Kapital, Kapitalismus, Karl Marx

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1867 erschien der erste Band von Karl Marx' „Das Kapital“: Ist der Mensch von Natur aus Kapitalist oder Kommunist, konservativ oder progressiv? Wird man als Linker oder Rechter geboren oder erst dazu gemacht? Über eine Debatte, die heute aktueller ist denn je.

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Ist deshalb alles falsch, was der Philosoph mit dem Prophetenbart auf Tausenden von Seiten ausgebreitet hat? „Mitnichten“, sagt der langjährige Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München, Hans-Werner Sinn. Vor allem Marx’ Krisentheorien seien heute wieder „hochaktuell“.

Von Markus Brauer

Der Mensch hegt und pflegt seine Traditionen und strebt zugleich nach revolutionären Umwälzungen. Sein Leben entfaltet sich im Spannungsfeld von Kontinuität und Fortschritt, Identität und Bilderstürmerei. Konservative haben sich die Bewahrung bestehender Ordnungen zum Ziel gesetzt. Sozialisten propagieren den permanenten Fortschritt, Utopisten glauben an die Vision einer perfekten Gesellschaft. Das Tragische ist, dass Utopien sich in ihr Gegenteil verkehren, sobald man versucht sie zu verwirklichen.

Utopie und Realität

Das kommunistische Paradies, von dem Karl Marx (1818-1883) einst träumte, ist hierfür das beste Beispiel. Da sich die Utopie der klassenlosen Gesellschaft in Russland nicht auf friedlichem Wege verwirklichen ließ, griffen die Bolschewiki unter Führung von Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924) zur Gewalt.

Das führte zu einer dramatischen Verschlechterung der Lebensverhältnisse und zu noch mehr Gewalt, um den Widerstand in der Bevölkerung zu brechen. Aus Revolutionären wurden linke Reaktionäre, die mit allen Mitteln versuchten das Eroberte zu bewahren und gegen jede Veränderung zu verteidigen.

Zivilisation und Urzustand

Die Frage, ob der Mensch von Natur aus konservativ ist, setzt voraus, dass es einen Naturzustand gibt. In der Philosophiegeschichte hat man darüber immer wieder nachgedacht. Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679) sprach vom „Krieg aller gegen alle“. Kultur, Tradition und Zivilisation sind ihm zufolge aus der Notwendigkeit entstanden, dem Menschen das Überleben zu sichern.

Für den französischen Denker Jean-Jacques Rosseau (1712–1778) ist der Naturzustand, in dem der Mensch im Einklang mit der Natur lebte, das Ideal, zu dem die Gesellschaft zurückkehren muss.

Leben und Lernen

Dieser Zustand, der am Anfang der Menschheitsgeschichte steht, ist jedoch genauso Fiktion wie eine lineare geschichtliche Entwicklung. Die Zukunft ist keine verlängerte Gegenwart. Was geschehen wird, ist weder vorhersehbar oder logisch zu ergründen, noch kann es aus der Historie erschlossen werden. Geschichte ist keine Zugfahrt, die man einfach beschleunigen (progressiv), anhalten (konservativ) oder umkehren (reaktionär) kann. Sie ist ein Prozess, in dem man das Zusammenleben mit anderen durch Interaktion mit seiner sozialen und natürlichen Umwelt erlernt.

Bewahren und Entdecken

Der Begriff konservativ kommt vom Lateinischen „conservare“ (erhalten, bewahren). Wäre der Mensch von Natur aus konservativ, würde ihn dies hindern, die Welt zu entdecken und von ihr zu lernen. Ernst Bloch (1885–1977), der „Philosoph der Hoffnung“, umschreibt den menschlichen Aggregatzustand so: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Der Mensch müsse erst lernen, wozu er auf der Welt ist. „Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns?“ Neugier und Hoffnung treiben den Menschen voran in eine Zukunft, die er selbst in der Hand hat.

Der Mensch ist von Natur aus beides: konservativer Rebell und revolutionärer Konservativer. Konservativ und progressiv, rechts und links sind reziproke Begriffe und bedingen sich wechselseitig. Der Mensch befindet sich in einem lebenslangen Lernprozess mit der ihn umgebenden Gesellschaft – von der er selbst ein Teil ist – , die ihn prägt und die er prägt.

