Wahlen ab 16

„Man schaut lieber weg – aber wählen wollen wir trotzdem“

Jugendliche erzählen, warum Politik sie verunsichert, wie Social Media ihre Meinungen prägt und was sie über die Wahl ab 16 denken.

„Man schaut lieber weg – aber wählen wollen wir trotzdem“

Rund 180 000 Minderjährige stehen vor ihrer ersten Landtagswahl

Von Laura Wallenfels

Bei der Landtagswahl am 8. März gilt erstmals ein neues Wahlrecht: Jugendliche dürfen ab einem Alter von 16 Jahren ihre Stimme abgeben. Rund 180 000 minderjährige Baden-Württembergerinnen und Baden-Württemberger sind dadurch laut Statistischem Bundesamt wahlberechtigt. Eine neue Zielgruppe, um die intensiv gekämpft wird, etwa mit Philipp Amthor, bei dessen Besuch in Bietigheim Döner für drei-Euro im Angebot war. Doch welche Themen beschäftigen junge Wählende wirklich?

Antworten darauf finden sich in einem Klassenzimmer der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule im Stuttgarter Osten. Dort sitzen Schülerinnen und Schüler in einem Stuhlkreis, die meisten zwischen 17 und 22 Jahre alt, um über die Wahl zu sprechen. Einige haben sich vorbereitet, vor sich Zettel mit Notizen, andere hören zunächst einfach zu. Die Mehrheit macht eine Ausbildung beim Drogeriemarkt dm, ein paar besuchen das Wirtschaftsgymnasium. Fast alle sagen: Wählen gehen wollen sie. Nicht aus Begeisterung, sondern aus Überzeugung. „Wenn ich nicht wähle, geht meine Stimme potenziell an eine Partei, die ich nicht möchte“, sagt die 22-jährige Alienna Sozzi.

Ob 16 zu jung sei zum Wählen? Die Antworten fallen vorsichtig aus. Ja, es gebe Risiken: Beeinflussung, Desinformation, Unsicherheit. Gleichzeitig sehen viele darin eine Chance. „Es geht um unsere Zukunft“, sagt die 17-Jährige Stella Partipilo. „Und wenn wir früher wählen dürfen, wird unsere Meinung vielleicht ernster genommen.“ Viele in der Runde fühlen sich politisch bislang wenig beachtet. Das Wahlrecht ab 16 gibt ihnen zumindest das Gefühl, beteiligt zu sein und Verantwortung zu übernehmen.

Zwischen diesem Wunsch nach Beteiligung und der tatsächlichen Wahlentscheidung sieht der Freiburger Politologe Michael Wehner typische Dynamiken einer jungen Wählerschaft. Jugendliche seien politisch keineswegs gleichgültig, ihr Wahlverhalten sei aber deutlich beweglicher als das älterer Generationen. Parteibindungen spielten eine geringere Rolle, stattdessen werde ausprobiert – auch, weil viele junge Menschen ihre politische Identität erst entwickelten. Politische Präferenzen junger Menschen spiegelten stark die gesellschaftliche Großwetterlage wider. Während früher Klimaschutz dominierte, stünden heute Krieg, wirtschaftliche Unsicherheit und steigende Lebenshaltungskosten im Vordergrund. Hinzu komme eine besondere Erfahrung dieser Generation: die Corona-Jahre. Viele junge Menschen hätten das Gefühl, von der Politik vernachlässigt worden zu sein

Für Belecia Yeboah, 18 Jahre alt, ist diese Wahl nicht die Erste. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Februar durfte sie bereits abstimmen. Dass nun auch 16-Jährige wählen dürfen, sieht sie mit gemischten Gefühlen. „Einerseits finde ich es gut, dass auch Jüngere die Chance bekommen, dass ihre Stimme gehört wird“, sagt sie. „Andererseits habe ich das Gefühl, dass junge Menschen sich leichter beeinflussen lassen – zum Beispiel durch Social Media.“

Fast alle in der Runde sprechen früher oder später über Plattformen wie TikTok oder Instagram. Politik taucht dort auf – aber selten gezielt. „Man kommt schnell in einen Tunnel, wo man nur noch das sieht, was die eigene Meinung bestätigt“, sagt Emilia Zeh. Viele beschreiben Social Media eher als Ort zum Abschalten. „Wenn ich nach der Schule scrolle, will ich unterhalten werden“, sagt Christian Harlan, 19 Jahre alt. Politik werde dort oft zugespitzt und emotional vermittelt: Krieg, Krisen, steigende Preise. „Politik ist oft mit Ängsten verbunden“, ergänzt Alienna. „Dann schaut man lieber weg.“

Auch im Freundeskreis werde zwar über Politik gesprochen, aber meist nur beiläufig. Einzelne Videos, kurze Kommentare, selten längere Diskussionen. Mehrere berichten, dass Gespräche schnell emotional würden – und dann abbrächen. Die Sorge, etwas Falsches zu sagen oder einen Streit auszulösen, sei groß. Wichtiger sei ein anderer Ort: die Schule. Vor allem der Gemeinschaftskundeunterricht wird genannt. Dort, sagen sie, gebe es mit der Lehrkraft jemanden, der einordnet. „So eine Art Schiedsrichter“, formuliert es Christian. Jemand, der Fakten kennt, Diskussionen moderiert und widerspricht, wenn etwas nicht stimmt. „Die Schule ist ein Ort, an dem wir mehr über die Demokratie, in der wir leben, sprechen sollten und wie wir dazu beitragen können“.