Bei gutem Wetter sind die Schafe und Ziegen in Rudersberg draußen. Sie warten sehnsüchtig darauf, dass das Tor aufgemacht wird. Fotos: privat
Rudersberg. Das Bild vom aggressiven Hahn widerlegt Bert im Nu. Nicht nur lässt er sich auf den Arm nehmen, der Gockel genießt die Streicheleinheiten der Helfer sichtlich. „Die Tiere werden sehr zutraulich, wenn man sich um sie kümmert“, erklärt Katharina Reinhard. Sie ist die Gründerin des Lebenshofs Seelenglück und die erste Vorsitzende des Vereins. Es sei ihr Traum gewesen, einen Hof zu kaufen und dort geretteten Tiere ein Zuhause zu geben. Kurz nach der Hochzeit beschlossen sie und ihr Mann Max, nicht mehr damit zu warten, bis das Geld für ein eigenes Grundstück reicht.
Zuerst nahmen sie ein misshandeltes Kätzchen auf, dann eine Gruppe Hühner, die zum Schlachter hätten gehen sollen. Dann kamen die beiden Ziegen, diverse Schafe und noch mehr Hühner und Hähne. „Es wurde sehr schnell größer als gedacht“, blickt Katharina Reinhard lächelnd zurück. Der Lebenshof hat deshalb zwei Höfe gepachtet – einen in Schorndorf und einen anderen in Rudersberg. Im April 2025 gründete das Paar gemeinsam mit Unterstützern den zugehörigen Tierschutzverein. Der Lebenshof Seelenglück beherbergt nun etwa 60 Tiere. Finanziert wird der Verein durch Spenden, Patenschaften und Mitgliedsbeiträge, „Max und ich haben aber auch unsere Ersparnisse reingesteckt“, sagt Katharina Reinhard. Beide arbeiten in Vollzeit und kümmern sich in ihrer Freizeit um die Tiere. Eine größere Reise ist da nicht drin: „Urlaub machen wir dann einfach hier.“
Es gibt viel zu tun für die Gäste
Um die Arbeiten rund um die beiden Höfe auf mehrere Schultern zu verteilen, gibt es einmal im Monat einen Mitmachtag, bei dem sich Freiwillige einbringen können. An diesem Tag sind es allein in Rudersberg rund 30 Helferinnen und Helfer. Für sie stehen diverse Aufgaben an: eine Hühnerleiter bauen, den Hühnerstall gestalten, die Weide umstecken, eine Vitaminbar für Schafe bauen, die Klauen der Schafe und Ziegen schneiden – oder auch einfach ein wenig Zeit mit den Tieren verbringen.
Gero Gröschel ist über eine Bekannte auf den Lebenshof aufmerksam geworden. Der Stuttgarter war erstmals im Januar vor Ort. „Da waren wir nur sechs Leute“,erinnert er sich. Kein Vergleich zu diesem Mal. Da habe er den Weidezaun errichtet, Hölzer geflämmt und mit dem Bau der Hühnervoliere begonnen. Auch Finja aus Göppingen ist eine Wiederholungstäterin, sie hat schon zweimal vor Ort geholfen und hat das Team beim Weihnachtsmarkt unterstützt. „Ich wollte mehr für Tiere tun, als nur vegan zu leben“, beschreibt sie ihre Motivation. Ihr Fazit: „Es ist super!“ Neben Arbeiten wie Ausmisten, Futter vorbereiten und Pfosten setzen bleibt ihr auch immer Zeit, um mit den Tieren zu knuddeln.
Während auf dem Hof gearbeitet wird, nimmt sich Katharina Reinhard auch Zeit, um die Fragen der Helferinnen und Helfer zu beantworten und Wissenswertes über die Tiere weiterzugeben – etwa Details zur Herkunft, zu den Rahmenbedingungen in der Massentierhaltung und wann und warum die Tiere aussortiert werden. Schafe, die eine Gebärmutter- oder Euterentzündung haben, seien beispielsweise nicht mehr wirtschaftlich. Oder Hühner, deren Legeleistung nachlässt. Seelenglück nimmt auch Tiere mit Handicap auf, in Schorndorf gibt es eine eigene Gruppe für Hühner mit Beeinträchtigung. Und Hähne, die wegen des Lärms keiner möchte, dürfen in Rudersberg in einer WG zusammenleben.
Manche Tiere brauchen viel Pflege
Es gibt auch kuriose Erkenntnisse: So erfahren die Gäste etwa, dass Hühner sich bis zu 80 Gesichter merken können, und Katharina Reinhard stellt ihnen Charly vor, ein intergeschlechtliches Huhn, das einerseits Eier legt, andererseits aber auch Sporen entwickelt wie ein Hahn. Und dass manches Schaf beim Kraulen vor Freude mit dem Schwanz wedelt, entzückt die Gäste.
Was es auf dem Lebenshof nicht geben wird, ist Nachwuchs. „Alle Böcke sind kastriert“, macht Katharina Reinhard klar. Der Lebenshof soll schließlich kein Streichelzoo sein, sondern ein Ort, an dem sich die Tiere erholen und sicher fühlen können. Gerade die Hühner, die aus Legebetrieben kommen, brauchen anfangs viel Pflege. „Cappuccino hatte lange kein Gefieder mehr“, berichtet Katharina Reinhard. Für solche Hühner gibt es dann extra Wärmelampen. Ein Huhn lebt derzeit in Intensivpflege in der Wohnung des Paars und wird täglich mit Medikamenten versorgt. Manche Tiere schaffen es dennoch nicht, Abschiede gab es folglich im Lebenshof auch schon. Manche Hühner bekommen einen Hormonchip, der ihre Legetätigkeit unterdrückt. So können sich die Tiere schneller erholen, entzieht ihnen die künstlich erhöhte Legeleistung doch viele wichtige Nährstoffe. Die Eier, welche die Hühner im Lebenshof legen, werden ihnen zurückverfüttert – inklusive der Schale. Denn auf dem Lebenshof Seelenglück müssen die Tiere nicht für Menschen etwas erbringen, sondern dürfen einfach sein.