Kommentar: Dinner mit üblem Nachgeschmack
Von Ellen Hasenkamp
Was es wohl für ein Gefühl ist, einem Menschen die Hand zu geben, mit ihm zu reden und zu dinieren, dem eines der brutalsten politischen Verbrechen der jüngsten Vergangenheit zur Last gelegt wird? Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat in Riad Kronprinz Mohammed bin Salman zum Abendessen getroffen. Den Mann also, der nach Geheimdiensterkenntnissen hinter der Zerstücklung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi vor einigen Jahren in Istanbul steckt. Guten Appetit.
Aber Salman ist nicht nur ein reicher Königssohn, sondern auch De-facto-Herrscher in Saudi-Arabien. Einem Land also, das aufgrund seines Wohlstands und seiner Zukunftspläne für Deutschland wichtig ist. Längst geht es nicht mehr nur um Öl und Gas, sondern um Investitionen und Absatzmärkte. Knallharte Interessenpolitik also, ein Verrat an der Moral? Ein bisschen schon.
Gänzlich verdammen kann man den Kanzler dafür nicht. Was soll er tun, um die Mittelmacht Deutschland im globalen Spiel und die heimische Wirtschaft am Laufen zu halten? Wer sich von China einerseits, den USA andererseits und von Russland sowieso unabhängiger machen will, dem bleibt kaum Auswahl. Allzu klein sollte er sich auch nicht machen, schließlich beruhen die Geschäfte auf Gegenseitigkeit. „Herzlich“, wie es Merz getan hat, muss man den Austausch mit einem mutmaßlichen Morddrahtzieher aber dennoch nicht nennen.