Fast 7700 menschliche Schädel zählt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin zu ihrer Sammlung. Nun hat sie knapp 600 davon auf ihre Herkunft untersucht und will sie zurückgeben. Wir erklären, was die Schädelsammlung mit Rassenlehre und Rassismus zu tun hat.
Forschungsmaterialen der Stiftung Preußischer Kulturstiftung (SPK) zur Klärung der Schädelherkunft. Foto:
Von Markus Brauer/KNA
Insgesamt 574 menschliche Schädel aus der Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) in Berlin sollen nach Westafrika zurückkehren. Wie die Stiftung am Mittwoch (22. April) mitgeteilt hat, stammen die Schädel aus ehemaligen deutschen Kolonien.
Rückkehr in die Heimat
„Die Erforschung der Herkunft dieser Schädel ist für uns nicht nur eine Verpflichtung, sondern ein zentrales Anliegen“, heißt es seitens der Stiftung. „Wenn irgend möglich, sollen die menschlichen Gebeine dorthin zurückkehren können, woher sie stammen.“
Der Stiftung zufolge stammen 336 Schädel aus dem heutigen Kamerun, 151 aus dem heutigen Togo, 23 aus dem heutigen Ghana und einer aus dem heutigen Nigeria. Bei 63 gelang demnach keine genauere Zuordnung.
Ein Großteil der Schädel stammt demnach von Arbeitern, die beim deutschen Eisenbahnbau in Kamerun gestorben waren. In vereinzelten Fällen liegen Hinrichtungen durch Deutsche vor. Kamerun war von 1884 bis 1919 eine deutsche Kolonie.
Sammlung von insgesamt 7700 Schädeln
Die untersuchten menschlichen Überreste gehören zu der historischen anthropologischen Sammlung von rund 7700 Schädeln, die die SPK im Jahr 2011 nach eigenen Angaben in "schlechtem Zustand" von der Berliner Charité übernommen hatte.
Das Museum für Vor- und Frühgeschichte der SPK hat in einem im Jahr 2021 gestarteten Projekt gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Togo und Kamerun die Herkunft von 574 Schädeln untersucht. Die nun veröffentlichten Ergebnisse dienten als Grundlage für eine "verantwortungsvolle Rückführung".
Bereits Anfang 2023 waren laut SPK etwa 1100 Schädel auf ihre Herkunft untersucht worden. Damit sei die Geschichte von rund 1700 der insgesamt 7700 Schädel aufgearbeitet, erklärt die Stiftung.
Die verhängnisvolle Geschichte des Rassenbegriffs
Das Wort Rasse hat in Europa eine wechselvolle und unrühmliche Karriere. Mit der Aufklärung begannen Wissenschaftler, die Natur in Kategorien zu erfassen. Pflanzen, Tiere, aber auch Menschen wurden in Arten, Familien, Gruppen und eben auch Rassen unterteilt.
Im 17. Jahrhundert benutzte der französische Forscher François Bernier (1620-1688) die Bezeichnung noch synonym zu „espèce“ (Art). Er gilt als der erste Forscher, der die Bezeichnung im Rahmen einer anthropologischen Taxonomie zum Zwecke der Klassifikation von Menschen verwendete.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts tauchte in Reiseberichten das Wort immer häufiger auf, um die Bevölkerung anderer Länder zu beschreiben. Körpermerkmale wie die Schädelform und Charaktereigenschaften wurden bestimmten Rassen zugeordnet.
Europäische Wissenschaftler entwickelten in den darauffolgenden Jahrzehnten das Konzept menschlicher Rassen schließlich weiter zu einer Rassenlehre. Sie lieferte eine nachträgliche Begründung für eine jahrhundertealte soziale Praxis, die es nach den in etwa zeitgleich formulierten Aufklärungsidealen eigentlich nicht geben sollte: die Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Aussehens, ihrer Herkunft.
Phrenologie: Schädelkunde als pseudowissenschaftlicher Rassismus
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden unzählige irrationale Weltbilder, die es in der einen oder anderen Form heute immer noch gibt. Dazu gehört auch die Schädelkunde oder Phrenologie – eine Lehre, von der Anthropologen glaubten, aus der Schädelform den Charakter bzw. die Begabung des Menschen ableiten zu können.
Die klassische Phrenologie wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von dem deutschen Arzt Franz Joseph Gall (1758-1828) entwickelt. Sie gilt heute als Pseudowissenschaft. Gall war der Meinung, dass man den Charakter eines Menschen anhand der Form seines Schädels bestimmen könne.
