landtagswahl.
Mit 31,1 Prozent der Zweitstimmen landet die AfD in Giebel klar vor den Grünen und der CDU – es ist der beste Wert für die Frohnmaier-Partei in Stuttgart. Daran konnte auch eine Kundgebung auf dem Löwenmarkt in Weilimdorf nichts ändern. Auch in den Straßen rund um das Eschbach-Gymnasium und das Kinder- und Jugendhaus Freiberg leben anteilig mehr AfD-Wähler als im Rest der Stadt.
Grüne punkten in der Innenstadt
Giebel und Freiberg sind in der folgenden Karte als drei von insgesamt fünf blauen Flecken in der Stuttgart-Karte eingezeichnet. Die Karte zeigt alle Wahlbezirke im Stadtgebiet; sie sind nach der Farbe jener Partei eingefärbt, die dort die meisten Stimmen geholt hat. Weitaus schwieriger sind die Hochburgen von Grünen und CDU auszumachen. Die Grünen punkten traditionell in der Innenstadt; im Wahlbezirk Kolpinghaus (Heusteigviertel, Stuttgart-Süd) holen sie knapp 62 Prozent. Auf mehr als die Hälfte der Stimmen kommt die CDU dagegen in keinem Wahlbezirk. Ihren höchsten Zweitstimmenanteil holt sie im Stadtteil Frauenkopf (Wahllokal Evangelische Kirche). Auf unserer Tabelle sind die Zweitstimmenanteile der Parteien verzeichnet. So wird deutlich, wer wo stark ist.
So sieht die politische Landkarte in Stuttgart nach der Landtagswahl aus: Die AfD ist vor allem im Nordosten, in Giebel/Hausen sowie im Fasanenhof stark und holt dort mehr als 20 Prozent der Stimmen. Im Talkessel haben die Christdemokraten ihre schwächsten Werte. In Degerloch, am Frauenkopf, am Killesberg und in Uhlbach liegen diesmal die CDU-Hochburgen.
Bei den Grünen ist es fast andersherum. Im Kessel holen sie in etlichen Wahlbezirken die absolute Mehrheit. In den Außenbezirken sind sie fast durchgehend eher schwach. Die Sozialdemokraten landen vielfach unter der Fünfprozentschwelle. Zweistellig sind sie nur im Wahlbezirk um die Jörg-Ratgeb-Schule in Neugereut. Die Liberalen der FDP haben eine ausgeprägte Anhängerschaft in Degerloch (rund um das Lothar-Christmann-Haus und die Waldschule) sowie im benachbarten Schönberg. Auch am Frauenkopf kommen sie über zehn Prozent der Stimmen.
Vor der Wahl hatte eine Reportage unserer Zeitung aus Giebel und Freiberg die Frage aufgeworfen, warum Teile der Stadt heute wie schon vor Jahrzehnten für mindestens in Teilen rechtsextreme Parteien stimmen. 1992 wie heute machen Wissenschaftler und Vor-Ort-Experten die Unzufriedenheit mit Veränderungen sowie Ängste vor wirtschaftlichen Nöten und eine zumindest gefühlte Unsicherheit vor Ort als wichtige Gründe aus. Ein Besuch in Freiberg am Wahlsonntag förderte bei den befragten Wahlberechtigten eine eher diffuse Unzufriedenheit als Wahlmotivation für die AfD zutage.
Klischees sind überholt
In Giebel und Freiberg selbst ist es jedenfalls heute nicht (mehr) so, dass „alle Klischees stimmen“ – so schrieb es 1992 der Berichtererstatter der Stuttgarter Zeitung anlässlich der Wahlerfolge der „Republikaner“. Inwiefern aktuelle Entwicklungen wie die jüngsten Gewaltfälle in Giebel und dem Ortskern von Weilimdorf eine Rolle spielen, ist unklar. Einige Menschen in Giebel und Freiberg fühlen sich zudem durch die Berichterstattung über die hohen Stimmenanteile der AfD stigmatisiert.
Trotz der grünen Dominanz bildet sich auch in Stuttgart eine Verschiebung nach rechts ab – jedenfalls wenn man die Werte vom Sonntag mit denen der Landtagswahl 2021 vergleicht. Damals holte die AfD in keinem einzigen Wahlbezirk die Mehrheit, die CDU nur in drei Wahlbezirken.