Aus Kohlendioxid lassen sich synthetische Kraftstoffe etwa für Flugzeuge herstellen. Eine Studie sieht für den Südwesten große wirtschaftliche Potenziale. Aber die Hürden sind riesig.
Ein Weg, um Flugzeuge klimafreundlicher zu machen, sind synthetische Kraftstoffe.
Von Thomas Faltin
Allein mit Strom wird man die Verkehrswende nicht schaffen – Flugzeuge oder auch Schiffe werden in absehbarer Zeit nicht mit Batterien betrieben werden können. Refuels, die aus synthetischen Kohlenwasserstoffen hergestellt werden, könnten die Lösung sein. Dazu muss man auch Kohlendioxid aus der Luft entnehmen, und dafür braucht es neue Anlagen. Wie gut Baden-Württemberg bei dieser Technologie des sogenannten Direct Air Capture aufgestellt ist, das haben jetzt zwei renommierte Stuttgarter Institute untersucht.
Das Potenzial sei riesig, betonen das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) sowie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in ihrer noch unveröffentlichten Studie. Unserer Zeitung liegt diese aber vor. Der Bedarf an CO2 werde allein in Deutschland von derzeit 1,3 Millionen Tonnen auf 59 Millionen Tonnen im Jahr 2050 anwachsen, prognostizieren die Institute. Es reiche dann nicht mehr, Kohlendioxid etwa in Zementfabriken abzufangen oder Refuels aus Pflanzen herzustellen. Vielmehr müssten gewaltige Mengen an CO2 auch aus der Luft gefiltert und genutzt werden. Unter bestimmten Bedingungen gelten die Produkte als klimaneutral, weil beim Verbrennen nur so viel CO2 frei wird wie zuvor der Atmosphäre entnommen worden ist.
Milliardenpotenzial und neue Jobs durch DAC-Technologie
Auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten seien enorm, führt die Studie weiter aus. Es gebe jährliche Umsatzpotenziale von 2,2 Milliarden Euro; mehrere tausend Arbeitsplätze könnten geschaffen werden. In der Studie heißt es weiter: „Baden-Württemberg bietet aufgrund seiner industriellen Stärke, insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau, ideale Voraussetzungen, um bei der Entwicklung und Skalierung von DAC-Technologien eine Technologieführerschaft zu übernehmen.“
Davon ist der Südwesten aber bisher weit entfernt, andere Länder sind deutlich weiter. Auch die Studie kommt zu dem zurückhaltend formulierten Ergebnis, dass das Potenzial „bisher nicht ausgeschöpft“ worden sei: „Verfestigt sich dieser Rückstand, drohen technologische Abhängigkeiten sowie der Verlust industrieller Wertschöpfung und Exportchancen in einem zentralen Zukunftsmarkt.“
Konkret kam ein Projekt in Karlsruhe gar nicht zustande, ein zweites bei Heidenheim musste in der Zielsetzung verändert werden. Dort sollte synthetischer Kraftstoff für den Flughafen Stuttgart entstehen; jetzt will man zumindest eine Pilotanlage bauen, um CO2 aus einem Zementwerk abzuscheiden.
Die Hürden sind jedenfalls riesig. Die genannten Projekte kamen vor allem nicht zustande, weil sie sich ökonomisch nicht trugen. Das verhindert derzeit auch eine EU-Regelung, nach der die Nutzung von unvermeidbarem Kohlendioxid aus Industrieanlagen wie Zementwerken nach 2040 nicht mehr erlaubt sein soll; das macht die Entwicklung von Anlagen zumindest in Deutschland offensichtlich unrentabel. Wegen des hohen Energieeinsatzes sind die Refuels auch sehr teuer und vorerst nicht konkurrenzfähig.
Netzwerk aus 40 Unternehmen treibt CO2-Nutzung voran
Parallel zu der Studie der beiden Institute sind nun aber bereits einige Dinge angestoßen worden. So ist ein Netzwerk mit mehr als 40 interessierten Unternehmen entstanden, die die Refuels nutzen könnten. Das seien neben Firmen aus dem Verkehrssektor vor allem die chemische Industrie und die Baubranche. Auch im Gebäudesektor gibt es Ansätze, CO2 zu binden und etwa im Beton einzuschließen.
Daneben hat das ZSW eine Demonstrationsanlage errichtet; das DLR hat dazu ein Simulationsmodell entwickelt, mit dem die Betriebsprozesse optimiert werden können. Die Landesregierung unterstützt die Produktion von Refuels im Land schon seit mehreren Jahren. Erst im September letzten Jahres hat das Verkehrsministerium zusammen mit Unterstützern wie Stihl, DHL oder Mahle sowie mit wissenschaftlichen Einrichtungen einen Aktionsplan aufgestellt – darin wird formuliert, wie die bisherigen Hürden abgebaut werden könnten. Das Bohren dicker Bretter bei der EU gehört auch dazu.