Die Zuckersteuer ist beim Kampf gegen Diabetes und Übergewicht ein Reizthema.
Von Eidos Import
Als die konservative Agrarpolitikerin Caroline Bosbach kürzlich vor der versammelten Elite der Lebensmittelindustrie mit Verve ihr grundsätzliches Nein zur Zuckersteuer unterstrich, mokierte sie sich über den „hohen Norden“. Gemeint war damit der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, der sich über den Bundesrat für eine höhere Besteuerung von Limonaden einsetzt. Was Bosbach verschwieg: „Genosse Günther“, wie ihn seine Parteifreunde von der CDU gerne schmähen, hat mittlerweile in Berlin eine Verbündete am Kabinettstisch: Nina Warken.
Die Gesundheitsministerin spricht damit auch für einige Fachpolitiker aus ihrem Bereich, die sich trotz der deutlichen Ablehnung auf dem CDU-Parteitag eine Abgabe auf flüssige Zuckerbomben wünschen. Unterstützt werden sie von einer ganzen Reihe von Verbänden und Wissenschaftlern. Ähnlich groß ist allerdings auch der politische Widerstand unter den Wirtschafts- und Ernährungspolitikern. Klar, die Branche stemmt sich mit ihrer gesamten Umsatz- und Lobbymacht gegen eine Zuckersteuer.
Das beste Argument für eine Limo-Abgabe ist, mit Blick auf die Erfahrungen aus Großbritannien: In den Getränken der Briten befindet sich deutlich weniger Zucker als hierzulande. Gleichzeitig wächst der dortige Markt für Softdrinks weiter, was illustriert, dass den Verbrauchern auch die veränderte Rezeptur offenbar schmeckt. Außerdem gibt es, darauf verweisen Befürworter zu Recht, eine positive Entwicklung bei Karies.
Doch trotz weniger Zucker in Limonaden ist in Großbritannien so gut wie kein messbarer Rückgang von Adipositas bei Kindern zu erkennen – seit Jahren ein dickes Problem auf der Insel. Auch die Erwachsenen sind nach Einführung der Steuer nicht wirklich dünner geworden, es gibt weiterhin kaum ein europäisches Land mit mehr Übergewichtigen. Insofern schadet weniger Zucker in Softdrinks sicher nicht bei dem Unterfangen, die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern – aber der nachweisbare Nutzen in Bezug auf das Körpergewicht ist begrenzt.
In Deutschland ist das Adipositas-Problem nicht ganz so groß wie in Großbritannien, doch die Raten steigen deutlich an. Leider liefern auch die Gegner der Zuckersteuer keine wirklich überzeugenden Argumente, was man denn alternativ gegen das grassierende Übergewicht tun sollte. In Ernährungsbildung müsse man investieren, heißt es. Das ist auf individueller Ebene ganz sicher ein entscheidender Baustein, aber wer dem Bildungssystem das nächste Problem überstülpen möchte, verkennt die Lage an den Schulen. Wie so häufig im Leben von Kindern kommt es vor allem darauf an, was die Eltern wissen und ob sie die Zeit und finanziellen Möglichkeiten haben, den Alltag gesund zu gestalten.
Wie man aus der Union hinter vorgehaltener Hand hört, könnte die Lösung des Konflikts zwischen Gesundheits- und Wirtschaftspolitikern vor allem darin liegen, dass eine Höchstgrenze für Zucker in Getränken festgelegt wird. Das Beispiel Großbritannien lehrt, dass dies denselben Effekt hätte wie eine Abgabe auf Zucker. Mit höheren Staatseinnahmen sollte bei diesem Thema ohnehin niemand rechnen. Genauso wenig wie mit einer drastischen Reduzierung von Übergewicht.
Wem es darum geht, sollte sich eher für die Verfügbarkeit von Abnehmspritzen für die breite Masse einsetzen. Am einfachsten wäre es, die Wirkstoffe zur Kassenleistung zu machen. Das würde die finanziell gebeutelten Krankenkassen zwar sehr viel Geld kosten. Dafür wären die positiven Folgen deutlich spürbar – für die Menschen, die Volkswirtschaft und das Gesundheitssystem.