Jede Station gleicht einer Mahnung

Bürgerpreis Rems-Murr Nicole Huber und Nataša Hufen von der Theaterwerkstatt der Matthäuskirchengemeinde Backnang entwickeln Stücke und Stadtspaziergänge, die sich unter anderem mit Themen wie Demokratie und Menschenrechten befassen.

Jede Station gleicht einer Mahnung

Nataša Hufen (links) und Nicole Huber führen die Teilnehmer der dystopischen Stadtführung „Sprachlos durch Backnang 2033“ auch zu den Stolpersteinen am Ölberg. Am Ende der Tour verlassen sie ihre Rollen und legen zum Gedenken eine weiße Rose nieder. Foto: Alexander Becher

Backnang. „Dies ist erfunden. Dies ist Fiktion. Dies ist nicht unsere Meinung.“ Gleich zweimal weisen Nicole Huber und Nataša Hufen von der Theaterwerkstatt der Matthäuskirche zu Beginn ihres Stücks „Sprachlos durch Backnang 2033“ das Publikum auf diesen Umstand hin. Anschließend wenden sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern den Rücken zu und warten auf deren Stichwort: ein gerufenes „2033“. Erst dann drehen sie sich wieder um und schlüpfen in ihre Rollen als Stadtführerinnen Ebba von Wunnenstein (Nataša Hufen) und Eva-Maria Weber (Nicole Huber). Als diese berichten sie an den Stolpersteinen am Ölberg von deren Umdeutung zu „Klatschsteinen“ – die Teilnehmer werden dazu eingeladen, sich applaudierend vor diesen zu filmen und das Video danach auf Tiktok zu teilen. Für die meisten Klickzahlen warte sogar ein Gewinn, so die Frauen.

Sperrige Themen auf andere Art behandeln

„Es ist eine der herausforderndsten Szenen für alle Beteiligten“, sagt Nataša Hufen anschließend, nun wieder außerhalb ihrer Rolle, die sie nach Ende des Stücks nur zu gerne schnell wieder abschüttelt. „Sprachlos in Backnang“ spielt nämlich in einer dystopischen Zukunft, in welcher die Partei „Die Möglichkeit für Deutschland“ mit großer Mehrheit regiert und die politische Landschaft gänzlich umgekrempelt hat. Von Wunnenstein und Weber als systemtreue Stadtführerinnen bringen die Teilnehmer in dem rund einstündigen Stück zu verschiedenen Orten in der Stadt und erklären, wie die Dinge in Backnang mittlerweile laufen. Zu den elf Stationen zählen etwa die Schule, das Rathaus, das Sophie-Scholl-Denkmal und das Redaktionsgebäude unserer Zeitung. Weitere Themen sind etwa die Rolle der Frau, Innenpolitik und Außenpolitik. „Es geht darum, den Menschen durch Theater klarzumachen, wie eine Welt auch aussehen könnte“, erklärt die Theaterpädagogin Nicole Huber.

Huber hat die Theaterwerkstatt der Matthäuskirchengemeinde im Jahr 2000 gegründet. Seit 2010 ist die Sozialpädagogin Nataša Hufen mit dabei. Die beiden Backnangerinnen bilden derzeit den festen Kern der Gruppe, für größere Stücke machen sie sich auf die Suche nach weiteren Ensemblemitgliedern, etwa beim Gottesdienst oder durch die Zusammenarbeit mit Institutionen. „Anfänglich ging es darum, einen Raum zu bieten, um selbst kreativ zu werden“, erklärt Huber. Etwa 55 Theaterprojekte und Stücke sind seitdem entstanden, die Bandbreite der Themen war dabei sehr vielfältig. „Wir hatten beispielsweise ein großes Psalmenprojekt, haben aber auch schon afrikanische Märchen oder Krimis gespielt.“ Auch gegenwärtige und politische Themen werden immer wieder aufgegriffen, etwa Flucht oder die Coronapandemie. „Wir wollen Themen, die sperrig sind, auch mal auf andere Art bearbeiten“, so Huber.

Im Jahr 2024 sorgte dann die Recherche der Correktiv-Redaktion über ein Treffen von AfD-Politikern, Mitgliedern der CDU, Unternehmern und Aktivisten im Landhaus Adlon in Potsdam bundesweit für Empörung und Diskussionen – für die beiden Backnangerinnen Anlass genug, um mit ihrer Theaterarbeit etwas Neues zu probieren und sich in den öffentlichen Raum zu wagen. Neben „Sprachlos durch Backnang 2033“, das Huber zufolge bereits mehr als 25-mal aufgeführt wurde, gibt es seit vergangenem Jahr etwa auch den geführten Stadtspaziergang „Mit den Menschenrechten durch Backnang“. Zudem arbeiten sie derzeit an einem weiteren Theaterprojekt im Stil einer Stadtführung zum Thema Stolpersteine.

Erlebtes bietet größeren Erfahrungswert

„Wir wollen zeigen, welche Konsequenzen Handeln hat. Wie würde unsere Stadt mit einer Pseudodemokratie aussehen? Wenn man so etwas erlebt und nicht bloß liest, dann hat das unserer Meinung nach eine andere Dichtigkeit und bietet einen anderen Erfahrungswert“, erklärt Nicole Huber den Gedanken hinter ihren Stücken, welche die Frauen übrigens selbst schreiben – neben der Tontechnik und der Öffentlichkeitsarbeit ein weiteres Beispiel dafür, weswegen die Theaterwerkstatt auch finanzielle Ressourcen benötigt. Für die Entwicklung eines Stücks wie „Sprachlos durch Backnang 2033“ oder auch des neuen Projekts zu den Stolpersteinen sind schließlich viel Zeit und noch mehr Recherche notwendig.

Der Aufwand mache sich aber bezahlt, finden Huber und Hufen. Die Nachfrage sei groß, immer wieder werden sie von Gruppen angefragt und spielen beispielsweise auch vor Schulklassen, in denen die Schülerinnen und Schüler mindestens 16 Jahre alt sind. Diese Altersgrenze ist ihnen wichtig, schließlich können einige Szenen und Aussagen durchaus verstörend wirken – gerade auch auf Passanten, die zufällig des Wegs kommen und nur einzelne Sätze aufschnappen. „Wir warten aber immer noch darauf, dass einmal jemand protestiert“, sagt Nicole Huber. Nach dem Stück gehen sie mit ihrem Publikum noch mal ins Gespräch.

Die letzte Station führt die Gruppe zum Sophie-Scholl-Denkmal. Hier entledigen sich Nicole Huber und Nataša Hufen endlich ihrer Rollen und legen jeweils eine weiße Rose nieder. „Wir tun das, um des Muts der Widerstandskämpfer und der Euthanasieopfer zu gedenken“, sagt Nicole Huber.