Grenzenlos die eigene Kreativität ausleben

Drei Tage, unzählige Leinwände – im Malworkshop des Forums für Teilhabe an der Schickhardt-Realschule zeigen junge Erwachsene, wie vielfältig Kreativität ausgedrückt werden kann. Angeleitet werden sie von der freischaffenden Künstlerin Tanja Niederfeld.

Grenzenlos die eigene Kreativität ausleben

Sven Baumann experimentiert mit Formen.

Von Simone Schneider-Seebeck

Backnang. Es ist erst der zweite Tag des Workshops und schon säumen unzählige Leinwände den Flur vor dem Kunstraum, aus dem Musik von ABBA ertönt. Kleine und große Formate stehen dicht an dicht: Porträts, geometrische Figuren, abstrakte Form- und Farbkompositionen. Diese vielseitigen und aussagekräftigen Werke stammen durchweg von jungen Erwachsenen mit geistiger Behinderung. Drei Tage lang wird jeweils fünf Stunden gemalt, dazwischen gibt es auch eine Mittagspause.

Der Malworkshop, den Tanja Niederfeld hier in der Schickhardt-Realschule in Backnang anbietet, findet bereits seit 2012 im Zweijahresrhythmus statt. Einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind regelmäßig dabei: „Die meisten sind darin geübt, mit mir zu malen“, sagt die freischaffende Künstlerin. „Sie wissen schon, wie der Kurs aufgebaut ist.“

Wichtig ist Niederfeld, dass die jungen Kunstschaffenden über die Farbe Zugang zu ihren Emotionen finden. „Wir haben oft kein fertiges Motiv, die Farbe löst das Motiv aus“, erklärt sie. „Und das gelingt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern super.“

Ebenso liegt ihr daran, die Farbpalette stetig zu erweitern. Viele griffen aus Gewohnheit zu bestimmten Lieblingsfarben, beobachtet sie. „Das ist die sichere Variante.“ Neue Farben hingegen brächten neue Impulse – und forderten dazu heraus, sich selbst neu zu entdecken.

Fortschritte sind deutlich zu erkennen

Annette Hohnerlein ist Mitglied im Forum für Teilhabe der Lebenshilfe. Ihr Sohn Moritz hatte auf der Schwäbischen Alb bereits den Malworkshop „Groß, wild, bunt“ besucht. Ihm habe es sehr gut gefallen, er sei richtig aufgeblüht. Und so kam die Idee auf, die Veranstaltung auch in Backnang anzubieten. Mit Erfolg. „Vom ersten Workshop an war das eine tolle Sache“, berichtet Organisatorin Annette Hohnerlein.

Neben Tanja Niederfeld unterstützen ihr Mann Reinhard sowie die beiden Studentinnen Mia Dorn und Leyla Bedia den Workshop. Doch die haben eigentlich gar nicht viel zu tun. „Das ist hier eigentlich ein Selbstläufer“, erzählt Mia Dorn, die sich selbst ehrenamtlich bei der Lebenshilfe engagiert. Meist helfe man lediglich beim Anmischen der Farben. Denn es gibt keine fertigen Acrylfarben aus der Flasche, sondern Pigmente, die mit Acryl-Dispersionsbinder selbst angerührt werden und so noch mehr Gestaltungsspielraum ermöglichen.

Leyla Bedia hat sich an diesem zweiten Tag ein Skizzenbuch und Aquarellkreiden mitgebracht. „Ich wurde inspiriert von Steffen (Heinisch)“, sagt sie. Der ist gerade dabei, seine Leinwand mit breiten Strichen in unterschiedlichen Farben und Techniken zu füllen. „Mir fällt es schwer, aus dem Stegreif etwas zu machen“, berichtet Leyla. Vor allem inspiriere sie, wie der junge Künstler seine Farben übereinander gemalt hat.

Neben den Farbpigmenten stehen auch Acrylstifte zur Verfügung. Manche Teilnehmende zeichnen ausschließlich damit, andere verbinden die beiden Malkomponenten miteinander. Das bringt auch interessante Effekte hervor. Felix Walter etwa zeichnet gern. Und so findet sich etwa auf einer kleineren Leinwand mit einer Landschaft in kräftigen Farben auch eine kleine Stadt an einem Gewässer.

„Viele brauchen oder suchen Ordnungen im Motiv, andere sind eher frei“, hat die Reutlinger Künstlerin beobachtet. „Das kristallisiert sich beim Tun heraus.“ Wie man auch bei Philipp Burkhardt sieht, der akribisch und hoch konzentriert mit den Acrylstiften schmale Linien zieht. Tanja Niederfeld gibt ihm Tipps, wie er am meisten Farbe aus den Stiften herausholen kann.

Lara Kraft hingegen arbeitet mit viel Schwung. Sie mag einerseits figurale Themen, besonders Frida Kahlo hat es ihr angetan. Doch auch abstrakte Motive gefallen ihr, sie arbeitet zudem an mehreren Leinwänden gleichzeitig. Während das eine Bild trocknet, ergänzt sie ein anderes. Sven Baumann erzählt, nicht ohne Stolz, dass er bereits an einer Ausstellung teilgenommen habe. „Mir gefällt alles am Malen“, sagt er. Er probiert sich an unterschiedlichsten Formaten aus und experimentiert mit Formen. So stellt er eine Leinwand auf eine Ecke, um sie dann zu füllen.

Lange und schmale Leinwände sprechen Sebastian Walla an, kräftige Farben und breite Pinselstriche sind für seine Motive charakteristisch. Nun macht er gerade eine kleine Pause, wie auch sein künstlerischer Nachbar Matthias Ciuffreda. Das Malen sei durchaus anstrengend, erklärt Tanja Niederfeld. „Man arbeitet innerlich.“

Beliebt sind auch geometrische Motive, wie bei Moritz Hohnerlein sowie bei Franziska Tyburzy und Steffen Leonhardt zu sehen ist. Linien und Streifen in verschiedensten Variationen füllen ihre Leinwände: schmal und breit, senkrecht und waagrecht, einzeln oder kombiniert.

Ein Fortschritt vom ersten bis zum letzten Bild sei deutlich erkennbar, sagt die Workshopleiterin. Jeder Tag beginne mit einer gemeinsamen Besprechung und einem Rückblick auf den vorherigen Tag. Manchmal habe sich der Blick auf ein Bild über Nacht verändert.

Wo und wann die entstandenen Werke ausgestellt werden, ist noch nicht abschließend geklärt. Sicher ist aber schon jetzt: Der Workshop vermittelt den Teilnehmenden mehr als malerische Techniken. Er eröffnet Möglichkeiten für Ausdruck, Konzentration und persönliche Entwicklung.