Kein Zurück für die Royals

Die Verhaftung des früheren Prinzen Andrew bringt die Krone in eine schwierige Lage.

Von Peter Nonnenmacher

Was bleiben wird, ist das Bild von Andrew Mountbatten-Windsor bei der Rückkehr aus der Polizeizelle in das ihm zugewiesene neue Zuhause in Norfolk. Man sieht das ungläubige Entsetzen des lebenslang an Unterwürfigkeit gewöhnten einstigen Prinzen über seinen Absturz – und seine nun heikle Situation.

Unerwartet kam die Verhaftung für die königliche Familie freilich nicht. Von einem „wahren Erdbeben“ für die Royals ist im Vereinigten Königreich die Rede. Davon, dass die britische Monarchie nie wieder sein wird, was sie einmal war. Und dass es von hier aus keinen Weg zurück mehr gibt.

Tatsächlich ist nicht klar, wie schlimm es für Andrew noch werden könnte. Die bislang gegen ihn erhobenen Beschuldigungen, vertrauliche Informationen weitergegeben zu haben, sind schon ernst genug. Die Nachforschungen der Polizei im Zusammenhang mit immer neuen Enthüllungen der Jeffrey-Epstein-Dokumente weiten sich stetig aus.

Und nicht nur Mitglieder des US-Kongresses wollen nun, dass Andrew ihnen Rede und Antwort steht. Das britische Parlament fordert ebenfalls Aufklärung. Die Vorladung Andrews vor einen Unterhaus-Ausschuss bahnt sich an. Immerhin ist der Bruder des Königs offiziell noch immer die Nummer acht in der Thronfolge auf den Britischen Inseln. Ändern könnte das nur der Gesetzgeber.

Dass die Krise längst nicht nur mehr Andrew betrifft, und sich die Royals unbequemen Fragen gegenübersehen, die ihnen noch nie gestellt wurden, weckt enorme Ängste am Königshof. Was genau hat wer gewusst? Wurden Andrews Aktionen verschleiert? Wo hat man ihn – gegen besseres Wissen – unterstützt? Welche Antworten ist die Krone der Bevölkerung schuldig? Sind ihre angestammten Privilegien, die enormen Kosten des Königshauses für den britischen Staat jetzt noch zu rechtfertigen?

Plötzlich stehen alle wichtigen Windsors im Scheinwerferlicht – selbst der König. Der traditionelle Respekt, den Krone und Königshaus gewohnt sind, schützt niemanden mehr. Der Respekt vor der unantastbaren und herausgehobenen Stellung der Krone beginnt rapide zu schwinden – nicht nur dort, wo es um Andrew geht.

Das ist eine gänzlich neue Erfahrung für die selbstbewussteste, stolzeste, widerstandsfähigste aller Monarchien. Mehr und mehr geben jetzt auch die britischen Medien ihre traditionelle Zurückhaltung gegenüber dem Königshaus auf. Früher versagten sich Reporter „aufdringliche“ Fragen, die bei Hofe unerwünscht waren. Jetzt verlangt die Öffentlichkeit Transparenz.

Die anfangs noch vorsichtige Distanzierung des Königs vom „schwarzen Schaf“ der Familie, der bis vor kurzem noch undenkbare Entzug des Prinzen-Titels und die Verbannung Andrews in die Provinz reichten nicht, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Jetzt wissen auch die Windsors, dass sie sich nicht länger in einem geschützten Freiraum bewegen können.

Das weckt Erinnerungen an das Jahr 1997. Schnell hatte sich öffentlicher Unmut breit gemacht, als Prinzessin Diana tödlich verunglückte und Königin Elisabeth sich tagelang weigerte, aus ihrem Urlaub in Schottland in den Buckingham-Palast zurückzukehren, wo sich bereits ein Blumenmeer vor dem Tor ausgebreitet hatte. „Wo ist unsere Queen?“ fragten damals auch Monarchisten erbost.

Die jetzige Situation ist für die Royals wesentlich schlimmer. Mit Andrew ist im Buckingham-Palast mehr als je zuvor etwas ins Wanken geraten. Um grundlegende Reformen wird die Königsfamilie diesmal nicht mehr herumkommen. Charles und den Seinen stehen schwierige Zeiten bevor.