Die weltweit führende Agrarmesse wird 100 Jahre alt. Der Jubel hält sich in Grenzen: Verbraucher beklagen massiv gestiegene Lebensmittelpreise.
Am kommenden Freitag beginnt die Grüne Woche in Berlin – sie wird 100 Jahre alt.
Von Thomas Wüpper
An diesem Freitag feiert Berlin ein besonderes Kapitel Agrargeschichte. Die Grüne Woche startet und wird damit 100 Jahre alt. Seit 1926 trifft sich die Branche unter dem Funkturm zu ihrer wichtigsten Leistungsschau, nur Kriegs- und Nachkriegsjahre sowie zuletzt die Corona-Pandemie unterbrachen die Tradition. Gleichwohl gilt die Grüne Woche als älteste und weltweit führende Messe für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau. Bei der 90. Auflage werden die Messehallen bis zum 25. Januar wieder zur Bühne für Bauern, Industrie, Handel und Politik.
Rund 1500 Aussteller aus mehr als 50 Ländern präsentieren ihre Angebote – von Fleisch-, Milch- und Getreideerzeugnissen bis zu Wein, Bier und Streetfood. Die Veranstalter rechnen wieder mit mehreren hunderttausend Besuchern, die es sich schmecken lassen können. Im Vorjahr kamen rund 310 000 Gäste nach Berlin, deutlich weniger als in den Rekordjahren vor Corona, als regelmäßig über 400 000 Besucher gezählt wurden. Zum Jubiläum setzen die Organisatoren auf zusätzliche Attraktionen, historische Rückblicke und Sonderschauen zur Entwicklung der Landwirtschaft vom Pferdegespann bis zur digitalisierten Präzisionsproduktion.
Die Messe ist auch politisches Forum
Die Grüne Woche ist eine beliebte Verbrauchermesse, aber mit rund 300 Kongressen und über 1800 Medienvertretern auch politisches Forum. Aktuelle Streitpunkte sind Tierwohl- und Kennzeichnungsstandards sowie das Handelsabkommen Mercosur, Höhepunkt wird das alljährliche Treffen von rund 70 Agrarministern. Zugleich gilt die Messe als wichtiges Stimmungsbarometer einer Branche, die sich im Dauerumbruch befindet. Das zeigt auch der Ende 2025 veröffentlichte Situationsbericht des Deutschen Bauernverbandes.
Demnach bleibt die Lage vieler Betriebe angespannt. „Der Motor droht bei einigen Betrieben wirklich auszugehen“, warnt Verbandspräsident Joachim Rukwied. Zwar gebe es keine akute Krise wie voriges Jahr die Maul- und Klauenseuche, doch stark gesunkene Erzeugerpreise und die verteuerte Produktion belasten demnach viele Betriebe. Das durchschnittliche Unternehmensergebnis im Haupterwerb lag im Wirtschaftsjahr 2024/25 unverändert bei 78 500 Euro. Steigende Kosten für Energie, Dünger, Futtermittel sowie wachsende Klima-, Umwelt- und Tierwohlauflagen schmälerten die Erträge, klagt Rukwied.
So setzt sich der Strukturwandel fort. Jahr für Jahr geben weitere Betriebe auf, vor allem kleine und mittlere Familienhöfe. Seit 2010 ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Hohe Bodenpreise, steigende Pachten und fehlende Hofnachfolger verschärfen den Trend. Ohne die massive Förderung verliefe der Umbruch noch krasser: Rund die Hälfte der Einkommen deutscher Landwirte stammt weiterhin aus staatlichen Zahlungen, vor allem aus der EU-Agrarpolitik.
Am anderen Ende der Lebensmittelkette wiederum beklagen Verbraucher die massiven Preissprünge bei vielen Produkten. Nahrungsmittel verteuerten sich allein 2022 im Schnitt um 13,4 Prozent, 2023 um weitere 12,2 Prozent und 2024 nochmals um rund zwei bis drei Prozent. Insgesamt liegen die Verbraucherpreise damit etwa 30 Prozent höher. Besonders stark schwankten zeitweise Grundnahrungsmittel wie Butter, Zucker oder Speiseöle. Erzeuger und Handel schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Landwirte beklagen sinkende Erlöse für Milch, Fleisch oder Getreide, die Discounter verweisen auf den harten Wettbewerb untereinander.
Am Samstag ist eine Demo geplant
Kritiker der Agrarindustrie sehen das Problem im bisherigen System und haben für kommenden Samstag wieder zur traditionellen „Wir-haben-es-satt!“-Demonstration am Brandenburger Tor aufgerufen. Erwartet werden rund 10 000 Teilnehmer von Umwelt-, Verbraucher- und Tierschutzorganisationen, die eine Agrarwende fordern: mehr Umwelt-, Klima- und Tierschutz, faire Erzeugerpreise und ein Ende der industriellen Massenproduktion.
Die Agrarpolitik habe es nicht geschafft, bäuerlichen Betrieben eine verlässliche Zukunft zu sichern, heißt es im Aufruf. Jedes Jahr schließen demnach rund 2600 Höfe, Handel und Industrie diktierten die Preise. Auf der einen Seite stünden Milliarden-Gewinne von Agrochemiekonzernen, Patente auf Saatgut sowie Investoren, die mit Ackerland spekulieren. Die industrialisierte Tierhaltung heize die Klimakrise an, sei für mehr als ein Drittel der Treibhausgasemissionen verantwortlich und zerstöre die Umwelt. So wie bisher könne es nicht weitergehen.
Die Grüne Woche
MesseDie Grüne Woche auf dem Berliner Messegelände ist über den Eingang Süd (S-Bahn Messe Süd) erreichbar. Vom 16. bis 25. Januar sind die Hallen täglich von 10–18 Uhr und am 23. Januar bis 20 Uhr geöffnet.
HighlightsTier- und Blumenhallen, der Erlebnis-Bauernhof, internationale Spezialitäten und die Streetfood-Halle. Tagesticket: 17 Euro (Mo–Sa) und 13 Euro (So), Dauerkarte 48 Euro und das Familienticket 39 Euro. Mehr Infos: www.gruenewoche.de wüp