Brandkatastrophe in Crans-Montana

Im Wallis droht ein langer Rechtsstreit

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana wächst die Kritik an Ermittlerin Beatrice Pilloud. Italien plant, bei einem Prozess als Nebenkläger aufzutreten.

Im Wallis droht ein langer Rechtsstreit

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni: Auch zwei Wochen nach der Brandkatastrophe im Nachbarland Schweiz beschäftigt das Schicksal der Opfer die Italiener.

Von Jan Herbermann

Lange war der Name Beatrice Pilloud fast nur den Menschen in dem rauen Schweizer Bergkanton ein Begriff. Die Juristin hatte am 1. Januar 2024 die Position der Walliser Generalstaatsanwältin übernommen und ermittelte in den engen Tälern des rund 365 000 Einwohner zählenden Kantons gegen mutmaßliche Straftäter.

Genau zwei Jahre nach ihrem Amtsantritt, am 1. Januar 2026, brach eine Tragödie über die Alpenregion herein, die Pilloud auf einen Schlag über die Grenzen Helvetiens bekannt gemacht hat: die Brandkatastrophe von Crans-Montana, die 40 Menschen in den Tod riss und 116 Opfer teilweise schwer verletzt zurückließ. Auch etliche Minderjährige verloren bei dem Inferno in der Bar „Le Constellation“ Leben und Gesundheit.

Wachsende Kritik an Generalstaatsanwältin

„Das ist für alle Walliser ein sehr dramatischer Fall“, sagt Pilloud. Es ist ein Fall, der die Generalstaatsanwältin immer mehr unter Druck setzt. Seit jenem verhängnisvollen Neujahrstag laufen bei der Generalstaatsanwältin die Fäden zusammen: Sie soll leiten, koordinieren, informieren. Das Feuer in dem mondänen Skiort gilt als eines der schlimmsten Unglücke in der Eidgenossenschaft überhaupt. Es ist die größte Ermittlung im Kanton seit Menschengedenken, mit der sich die Walliser Generalstaatsanwaltschaft derzeit beschäftigen muss.

Pilloud machte schon kurz nach dem Desaster klar: „Man kann nicht so viele Tote und Verletzte haben und sagen, alles habe funktioniert.“ Inzwischen melden sich kritische Stimmen, die das Vorgehen der Pilloud-Behörde hinterfragen. Schweizer Medien von der „Neuen Zürcher Zeitung“ bis zum „Blick“ berichten über die Walliser Ermittler immer skeptischer. So habe Pilloud die operative Führung der Untersuchung zu früh an Mitarbeiter abgegeben. Die Rede ist auch von Kommunikationspannen, so hätten Opferanwälte zentrale Informationen nicht erhalten.

Zudem hätte die Staatsanwaltschaft nach dem Unglück keine Hausdurchsuchung bei der Gemeinde Crans-Montana eingeleitet. Der Bürgermeister musste zugeben, dass die Gemeinde in der Unglücksbar von 2020 bis 2025 den Brandschutz nicht überprüft hatte. Ob das nur aus Schlampigkeit geschah, ist offen. Trotz der vielen Opfer blieb der Betreiber des Lokals, der Franzose Jacques Moretti, lange auf freiem Fuß.

Barbesitzer erst jetzt in Untersuchungshaft

Zwar hatte die Staatsanwaltschaft kurz nach dem Brand gegen Jacques und seine Frau Jessica Moretti eine Strafuntersuchung eingeleitet. Die Vorwürfe: fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst. Die Behörden nahmen den Bar-Chef aber erst neun Tage nach dem Inferno in Untersuchungshaft. Medien aus der Schweiz und Frankreich berichten, dass Moretti bereits in seinem Heimatland in Konflikt mit dem Gesetz gekommen sei: „Insidern zufolge war Jacques M. der französischen Justiz wegen Zuhälterei bekannt“, heißt es bei Bluewin.ch. „Er war demnach 2005 im Département Savoie südlich von Genf inhaftiert und 2008 zu einer Haftstrafe verurteilt worden.“

Nun fragen sich nicht wenige Menschen im Wallis: Wäre es nicht besser, die Untersuchung in andere Hände zu legen? Kurz nach der Katastrophe überwog in der Öffentlichkeit noch Wohlwollen gegenüber Pilloud. Der öffentlich-rechtliche Sender SRF attestierte der 50-Jährigen, dass ihr die Brandkatastrophe sehr nahe gehe. Sie sprach tatsächlich oft von den betroffenen Familien und hoffte, „den Eltern, die Kinder verloren haben, sowie den weiteren Angehörigen erklären zu können, was genau passiert ist“.

Italienische Staatsanwaltschaft verlangt Akteneinsicht

Sechs Tote und 13 schwer verletzte Jugendliche und junge Erwachsene hat Italien zu beklagen. Auch zwei Wochen danach beschäftigt ihr Schicksal die ganze Nation. Am Donnerstag wurden die Angehörigen der Opfer von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Justizminister Carlo Nordio und der Generalstaatsanwältin Italiens empfangen. Der Besuch im Regierungspalast diente auch dazu, um „an der juristischen Front eine gemeinsame Linie“ zu erarbeiten. Am Dienstag bereits hatte Außenminister Antonio Tajani im Senat erklärt, dass Italien bei einem künftigen Prozess in der Schweiz gegen die Verantwortlichen als Nebenkläger auftreten wolle. Die Staatsanwaltschaft von Rom, die für im Ausland gegen italienische Staatsbürger begangene Straftaten zuständig ist, verlangt unterdessen volle Akteneinsicht und ermittelt selber wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Verursachung einer Katastrophe.