Der VfB Stuttgart und das Schauspiel stellen sich den dunklen Seiten der Geschichte – und entwickeln daraus eine klare Haltung für die Gegenwart.
Anat Feinberg, Professorin an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, berichtete im Schauspielhaus über Schicksale jüdischer Schauspieler im Nationalsozialismus.
Von Jan Sellner
Stuttgart - Theater? Nein, Theater war das nicht. Auch wenn der Auftritt im Stuttgarter Schauspielhaus stattfand. Vielmehr war es ein Stück aus dem richtigen Leben, als sich Intendant Burkhard C. Kosminski, Andreas Grupp, der Vizepräsident des VfB Stuttgart, der VfB-Vereinsbeiratsvorsitzende Rainer Weninger und der Historiker Gregor Hofmann jetzt gemeinsam auf die kleine Bühne im Foyer des Schauspiels begaben.
Was der eine – der VfB – mit dem anderen – dem Schauspiel – zu tun hat? Angesichts der Ausstellung „Ein Trikot schreibt Geschichte“, die noch bis 10. Mai im Oberen Foyer des Schauspielhauses zu sehen ist, scheint sich diese Frage zu erübrigen. Der rote Brustring schweißt zusammen. „Das Schauspiel und der VfB sind zwei prägende und traditionsreiche Institution der Stadt mit langer Geschichte“, betonen ihre Vertreter. Intendant Kosminski ist zudem glühender VfB-Fan und Vereinsmitglied. Die Weiß-Roten haben im Staatstheater also eine Art Fan-Base.
„Der Verein ist politisch neutral. Er ist aber nicht neutral, was Werte angeht!“ Andreas Grupp und Rainer Weninger, Vizepräsident des VfB Stuttgart (Grupp) und Vereinsbeiratsvorsitzender (Weninger)
Bei dem Zusammentreffen ging es jedoch nicht um Fan-Befindlichkeiten, sondern darum, welche Rolle die beiden Institutionen in der Zeit des Nationalsozialismus gespielt haben. Gemeinsam stellten sie sich der Frage: Wie kann die Geschichte angemessen aufgearbeitet werden und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Gegenwart? „Der VfB und das Staatstheater erinnern sich ...“ lautete der Titel des von Autor Bernd Sautter moderierten Abends.
Schon zum Auftakt bekannte der VfB-Vizepräsident: auf dem weißen Trikot mit dem roten Brustring gebe es „braune Flecken“. Der VfB habe in der NS-Zeit „keine gute Rolle gespielt“, sagte Grupp. Wie groß die braunen Flecken sind, ließ der VfB vor einigen Jahren auf Veranlassung des Präsidiums um den damaligen Vereinspräsidenten Wolfgang Dietrich von dem Historiker Gregor Hofmann ergründen. Dessen Nachforschungen mündeten in das bereits in zweiter Auflage erschienene Buch „Der VfB und der Nationalsozialismus“. Hofmann kommt zu dem Fazit: Der Verein für Bewegungsspiele war „nicht besser oder schlechter als andere Vereine“.
Die Quellenlage ist allerdings dürftig. Erforscht ist immerhin das Schicksal des jüdischen Hockeyspielers Reinhard Ney, der zugleich erster Vereinsarzt des VfB war. Ney, im Ersten Weltkrieg hoch dekoriert, wurde aufgrund seiner Herkunft aus dem Verein ausgeschlossen, wie andere jüdische Mitglieder auch, die namentlich nicht bekannt sind. Bekannt ist jedoch, dass der VfB den sogenannten Arierparagrafen in seine Satzung aufnahm und sich der VfB-Präsident ab 1934 „Vereinsführer“ nannte. Bekannt ist auch, dass dieser „Vereinsführer“, Hans Kiener, zwei Jahre zuvor der NSDAP den vereinseigenen Fußballplatz für eine Kundgebung überließ. Ebenso ist dokumentiert, dass die VfB-Spieler damals auf dem Spielfeld mit dem Hitlergruß antraten.
Passagen aus dem damaligen Vereinslied und einer Festschrift aus dem Jahr 1933, an diesem Abend vorgetragen von den Schauspielern Gabriele Hintermaier und Marco Massafra, zeugen von einer Nähe zu den Nazis. Offenbar missfiel dies jedoch etlichen der damals rund 1000 Mitglieder. Jedenfalls ist für 1933 ein Mitgliederschwund von rund einem Drittel nachgewiesen. Für den Historiker Hofmann ein Hinweis auf interne Verwerfungen.
So spät die Aufarbeitung erfolgte, so sichtbar ist sie heute. Seit dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2019 erinnert eine Stele vor dem Clubzentrum in Bad Cannstatt an die jüdischen VfB-Mitglieder, denen Unrecht widerfuhr und die Verfolgung erlitten. Die Aufschrift lautet: „Sie gehören zu uns.“ Für Reinhard Ney, den ausgestoßenen und ausgegrenzten Vereinsarzt, der nach Amerika floh, soll auf Betreiben der Stolperstein-Initiativen nächstes Jahr in Stuttgart ein Stolperstein verlegt werden.
Grupp und Weninger erklären im Schauspielhaus, wie wichtig es sei, Haltung zu zeigen und Werte zu vertreten, wie sie auch in das VfB-Leitbild Eingang gefunden haben: „Der Verein ist politisch neutral. Er ist aber nicht neutral, was die Werte angeht!“, sagen sie. Für die VfB-Vertreter war es daher auch folgerichtig, dass der VfB im Januar 2024 nach Bekanntwerden der „Correctiv“-Recherchen um rechtsextreme „Remigrationspläne“ mit zur Großdemo auf dem Schlossplatz aufgerufen hat. „Wir müssen zusammenstehen“, betonen sie gemeinsam mit Schauspiel-Intendant Kosminski. Man stehe in Deutschland an einem Wendepunkt. Es gälte, in aller Deutlichkeit den Wert von Demokratie und Freiheit herauszustellen.
Die braunen Flecken, die auf dem Schauspiel lasten – bei Weitem nicht nur auf dem Stuttgarter –, zeichneten sich in einem Vortrag von Anat Feinberg, Professorin für hebräische und jüdische Literatur an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg, deutlich ab. Dafür stehen Namen entlassener und verfolgter Schauspielerinnen und Schauspieler wie Fritz Wisten, der in Stuttgart tätig war, Berthold Viertel, Fritz Kortner, Curt Bois, Leopold Jessner, Steffi Spira, Ernst Deutsch und Ernst Josef Aufricht.
Nicht zu vergessen: Claudius Kraushaar, damals Direktor des Theaters in der Kleinen Königstraße, dem heutigen Alten Schauspielhaus. „Er hat Stuttgart zur Freude am Theater erweckt“, sagte Feinberg. Kraushaar sei es mit zu verdanken, dass die Stadt in den 1920er Jahren eine Hochburg der Avantgarde gewesen sei: „Das Theater erlebte eine goldene Ära.“
1933 änderte sich das schlagartig. Kraushaar wurde gezwungen, sein Theater zu verkaufen. Er und seine Frau verließen die Stadt; überlebten in Wien. Nach dem Krieg kehrte er nach Stuttgart zurück; seine Bemühungen um Restitution zogen sich jahrelang hin. 1955 starb er 77-jährig. Wenig erinnert hier bisher an ihn. Keine Straße, kein Platz.