Je nachdem, wie stark oder schwach bestimmte Regionen am Kopf einer Person ausgeprägt waren, lasse sich daraus ableiten, welche Fähigkeiten jemand besäße, welche „Triebe“ einen kontrollierten und wie groß die geistige Leistungsfähigkeit sei.
Kraniometrie: Vom Schädel zum Charakter
Galls Phrenologie stand in einer langen Tradition unwissenschaftlicher Annahmen, bei denen aus der äußerlichen Erscheinung eines Menschen auf dessen Charakter geschlossen werden sollte. Ihren unheilvollen Höhepunkt hatte diese krude Lehre in der nationalsozialistischen Rassenkunde.
Die Schädelformen wurden als vermeintlich „messbare“ Merkmale genutzt, um Menschen rassistisch in Gruppen zu kategorisieren und Hierarchien zu begründen. Nicht zuletzt, weil sie – im Vergleich etwa zur Hautfarbe – gut messbar sind.
Die Form des Kopfes wurde im Rahmen der Kraniometrie (die Schädelvermessung ist ein Teilgebiet der Phrenologie) vermessen, um zwischen „höheren“ und „niederen“ Rassen zu unterscheiden.
Rasse: Ein wissenschaftliches Missverständnis
Seither haben viele Forscher einen Blick auf die Genetik des Menschen geworfen und ihr Fazit ist eindeutig: Die ganze Kategorie der menschlichen Rasse ist ein wissenschaftlich unsinniges und ideologisch begründetes Missverständnis.
Die Forschung sagt uns heute, dass die sichtbaren Unterschiede zwischen vermeintlichen Rassen nicht mehr als historische Zufälle sind. „Der Begriff der Rasse ist längst wissenschaftlich widerlegt: Es gibt keine Rassen“, erklärt der Staatsrechtler Alexander Thiele.
Die Bezeichnung Rasse legt grundsätzlich die Vorstellung von qualitativen Unterschieden nahe, wie es von der Nutztier-Zucht bekannt ist. Heute wird der Rasse-Begriff auch in der Biologie vermieden. Man spricht stattdessen von Varietäten und Unterarten (Subspezies).
Aber nur, weil Rasse beim Menschen ein erfundenes Konstrukt ist, macht sie das natürlich nicht weniger wirkmächtig und verhängnisvoll. Sie prägt immer noch die Wahrnehmung und (Vor-)Urteile vieler Menschen.
Im Jahr 1950 hatte die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) darauf hingewiesen, dass „Rasse“ für einen sozialen Mythos stehe, der ein enormes Ausmaß an Gewalt verursacht habe.
Genetik und Sozialisation bestimmen den Menschen
In der „Jenaer Erklärung“ erklärten im Jahr 2019 Spitzenforscher aus Zoologie und Anthropologie, eine solche Einteilung der Menschen – etwa in der Theorie von den drei anthropologischen „Großrassen“ Mongolide, Europide und Negride, die wissenschaftlich längst widerlegt ist – sei eine Typenbildung auf Grundlage willkürlich gewählter Eigenschaften wie Haar- und Hautfarbe.
„Diese Argumentation heute noch als angeblich wissenschaftlich zu verwenden, ist falsch und niederträchtig. Es gibt auch keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Intelligenz und geographischer Herkunft, aber einen deutlichen mit sozialer Herkunft“, heißt es in der Stellungnahme der Forscher.
Beim Menschen bestehe der weitaus größte Teil der genetischen Unterschiede nicht zwischen geografischen Bevölkerungsgruppen, sondern innerhalb solcher Gruppen. Die höchste genetische Vielfalt finde sich bei Menschen auf dem afrikanischen Kontinent.
Dort liegen die Wurzeln und die meisten Verzweigungen im menschlichen Stammbaum, wie es in der „Jenaer Erklärung“ weiter heißt. Allein die Hautfarbe habe sich im Lauf der Migrationen des Menschen immer wieder verändert und sei dunkler und heller geworden je nach lokaler Sonneneinstrahlung oder Ernährungsweise.
Wir sind alle Afrikaner
Jeder Mensch hat im Prinzip die gleichen Gene. Aber mit Ausnahme von eineiigen Zwillingen hat jeder leicht unterschiedliche Versionen von einigen dieser Gene.
Studien zu dieser genetischen Vielfalt haben es den Wissenschaftlern ermöglicht, eine Art Stammbaum der menschlichen Populationen zu rekonstruieren. Damit wurde eine grundlegende Wahrheit offenbar: Im Grunde sind alle heute lebenden Menschen Afrikaner.