„Weg mit Merz!“ statt Sommermärchen: Sahra Wagenknechts BSW kapert das aktuelle Fußball-Fieber eiskalt für eine politische Kampagne, während Lidl Live-Avatare am Start hat.
„WM – weg mit Merz!“, fordert das Bündnis Sahra Wagenknecht.
Von Michael Maier
Die Fußball-Weltmeisterschaft läuft, und während auf dem Rasen um Tore gekämpft wird, hat das Marketing-Spektakel im Hintergrund eine neue Stufe erreicht. Wer dachte, WM-Kampagnen bestehen nur noch aus den immer gleichen Sprüchen und Deutschland-Trikots oder schwarz-rot-goldenen Rabatt-Prospekten, wird in diesem Sommer eines Besseren belehrt.
Zwei Kampagnen spalten gerade das Netz – weil sie technologisch bahnbrechend oder politisch offensiv mit dem Kürzel „WM“ spielen. Auf der einen Seite: Der Discounter-Riese Lidl, der mit KI-Avataren live auf Spielereignisse reagiert. Auf der anderen Seite: Sahra Wagenknecht und das BSW, die das Fußball-Fieber eiskalt für eine Anti-CDU-Kampagne nutzen.
„Willy Würstchen“ von Lidl
Lidl hat das klassische Handelsmarketing für dieses Turnier quasi beerdigt. Statt wochenlang im Voraus geplanter TV-Spots setzt der Discounter in Zusammenarbeit mit dem RTL-Vermarkter Ad Alliance voll auf generative künstliche Intelligenz.
Das Prinzip ist clever wie skurril: Aus einem fiktiven News-Studio melden sich während der WM-Tage KI-generierte Lebensmittel-Avatare im Fernsehen (unter anderem in Werbeblöcken bei RTL). Anführer der virtuellen Truppe ist „Willy Würstchen“, ein animierter Grill-Avatar. Das Kuriose: Die Spots entstehen quasi in Echtzeit. Fällt auf dem Platz ein überraschendes Tor, holt ein Außenseiter den Sieg oder brennt der Rasen, reagieren Willy Würstchen und seine KI-Kollegen blitzschnell im TV-Studio darauf und verknüpfen das Spielgeschehen direkt mit passenden Last-Minute-Einkaufsimpulsen im Supermarkt.
Lidl nutzt das Turnier also als Testfeld für vollautomatisiertes, datenbasiertes Echtzeit-Marketing. Ob man von einer KI-Wurst Kaufempfehlungen bekommen möchte, muss jeder selbst wissen – faszinierend ist die Technik dahinter allemal.
BSW: „Unsere WM: Weg mit Merz!“
Während Lidl die Emotionen technologisch ausschlachtet, nutzt das Bündnis Sahra Wagenknecht das kollektive WM-Gefühl für eine knallharte politische Kampagne. Unter dem Slogan „Unsere WM 2026: Weg mit Merz!“ hat die Partei zum Turnierstart eine bundesweite Offensive gestartet.
Den Auftakt feierte das BSW mit einer Großkundgebung in Magdeburg – komplett im Fußball-Jargon durchdekliniert. Sahra Wagenknecht rief der Menge zu, Deutschland sei längst in „Weg-mit-Merz-Stimmung“ und brauche dringend einen „neuen Cheftrainer“. Friedrich Merz und die politische Konkurrenz wurden als Truppe betitelt, die „jeden Tag aufs eigene Tor schießt“ und das Land in die „Kreisklasse“ absteigen lässt.
Das BSW nutzt die enorme Reichweite und das Vokabular des Turniers, um den Fokus im Sommerloch auf den beginnenden Wahlkampf und die kommenden Landtagswahlen im Osten zu lenken. Eine klassische politische Blutgrätsche im Prime-Time-Umfeld. Bleibt abzuwarten, ob der Wähler es am 6. September in Sachsen-Anhalt honoriert – oder die Rote Karte zeigt.