Vielerlei Formen des Kannibalismus

Knabber, Mampf, Schmatz! Steinzeit-Menschen standen auf Menschfleisch

Gehäutet und gekocht: Grausige Funde erzählen von Kannibalen in drei spanischen Höhlen bei Granada in Andalusien. Forscher konnten nun die Nahrungskette aus der Jungsteinzeit  rekonstruieren.

Knabber, Mampf, Schmatz! Steinzeit-Menschen standen auf Menschfleisch

Kannibalen-Fest: Gestellte Szene aus dem Jahr 1903, die ein Ethnologe für seine Vorlesung an der New Yorker Universität nutzte - und die nachvollziehbarerweise für öffentliche Entrüstung sorgte.

Von Markus Brauer

Wie schmeckt Menschenfleisch? Das wissen – zum Glück – nur wenige Menschen. Und das aus gutem Grund: Wer Menschenfleisch vertilgt, der gilt als Kannibale und Kannibalismus ist strafbar. Das war nicht immer so. In der Steinzeit gab es noch keine Staatsanwälte, Richter und Polizei. Wo kein Kläger, da auch kein Richter.

Wie mundet Menschenfleisch?

Gerüchteweise soll der Homo sapiens dem Geschmack von Hühnerfleisch nicht unähnlich sein. Doch echte Kannibalen sollen zu Protokoll gegeben haben, dass der Geschmack dem von Lamm und Schwein, nicht aber Hühnchen ähnelt.

Wie dem auch immer sei. In den meisten menschlichen Kulturen ist das Verspeisen von Artgenossen ein Tabu. Paläontologische Knochenfunde belegen hingegen, dass unsere frühe Vorfahren da weit weniger zimperlich waren, wenn es darum ging, den Bauch zu füllen.

Wie erforschen Archäologen prähistorischen Kannibalismus?

Kannibalismus ist archäologisch besonders schwer zu deuten, weil Schnittspuren, zerbrochene Knochen oder Hitzespuren zwar eine Verarbeitung menschlicher Körper anzeigen können, den Grund dafür aber nicht automatisch verraten. Gerade deshalb sind zeitlich gut eingeordnete Funde entscheidend, wenn zwischen Gewalt, wiederholten Traditionen und möglichen Bestattungsritualen unterschieden werden soll.

Die drei Höhlen Malalmuerzo, Carigüela und Majolicas in der spanischen Provinz Granada gelten seit Jahrzehnten als wichtige Fundorte für solche Spuren. Bislang fehlten jedoch direkte Radiokarbondaten für die menschlichen Überreste und eine einheitliche taphonomische Auswertung, sodass offen blieb, ob die Funde zu einem einzigen Muster gehörten oder verschiedene Episoden widerspiegeln.

Knochen zeigen systematische Verarbeitung

Ein internationales Forscherteam hat nun knapp 1000 menschliche Knochen und Zähne aus den drei Höhlen neu untersucht. Die Experten kombinierten standardisierte taphonomische Analysen - also die Untersuchung von Veränderungen an Überresten seit dem Tod, mit Altersbestimmungen und AMS-Radiokarbondatierungen ausgewählter Individuen. Die Knochen zeigen Schnittspuren vom Zerlegen der Körper, gezielte Schädelbrüche, Markgewinnung, Hinweise auf Kochen und menschliche Zahnspuren.

Diese Kombination spricht an allen drei Orten für eine Manipulation frischer Körper, die mit Kannibalismus vereinbar ist. Zugleich unterscheiden sich Chronologie und Art der Bearbeitung deutlich, weshalb die Studie kein einheitliches Modell des neolithischen Kannibalismus stützt, sondern mehrere zeitlich getrennte Formen des Umgangs mit menschlichen Körpern.