Links und Rechts

Was Menschen voneinander unterscheidet, ist der Grad der Bereitschaft, sich auf Veränderungen einzulassen: Der Konservative duldet Fortschritt häppchenweise und nur dann, wenn Strukturen, Werte und Zustände sich vorsichtig und schrittweise verändern. Der Progressive drückt aufs Tempo und will den Lauf der Geschichte beschleunigen. Der Reaktionär will die Uhr zurückdrehen und den „Status quo ante“, einen idealisierten Zustand, wiederherstellen.

Welcher Typ man ist, hängt ab von der genetischen Disposition und Persönlichkeitsentwicklung, dem sozialen Umfeld, Intelligenzgrad oder Bildungsniveau. Ob der Einzelne eine Abneigung gegenüber Revolutionen hegt oder alles radikal zum Besseren wenden will, wird ihm nicht in die Wiege gelegt. Seine Haltung und Einstellung entwickeln und verändern sich, werden erlernt und erprobt, überprüft und verworfen. Sobald er seine Ziele erreicht hat, wird er versuchen das Erworbene abzusichern.

Egal, ob er sich das Etikett Linker oder Rechter zulegt. „Der radikalste Revolutionär“, sagt die Philosophin Hannah Arendt (1906–1975), „wird ein Konservativer am Tag nach der Revolution.“

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Nach mehr als zehnjähriger Arbeit, war es 1867 so weit. „Das Kapital“ war fertig. Genauer gesagt: der erste Band. Karl Marx brachte das Manuskript selbst nach Hamburg zu seinem Verlag Meissner. Am 14. September erschien es dort – und nichts passierte.

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Seinen großen Durchbruch hat der 1883 gestorbene Marx nicht mehr erlebt. Band 2 und 3 des „Kapitals“ wurden erst nach seinem Tod von Friedrich Engels (links) herausgegeben.

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Marx hatte fest daran geglaubt, mit dem „Saubuch“ berühmt zu werden. Was die finanziellen Erträge betraf, hatte er sich dagegen nie Illusionen gemacht: „Das „Kapital“ wird mir nicht einmal so viel einbringen, als mich die Zigarren gekostet, die ich beim Schreiben geraucht.“

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Lenin, Stalin, Mao, Che Guevara und Fidel Castro, Breschnew, Honecker (Foto) – sie alle beriefen sich darauf. Marx war ihr Guru, das „Kapital“ ihre Heilige Schrift.

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Der ostdeutsche Arbeiter-und Bauern-Staat hielt Marx bis zu seiner Selbstauflösung in Ehren. Der hätte für die Vereinnahmung wohl nur Hohn und Spott übrig gehabt.

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Antikapitalist auf Geldschein: 100-Mark-Banknote der DDR.

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Als er einmal erfuhr, dass sich eine neue Partei in Frankreich als marxistisch bezeichnete, erwiderte er: „Was mich betrifft, ich bin kein Marxist!“

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Die vermeintlichen Todeszuckungen des Kapitalismus, die Marx zu analysieren glaubte, seien wohl eher dessen Geburtswehen gewesen, höhnten Kritiker.

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Und das von Marx so hoch geschätzte Proletariat? „Man sehe sich die Arbeiter mit ihren Autos und Mikrowellen doch an – besonders verelendet sehen sie nicht aus“, spottete der US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson (1915-2009).

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Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks hielt man Marx für erledigt. Aber spätestens mit dem drohenden Banken-Kollaps von 2008 erlebte der deutsche Philosoph eine unerwartete Renaissance.

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Wie hoch die Gesamtauflage des „Kapitals“ inzwischen ist, weiß niemand. Berühmt waren etwa die blauen Ausgaben zu DDR-Zeiten. Im Westen versuchten die 1968er in „Kapital“-Schulungen, sich die Offenbarungen des sozialistischen Cheftheoretikers zu erschließen.

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Im Rückblick von 150 Jahren lässt sich sagen, dass es nach der Bibel nur wenige Bücher gegeben hat, die die Weltgeschichte so nachhaltig beeinflusst haben.

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Ironie der Geschichte: In Marx’ ehemaligem Wohnhaus in Trier befindet sich heute ein Ein-Euro-Shop. In der Stadt war Marx am 5. Mai 1818 geboren worden, hier verbrachte er die ersten 17 Jahre seines Lebens.