Drei Höhlen erzählen verschiedene Geschichten

In Malalmuerzo liegen die direkt datierten Funde eng im frühen Neolithikum zwischen etwa 5300 und 4950 v. Chr. zusammen und umfassen unterschiedliche Altersgruppen sowie stumpfe Schädelverletzungen. Zusammen passt dies zu einem kurzen, konzentrierten Ereignis, das nach Einschätzung der Autoren mit zwischenmenschlicher Gewalt verbunden gewesen sein könnte.

Carigüela zeigt dagegen wiederholte Körperverarbeitung über verschiedene Phasen des Neolithikums, darunter die Herstellung von zwei Schädelschalen. Zwei Radiokarbondaten stützen diese Wiederholung, während ein deutlich älteres drittes Datum nach Angaben der Studie schwer zu interpretieren bleibt.

Majolicas gehört mit etwa 3950 bis 3760 v. Chr. ins späte Neolithikum und weist weniger intensiv zerbrochene lange Knochen sowie einige mit rotem Zinnober gefärbte menschliche Überreste auf. Diese Kombination könnte eher zu einem symbolischen oder funerären Umgang mit den Toten passen, beweist aber kein bestimmtes Ritual.

Gerade diese Unterschiede begrenzen einfache Erklärungen, denn die Autoren sehen weder einen durchgehenden Brauch noch eine gemeinsame Ursache für alle Episoden, sondern wiederkehrende Praktiken in wechselnden sozialen Zusammenhängen.

„Wir können nicht sagen, dass alle Episoden eine gemeinsame Ursache haben. Doch während des gesamten Neolithikums gibt es diskontinuierlich, aber wiederkehrend ein Szenario von Konflikt und/oder der Manipulation von Überresten, von dem wir vermuten, dass es Veränderungen in der sozialen Organisation, den Beziehungen zwischen Gruppen und im Verhältnis zu Tod und Gewalt widerspiegelt“, erklärt Palmira Saladié vom Institut Català de Paleoecologia Humana i Evolució Social (IPHES-CERCA).

Alte Sammlungen liefern neue Antworten

Die Untersuchung zeigt zugleich, welchen Wert alte archäologische Sammlungen behalten können, denn Miguel C. Botella von der Universidad de Granada (UGR) hatte die Fundkomplexe bereits in den 1970er Jahren wissenschaftlich bekannt gemacht und ist mehr als 50 Jahre später an ihrer erneuten Analyse beteiligt. Neue Datierungen und standardisierte Methoden erlaubten nun Fragen, die bei der ersten Bearbeitung noch nicht beantwortbar waren.

„Seine Arbeiten trugen dazu bei, Malalmuerzo, Carigüela und Majolicas zu Referenzfundstätten für die Erforschung des Kannibalismus in der jüngeren europäischen Vorgeschichte zu machen“, erläutert Francesc Marginedas von der Universität Wien.

Dass dieselben Knochen heute anders gelesen werden können, liegt vor allem an der Verbindung direkter Datierungen mit systematischer Taphonomie. Der Fall zeigt, dass ältere Sammlungen nicht nur historische Dokumente sind, sondern mit neuen Verfahren neue Informationen liefern können.

Für die Deutung prähistorischen Kannibalismus bedeutet das vor allem, ähnliche Knochenspuren nicht automatisch gleichzusetzen, denn erst die Verbindung von Bearbeitungsspuren, Datierung und Fundkontext zeigt, ob hinter vergleichbaren archäologischen Signalen möglicherweise sehr unterschiedliche soziale Situationen standen.

Knabber, Mampf, Schmatz! Steinzeit-Menschen standen auf Menschfleisch

Schädelreste mit Spuren menschlicher Bearbeitung aus der Carigüela-Höhle: Fragmente von Schädel und Unterkiefer mit Schnittspuren infolge von Skalpierung und Entfleischung des Kopf- und Gesichtsbereichs sowie anthropogen verursachten Brüchen.

Knabber, Mampf, Schmatz! Steinzeit-Menschen standen auf Menschfleisch

Langknochen mit charakteristischen Bruchspuren. Weiße Pfeile kennzeichnen die besonders auffälligen beschädigten Bereiche.